Zürcher Regierung soll Barbershops unter die Lupe nehmen | ZüriToday
Schwarzarbeit

Zürcher Regierung soll Barbershops unter die Lupe nehmen

· Online seit 01.04.2023, 07:03 Uhr
In den letzten Jahren ploppten so viele Barbershops aus dem Nichts auf, dass man gar nicht mehr nachkommt. Ob bei ebendiesen alles mit rechten Dingen zu und hergeht, soll nun die Regierung klären. Coiffeure, die schon lange bestehen, befürworten den Vorstoss.
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In Zürich sieht man sie an beinahe jeder zweiten Hausecke: die blau-rot-weissen Barbier-Pfosten der Barbershops oder besser – Billig-Coiffeure. An der Glasfassade stehen auch gleich die Preise und die locken und verwundern zu gleichen Teilen. Wie kann ein Geschäft rentieren, wenn der Preis bei 15 bis 25 Franken pro Haarschnitt liegt? Im Unterschied kostet ein Männer-Haarschnitt bei einem Coiffeur schon um die 70 Franken.

Mindestlöhne bei diesen Preisen unmöglich

Dass dieses Billig-Preismodell nicht aufgehen kann, wenn man rechtens wirtschaftet und faire Löhne zahlt, vermutet auch SVP-Kantonsrat Marcel Suter. Zusammen mit zwei Kollegen aus dem Kantonsrat hat der Politiker eine Anfrage an die Regierung verfasst. Jetzt soll diese prüfen, ob sich die Shops an gängige Regeln halten oder unrechtmässig wirtschaften. Insider vermuten Schwarzarbeit und Lohndumping.

Der Branche und Inhabern von Coiffeur-Salons stösst dieses Preis-Dumping ebenfalls sauer auf. Wie Graziano Cappilli aus Rüti sagt: «Es gibt zwar einen Mindestlohn, doch wenn ein Geschäft einen Haarschnitt für 15 bis 20 Franken anbietet und drei bis vier Mitarbeiter beschäftigt, kann es gar nicht den Umsatz erzielen, um die Mindestlöhne zu zahlen».

«Wir werden ja auch kontrolliert»

Das findet auch Giusi, «The Cutfather», der den Salon Haarrock im Zürcher Kreis 4 führt. «Mich persönlich stören die Shops nicht, aber dass das untersucht werden soll, finde ich schon richtig. Wir werden ja auch immer wieder kontrolliert», so Giusi.

Im Kanton Zürich wird rund 260-mal im Jahr kontrolliert, ob sich Betriebe an Bedingungen zu Anstellungen sowie den Gesamtarbeitsvertrag halten, wie die «Zürichsee Zeitung» schreibt. «Bei fast der Hälfte ist das nicht der Fall», sagt der Verein Paritätische Kommission für das schweizerische Coiffeurgewerbe. Am häufigsten werde gegen die Regelung des Mindestlohns von 3800 Franken verstossen oder Sozialversicherungen nicht bezahlt.

Preisunterschiede sind enorm

Weiter erklärt der Coiffeur aus der Zürcher Innenstadt, dass erst ab einem gewissen Betrag eine Mehrwertsteuer fällig wird. Arbeiten also zum Beispiel drei Personen in einem Betrieb, aber haben getrennte Kassen, sogenannte Stuhlmieten, prellt der Salon quasi die Mehrwertsteuer. «Das ist Läden wie unserem gegenüber natürlich nicht fair», so der Haarrock-Inhaber.

Er rechnet noch weiter: «Die Mitarbeitenden müssen etwa 2,5 Mal ihren Lohn umsetzen, damit sie rentieren. Vier im Mindestlohn angestellte Menschen müssten also 48'000 Franken erwirtschaften. Rechnet man mit 30 Franken pro Haarschnitt müsste jeder 22 Haarschnitte pro Tag liefern. Das ist eigentlich gar nicht möglich», sagt er.

Für ihn wäre zum Beispiel auch ein Preis-Band denkbar. «Ich fände es cool, wenn man da vielleicht einheitlicher fahren könnte. Nur allein schon in der Stadt ist die Preisspanne enorm gross», sagt Giusi. «Ich weiss natürlich nicht, wie diese Salons arbeiten», erklärt Giusi. «Es gibt immer Unterschiede im Preis. Das kann am Ambiente liegen, an der Lage, an der Ausbildung der Mitarbeitenden oder auch an der Wahl der Produkte», sagt er.

Petition soll Bedingungen verbessern

Die Entwicklung macht vielen Coiffeuren auch Sorgen. «Wir können nicht existieren, wenn so viele Salons Billigpreise anbieten», sagte Capilli jüngst gegenüber ZüriToday.

Suter möchte mit seiner Anfrage nicht die Barbershops per se verurteilen, sondern Fakten sammeln, um fundiert und sachlich über das Thema «Barbershop» diskutieren zu können.

Die Coiffeur-Branche dürfte die Anfrage begrüssen, hat doch Graziano Capilli jüngst eine Petition lanciert, um «die Attraktivität des Berufes zurückgewinnen» und die Bedingungen für die Branche zu verbessern.

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Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 1. April 2023 07:03
aktualisiert: 1. April 2023 07:03
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