Herrliberg

«Wollen uns nicht verstrahlen lassen» – Anwohner laufen Sturm gegen 5G-Antenne

Bettina Zanni, 15. November 2022, 20:04 Uhr
Auf einem schimmligen Block mitten in einem Quartier an der Goldküste will eine Eigentümerin eine 5G-Antenne installieren lassen. Anwohnerinnen und Anwohner wehren sich dagegen. Sie fürchten sich vor gesundheitlichen Folgen.
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Schon länger rätselten die Nachbarinnen und Nachbarn über das Baugespann auf dem Dach des hellbraunen Blocks mit den schimmligen Fassaden im Humrigen-Quartier in Herrliberg. Ein anonymes Schreiben aus Kreisen der Bewohnenden des Blocks, das kürzlich in die Briefkästen der Anwohnenden flatterte, brachte Gewissheit: Eine sechs Meter hohe 5G-Antenne der Sunrise UPC GmbH soll auf das Dach des Blocks gepflanzt werden.

«Die Strahlung geht ‹regenschirmartig› von der Antenne aus und betrifft die Nachbarliegenschaften intensiver als den Standort der Mobilfunkanlage selbst», warnt der Flyer, der ZüriToday vorliegt. So werde es den Bewohnern der Liegenschaft in diesem Falle angepriesen. «Nebst einem enorm hohen Geldbetrag, welcher an die Eigentümerin der Liegenschaft fliesst», kritisiert der Flyer weiter.

«Wären Strahlungen vollkommen ausgeliefert»

Gaby Tödtli wohnt wenige Meter neben dem Block. «Meine Familie und ich wären den Strahlungen dieser Antenne vollkommen ausgeliefert», sagt sie. Ihr Haus würde einer Strahlenbelastung von 4,98 Volt pro Meter (V/m) ausgesetzt sein – nur 0,02 V/m unter dem maximalen Anlagegrenzwert. Dieser Grenzwert gilt für Orte, an denen sich Menschen regelmässig über längere Zeit aufhalten. Dazu zählen zum Beispiel Wohnräume, Büros, Schulzimmer, Kinderspielplätze und Spitäler.

Tödtli wehrt sich nicht nur wegen der gesundheitlichen Bedenken gegen die 5G-Antenne. Geplant ist, dass die Antenne wie ein Kamin eingekleidet wird. «Das Teil würde monströs gross werden», sagt Tödtli. Beim Morgenkaffee stünde ihr die Antenne direkt vor der Sonne. «Überhaupt hätten wir die Antenne von allen wichtigen Wohnbereichen aus vor der Nase. Ob wir im Esszimmer sind, im Wohnzimmer oder im Schlafzimmer – wir hätten sie immer vor dem Fenster», regt sie sich auf.

Studie beunruhigt

Wenige Meter oberhalb des Blocks wohnt Manuela Toscano mit ihrer Familie in einem Reihenhaus. Besonders beunruhigt sie eine Studie der Beratenden Expertengruppe nicht-ionisierende Strahlung (Berenis) des Bundesamts für Umwelt.

Steht der Körper verstärkt unter oxidativem Stress, entstehen vermehrt Störungen der Stoffwechselvorgänge und Schäden an den Zellen. Die Studie kommt in ihrer Newsletter-Sonderausgabe vom Januar 2021 zum Schluss, dass die Mehrheit der Zell- und Tierstudien Hinweise auf vermehrten oxidativen Stress bei Exposition mit nicht-ionisierender Strahlung liefert. Um diese Beobachtungen besser zu verstehen und zu bestätigen, hält Berenis weiterführende Untersuchungen für notwendig.

Das Handy ist aus, die Antenne strahlt weiter

Bis nicht erwiesen sei, dass die Strahlungen ungefährlich seien, wolle sie keine 5G-Antenne im Quartier haben, sagt Toscano. «Wir wollen uns nicht verstrahlen lassen.» Viele Gutachten kämen zum Schluss, dass die Strahlungen schädliche Auswirkungen auf Mensch, Tier und Umwelt hätten. Sie zeigt aus dem Fenster in Richtung eines Spielplatzes und eines im Moment leerstehenden Kindergartens im Quartier über der Strasse. «Kinder gefährden solche Strahlungen besonders, was umso schlimmer ist.» Zudem würde die 5G-Antenne den Wert ihrer Immobilie vermindern.

Manuela Toscano und Gaby Tödtli haben ein Smartphone und W-Lan zu Hause. Nein, sie seien beide keine Gegnerinnen der modernen Kommunikationsmittel, betonen sie. Doch das W-Lan und das Handy könnten sie ausschalten, wenn sie es wollten – die Antenne nicht.

Grosser Widerstand

Mit der «Interessengemeinschaft – Einsprache 5G Antenne», die Manuela Toscano mit einem weiteren Anwohner ins Leben gerufen hat, wollen sie den Bau der Antenne bekämpfen. Über 40 Eigentümerinnen und Eigentümer hätten sich bis jetzt angeschlossen, sagt Manuela Toscano. Am Donnerstag wird die IG das Begehren um Zustellung des baurechtlichen Entscheids bei der Gemeinde Herrliberg einreichen.

Das Begehren ist bei Weitem nicht das einzige. «Wir haben jetzt rund 20 Begehren um Zustellung des baurechtlichen Entscheids erhalten», bestätigt Aurèle Wettstein, stellvertretender Leiter des Hochbauamts in Herrliberg. Der Baurechtsentscheid der Gemeinde sei noch ausstehend. Wettstein erklärt, dass das Vorhaben selbst im Falle eines Neins der Gemeinde nicht zwingend begraben wäre. «Die Sunrise kann einen negativen Entscheid seitens der Gemeinde beim Baurekursgericht des Kantons Zürich anfechten.»

Eigentümer erhalten viel Geld

Die Mobilfunkanbieter drängen auf einen möglichst raschen und flächendeckenden Ausbau des 5G-Netzes. Zur Versorgung des südöstlichen Gemeindegebiets von Herrliberg eigne sich das Flachdachgebäude sehr gut als Standort für eine Mobilfunkanlage, begründet eine Sunrise-Sprecherin die Wahl des Standorts. Konfrontiert mit den gesundheitlichen Bedenken der Anwohnenden, antwortet die Sprecherin: «Nach dem gesammelten Wissensstand verschiedener unabhängiger Expertenkommissionen konnte bis heute, bei Einhaltung der in der Schweiz gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerte, keine Gesundheitsgefahr beim Wohnen oder Arbeiten in der Nähe einer Sendeanlage nachgewiesen werden.»

Mobilfunkanbieter sind bereit, Eigentümern für die Antennen viel Geld hinzublättern. 120'000 Franken bot Sunrise laut dem SRF-«Kassensturz» für eine Antenne etwa auf einem Mehrfamilienhaus im Kreis 4 der Stadt Zürich.

Moderne Antenne, aber keine Sanierung

Die Eigentümerin hat auf eine Anfrage von ZüriToday am Dienstag nicht reagiert. Es deutet viel darauf hin, dass der finanzielle Anreiz sie dazu verlockt hat, ihren Mieterinnen und Mietern eine der umstrittenen 5G-Antennen auf das Dach zu setzen. Kopfschüttelnd zeigen Gaby Tödtli und Manuela Toscano auf die schimmligen Fassaden des Blocks und meinen: «Als hätte dieses Haus nichts dringender nötig als eine 5G-Antenne.»

Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 15. November 2022 18:52
aktualisiert: 15. November 2022 20:04