Kinder von suchtkranken Eltern

«Wenn Mama weg war, fühlte sich das an wie Ferien»

Maurus Held, 25. März 2022, 07:56 Uhr
Laura (14) hat eine alkoholabhängige Mutter. Der Alltag mit ihr ist geprägt von Einsamkeit, Ängsten und auch Gewalt. Damit ist Laura nicht allein: Rund 100'000 Kinder stecken hierzulande in ähnlichen Situationen.
Rund 100'000 Schweizer Kinder leben in Haushalten, die von Alkohol- und Substanzenmissbrauch geprägt sind. (Symbolbild)
© Getty Images

Die nationale Aktionswoche für Kinder von suchtkranken Eltern findet noch bis Sonntag statt. Diverse Fachstellen und Organisationen tragen die Kampagne mit, um auf die Problematik aufmerksam zu machen. Bedenkt man, dass hierzulande rund 100'000 Kinder um alkoholabhängige Familienmitglieder herum aufwachsen, wird verständlich, weshalb es eine solche Aktionswoche braucht.

Eine Direktbetroffene ist Laura* (14). Ihre Mutter ist alkoholsüchtig, und dementsprechend ist an eine normale Kindheit und Jugendzeit nicht zu denken. Welche Erfahrungen sie mit ihrer Mutter, vor allem aber mit der Alkoholabhängigkeit gemacht hat, wie ihr Alltag aussieht und was sie sich von der Zukunft erhofft, schildert sie nun ausführlich.

"Ich stehe auf, ziehe mich an, putze mir die Zähne. Gefrühstückt habe ich alleine, das Frühstück habe ich mir ebenfalls alleine zubereitet. In der Schule fühle ich mich nicht wohl, und das widerspiegelt sich auch in meinen Noten. Meine Mutter kann darin aber nichts gross ändern. Sie würde mir niemals bei meinen Hausaufgaben oder beim Lernen helfen. Sie hat meist andere Prioritäten.

Meine Mutter ist alkoholabhängig. Ihre Sucht bestimmt nicht nur ihr Leben, sondern auch das meine. Mein Vater hat uns vor rund zwei Jahren verlassen und bekommt deshalb auch nicht richtig mit, was sich bei uns abspielt. Zum Beispiel, dass vor kurzem ein fremder Mann bei uns in der Wohnung übernachtete und dann bis am späten Nachmittag herumhing.

Die Bar wollte schliessen, Mama noch nicht gehen

Jetzt ist Mittagszeit, doch das muss nicht heissen, dass etwas zu Essen bereit steht. Wobei ich sagen muss, dass meine Mutter eine gute Köchin ist. Manchmal gibt sie sich richtig Mühe und kocht sehr fein. Manchmal gibts aber auch gar nichts zu essen, sie schläft noch oder sagt, sie habe keinen Hunger. Stattdessen sitzt sie dann auf der Couch und trinkt Bier. Es kommt wirklich auf den einzelnen Tag an. Es gibt gute und schlechte Tage. An den schlimmen Tagen hat sie Wutausbrüche, einmal schlug sie mich sogar mit einem Gürtel.

Seit wann meine Mutter alkoholsüchtig ist und wie es dazu gekommen ist, kann ich gar nicht sagen, doch es muss schon längere Zeit so sein. Ich mag mich noch erinnern, wie ich sie einmal von ihrer Stammbar bei uns im Quartier abholen musste, die Bar wollte schliessen, Mama aber noch nicht gehen. Sie pöbelte dann herum, was allen unangenehm war. Schliesslich ist sie mir dann nachhause gefolgt. Der Alkohol war aber auch mit ein Grund, warum mein Vater uns verliess.

Mehrheitlich bin ich es, die sich um sie kümmern muss, und nicht umgekehrt. Oft gibt sie mir Geld, mit welchem ich einkaufen gehen soll, inklusive Bier und Wein, weil sie weiss, dass ich wie 16 aussehe. An der Kasse gab es wegen meines Alters trotzdem schon ein paar Mal unangenehme Situationen, mir drohte gar eine Anzeige. Und auch zuhause wurde es zweimal richtig unangenehm: Einmal erbrach sie im Wohnzimmer, und dann musste ich alles aufputzen. In derselben Woche klappte sie plötzlich bewusstlos zusammen, also musste ich den Notarzt rufen.

Ich wünsche mir Stabilität und Struktur

Eine Nachbarin hat auch schon mal die Polizei gerufen, weil meine Mutter laut herum schrie. Sie kam dann für ein paar Wochen in eine kontrollierte Wohninstitution. Ich blieb bei einer Gastfamilie. Für mich fühlte sich das an wie Ferien, obwohl ich sie nach der Schule oft besuchen ging. Bei diesen Besuchen hatten wir auch ein paar gute Gespräche, und ich muss sagen, dass ihr das kontrolliere Wohnen gut getan hat. Die Strukturen, die sie dort vorfand, hat sie zuhause nicht. Freiwillig möchte sie aber nicht in diese Institution zurückkehren.

Manchmal bin ich schon verzweifelt. Freunde habe ich nur wenige, auch, weil wir immer mehrmals umgezogen sind. Während andere Gleichaltrige sich treffen und Dinge zusammen unternehmen, muss ich meine Mutter beim Haushalt unterstützen. Ich putze oder wasche, erledige die Einkäufe. Sie ist sehr vergesslich, und so liegt es an mir, diese Dinge nachzuholen. Sie sagt jedes Mal, es tue ihr leid, doch damit ist mir auch nicht geholfen.

Ich spüre aber schon, dass sie grundsätzlich etwas ändern möchte. Sie ist definitiv ein Opfer ihrer eigenen Sucht. Sie erzählt mir manchmal von ihren eigenen Träumen, davon, dass sie einst Kunstturnerin werden wollte. Und sie sagt mir immer wieder, dass sie mich liebt. Und das glaube ich ihr auch, obwohl ihre Taten und ihr Verhalten ein anderes Bild zeichnen. Ich würde dennoch niemals sagen, dass sie ein schlechter Mensch ist. Schlecht ist die Sucht.

Was ich mir wünsche, sind Stabilität und funktionierende Strukturen. Zuhause, aber vor allem für mich in meinem eigenen Alltag. Und ich möchte ein Verhältnis zu meiner Mutter haben, das nicht länger belastet ist durch ihre Sucht. Ich möchte, dass sie eines Tages abstinent ist. Ich bin auch bereit, ihr dabei zu helfen. Deswegen kommt für mich nicht in Frage, bei meinem Vater zu wohnen. Dann wäre meine Mutter komplett verloren."

* Name von der Redaktion geändert

Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 23. März 2022 06:49
aktualisiert: 25. März 2022 07:56
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