Bahnhofshalle voll Atommüll

Die unglaublichen Zahlen zum Endlager in Nördlich Lägern im Vergleich

13. September 2022, 16:19 Uhr
Die Nagra hat sich entschieden: Im Kanton Zürich soll das Atom-Endlager gebaut werden. Aber welche Ausmasse wird es haben? Wir haben uns die Zahlen mal genauer angeschaut. Und sind ins Staunen geraten.

Die finanzielle Dimension

Wie teuer das Endlager tatsächlich wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch unklar. Gerade bei grösseren Bauprojekten muss man davon ausgehen, dass noch unerwartete Zusatzkosten hinzukommen. Die Nagra geht davon aus, dass der Bau etwa 23 Milliarden Franken kosten wird.

Das sind etwa gleich viel, wie die Neat gekostet hat. Und die besteht aus drei Basistunneln (Lötschberg, Gotthard und Ceneri, gut 107 Kilometer Tunnel).

23 Milliarden Franken – das sind, rechnet man nach Zürcher Verhältnissen: 23'000'000 Nächte im Dolder Grand Hotel (wenn man von einem Preis von 1000 Franken pro Nacht ausgeht). Für diese Kosten könnte man also gut 63'000 Jahre im Dolder verbringen.

Der Fahrplan

Womit wir gleich bei der zeitlichen Dimension sind. Der Fahrplan sieht folgendermassen aus:

  • Bis 2024: Das Gesuch für das Endlager wird eingereicht.
  • Ab 2029: Bundesrat und Parlament entscheiden über Gesuch.
  • 2045: Geplanter Baubeginn des Endlagers.
  • 2050/60: Inbetriebnahme, der Müll wird eingelagert.
  • 2125: Das Lager wird verschlossen.

Selbst wenn alles nach Fahrplan läuft, lebt bei der Verschliessung der Lager also niemand mehr, der heute am Projekt gearbeitet hat. Wahrlich ein Generationenprojekt.

Die zeitliche Dimension

Doch die entscheidende Phase kommt erst im nächsten Jahrhundert: Dann wird das Lager verschlossen. Das Endlager soll die radioaktiven Abfälle für Zehntausende bis Hunderttausende Jahre einschliessen. Die Nagra zählt vier Barrieren auf, die dies gewährleisten sollen:

  • Zunächst wird der nukleare Abfall mit Glas fixiert, dies soll eine stabile Abfallstruktur garantieren. Der Abfall kommt dann in einen Behälter.
  • Der Endlagerbehälter aus Stahl schliesst die Abfälle laut Nagra für mindestens 10'000 Jahre ein.
  • Wird dieser Behälter undicht, fungieren die aufgefüllten Stollen als «Behälter». Diese sind mit Bentonit gefüllt und binden die radioaktiven Stoffe für einige Zehntausend Jahre.
  • Erst nachdem auch die Stollen undicht werden, kommt die letzte Barriere zum Zug: die 100 Meter dicke Opalinuston-Schicht. Sie soll als Versiegelung dienen und verhindern, dass radioaktives Material ins Grundwasser gelangt.

Hier sieht man den Querschnitt eines Endlagerbehälters in einem Stollen.

© Keystone

Die nuklearen Abfälle verlieren mit der Zeit an Strahlung, 200'000 Jahre dauert es, bis sie ein natürliches Radioaktivitätslevel erreicht haben.

Bei den Szenarien für die Erdoberfläche wirds dann siebenstellig: Wie sieht die Erdoberfläche in einer Million Jahren aus? Das Szenario für den Standort Jura Ost zeigte beispielhaft, dass sich die Aare bis dahin bis in die Opalinuston-Schicht hineinfressen könnte, weswegen dieser Standort fürs Endlager ausgeschlossen wurde.

Zum Vergleich: Vor einer Million Jahren gab es den modernen Menschen noch nicht, sondern nur unsere Vorfahren namens Homo Erectus. Wer wohl in einer Million Jahren die Welt bevölkern wird?

Die räumliche Dimension

Gehen wir ein bisschen näher auf die Opalinuston-Schicht ein: Diese befindet sich in einer Tiefe zwischen 400 und 1000 Metern. Das Endlager am Standort Nördlich Lägern soll in einer Tiefe von 800 Metern gebaut werden – laut Nagra der optimale Standort.

Der Vergleich zwischen den Tiefen der Standorte.

Für das Endlager werden knapp 50 Kilometer Stollen gebohrt, sagt Nagra-Mediensprecher Felix Glauser gegenüber ZüriToday.

Übrigens: Die gesamten radioaktiven Abfälle (vorausgesetzt, es wird kein neues AKW gebaut) haben ein Volumen von 83'000 Kubikmeter. Das sagt dir nichts? Das ist etwa so viel, als würde die Bahnhofshalle vom HB zu zwei Dritteln mit Müll gefüllt werden.

Für die Oberflächenanlage ist eine Fläche von bis zu acht Hektaren nötig. Das entspricht rund elf Fussballfeldern. Die gesamte Infrastruktur an der Erdoberfläche benötigt eine Fläche von bis zu 20 Hektaren.

(jaw)

Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 13. September 2022 16:21
aktualisiert: 13. September 2022 16:21
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