Kinder von suchtkranken Eltern

«Missbrauch von Substanzen kommt in den besten Familien vor»

Maurus Held, 21. März 2022, 06:15 Uhr
In der Schweiz wachsen rund 100'000 Kinder in einem Elternhaus auf, in welchem Alkohol- oder Drogensucht herrscht. Die Suchtpräventionsstelle der Stadt Zürich setzt sich intensiv für sie ein. Das Ziel: Handeln, bevor es zu spät ist.
Szene aus dem Kinofilm «Prinzessin»: Die kleine Nina sieht in ihrem alkoholkranken Onkel Josef nicht die Sucht, sondern den Menschen. In einer ähnlichen Situation wie Nina befinden sich hierzulande rund 100'000 Kinder.
© cineworx

«Prävention kann nicht früh genug beginnen.» Dörte Wurst weiss, wovon sie spricht. Seit sechs Jahren setzt sich die Wahlzürcherin für Menschen mit Suchtproblemen, aber auch für deren Angehörige, ein. Als Projektleiterin der Suchtpräventionsstelle der Stadt Zürich besteht Wursts Arbeit, wie der Name der Stelle schon verrät, vor allem darin, präventiv zu agieren. Konkret versucht sie, Menschen vor möglichen Süchten abzuhalten. Und eben – dafür ist es nie zu früh.

Zu spät hingegen schon, zumindest für rund 100'000 Kinder in der ganzen Schweiz. Sie wachsen in einem Haushalt auf, in dem Sucht ein fester Bestandteil des Alltags ist. Eine erschreckende Zahl, die vor vier Jahren dazu bewegt hat, die nationale Aktionswoche für Kinder von suchtkranken Eltern ins Leben zu rufen. Diese findet einmal jährlich statt, heuer coronabedingt allerdings nur virtuell. Nichtsdestotrotz versuchen Wurst und ihr Team, mit möglichst vielen betroffenen Kindern in Kontakt zu treten.

Kindergärtner könnten erste Probleme erkennen

Es sind die Jungen, die besonders unter den Süchten eines Familienmitglieds leiden. «Ein Kind ist angewiesen auf Zuneigung, auf Stabilität, auf ein gesittetes Familienleben. Alkohol oder andere Süchte können diese Bedürfnisse stark gefährden», erklärt Wurst. Aus diesem Grund kommt bei ihrer Arbeit immer das Kind an erster Stelle – nicht die Sucht selbst. Diese zu heilen oder zu bekämpfen sei grundsätzlich die Aufgabe anderer Anlaufstellen. «Wir versuchen dafür zu sorgen, dass es gar nicht erst so weit kommt.»

Aus diesem Grund bietet die Suchtpräventionsstelle Risiko-Check-Termine an. Hier wird der Dialog mit Betroffenen, die sich nicht sicher sind, inwiefern ihr Konsum problematisch ist, gesucht. Zudem setzen Wurst und ihr Team auf eine sogenannte Multiplikator-Strategie: Kindergärtner, Kinderärzte, Lehrpersonen und Jugendarbeitende sollen gezielt für das Thema Sucht in Familien sensibilisiert werden und das Wissen weiterverbreiten. «Sie sind diejenigen, die nebst den Eltern am meisten um die Kinder herum sind», so Wurst. «Wenn sie genauer darauf achten, ob und weshalb ein Kind Probleme zu Hause hat, dann können wir eher reagieren.»

Süchte machen vor niemandem Halt

Lehrpersonen könnten zudem zu wichtigen Bezugspersonen für die Kinder werden. «Sie erfahren in der Schule Anerkennung und Nächstenliebe. Dinge, die zuhause aufgrund einer Sucht auf der Strecke bleiben», so Wurst. Erkennt eine Bezugsperson, dass es einem Kind nicht gut geht, dann sei das bereits ein erster Schritt in die richtige Richtung. «Das Schlimmste wäre, wenn ein Kind den Vater oder die Mutter kopiert und selbst in eine Sucht gerät. Dieses Risiko besteht durchaus.» Wichtig sei aber auch, dass die betroffenen Eltern selbst wissen, dass sie sich jederzeit Hilfe bei der Suchtpräventionsstelle holen können.

Hilfe holen – das ist leider oft mit Scham verbunden. «Da sagen wir aber ganz klar: Sucht ist eine Krankheit, sie ist nie selbstverschuldet. Niemand kann etwas dafür.» Entsprechend sei keine Gesellschaftsklasse oder -kreis vor Süchten geschützt. «Es gibt sie in den vordergründig besten, reichsten Familien», so Wurst. Hinzu komme, dass mit der Corona-Pandemie und den damit verbundenen Ängsten und Sorgen eine weitere Treibkraft existiere. «Tendenziell ist es so, dass Süchte, die schon vor der Pandemie da waren, nachher eher extremer geworden sind.»

Statistiken sind nicht immer einfach zu erfassen

Die Pandemie dauert an, mittlerweile seit nunmehr zwei Jahren. Was erhoffen sich Wurst und die Präventionsstelle von der diesjährigen nationalen Aktionswoche? «Wegen Corona beschränkt sich unser Tun auf den virtuellen Raum. Das Jahr über bieten wir aber Workshops und Elternabende an oder bilden Kindergärtner und Pädagogen aus. Unser Ziel muss sein, die Gesamtbevölkerung zu sensibilisieren.»

Leider seien Süchte oft immer noch ein Tabuthema. So würden wohl viele erstaunt reagieren, dass auch Kaufsüchte ein Problem darstellen. «Es müssen nicht zwingend Substanzen sein.» Dies gelte es ebenfalls zu thematisieren.

Apropos Substanzen: Alkohol ist hier wohl die Nummer eins. «Zumindest haben wir hierfür die verlässlichsten Zahlen», so Wurst. «Aber auch Medikamentenmissbrauch ist ein grosses Thema, genauso wie der Mischkonsum der beiden.» Der Konsum von Cannabis sei zu wenig genau erfasst, als dass sich dazu eine genaue Aussage machen liesse. Viel wichtiger als Zahlen und Statistiken sei aber das Gefühl zu wissen, dass Hilfe angeboten wird. «Wir sind da für jeden und jede. Und diese Woche speziell für die Kinder.»

Dörte Wurst, Projektleiterin Suchtpräventionsstelle Stadt Zürich
© zVg

Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 21. März 2022 06:29
aktualisiert: 21. März 2022 06:29
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