Zürich

Tonnenweise giftiger Abfall soll im Zürichsee bleiben

Radioaktiv

Tonnenweise giftiger Abfall soll im Zürichsee bleiben

· Online seit 26.04.2023, 08:29 Uhr
Arsen, Blei und Uran liegen auf dem Grund des Zürichsees vor der ehemaligen Chemiefabrik in Uetikon am See. Wie der Kanton Zürich jüngst erklärte, soll das auch so bleiben.
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An einer Infoveranstaltung des Kantons Zürich waren plötzlich Ausdrücke wie «Propaganda» und «skandalös» zu hören. Es sind Äusserungen von Andreas Natsch (55), Co-Präsident des Vereins «Lobby für Uetikon» und Marco Bähler (67), diplomierter Strahlenschützer aus Uetikon.

Grund für ihre harschen Worte ist eine Fläche von rund 75'000 Quadratmetern im Zürichsee, auf der Chemieabfälle und sogar radioaktives Material liegt. Es ist Müll. Hochgefährlicher Müll, der von der ehemaligen Chemiefabrik in Uetikon am See stammt.

Kontaminiertes Material zuschütten, statt abpumpen

Wie der Kanton an besagter Info-Veranstaltung erklärte, sei der Plan, dass dies auch so bleiben soll. Man will also das giftige Zeug nicht aus dem Gewässer holen. Das stark kontaminierte Material im Uferbereich soll überschüttet, statt abgepumpt werden. «Die Bevölkerung wird an der Nase herumgeführt. Es war keine Informationsveranstaltung, sondern reine Propaganda», schimpfte Natsch und stürmte aus dem Saal, wie «Blick» schreibt.

Das Verhalten der Behörden, die Einwohnerinnen und Einwohner vor beschlossene Tatsachen zu stellen, was quasi ihren Heimatort und ihren See betrifft, bezeichnete Marco Bähler als skandalös.

Dieses Verhalten widerspreche unter anderem auch der Aarhus-Konvention. Gemäss dieser müsste die Öffentlichkeit bei Entscheidungen von grosser ökologischer Bedeutung rechtzeitig und umfassend informiert werden.

Kanton gibt Unterlassung zu

Auf die Kritik aus der Bevölkerung reagierte auch Balthasar Thalmann, Leiter des Amts für Wasser, Energie und Luft des Kantons Zürich (Awel). «Der Kanton hat offensichtlich das Bedürfnis nach Informationen unterschätzt», meint er dazu.

Man habe aber nichts zu verstecken, ergänzt Thalmann gibt aber auch zu, dass es eine Unterlassung gewesen sei, die Bevölkerung nicht früher und breiter über die Projektänderung informiert zu haben.

Zu Beginn des Projekts war geplant gewesen, alles giftige Material aus dem See abzupumpen. Warum sich die Herangehensweise nun geändert hat, erklärte Bettina Flury, Projektleiterin beim Awel gegenüber «Blick». Es sei erst nach Projektbeginn klar geworden, dass die belastenden Ablagerungen im Uferbereich bis zu sieben Meter dick seien.

Eine Frage des Geldes

Die Totaldekontamination wurde verworfen, weil die Kosten und die Risiken bezüglich eines Abrutschens der Ufermauer zu gross wären. «Deshalb hat man sich für eine Überschüttung im Uferbereich entschieden», erklärt Flury.

Nun soll rund ein Fünftel des Bereichs mit Sand und Kies überschüttet werden – statt abgepumpt. Für Natsch ist klar, dass es hierbei nur ums Geld geht. Die teuerste Variante der Sanierung wird auf 64 Millionen Franken geschätzt, die mit der Überschüttung auf rund 17 Millionen.

Bei den Abfällen, die im See verbleiben sollen, handelt es sich um etwa 75 Tonnen Blei, mehrere Tonnen Cadmium und Arsen, Uran und Radium. Bereits geringe Mengen an radioaktivem Material hätten grosses Schadenpotential, fügt Marco Bähler hinzu.

Tickende Zeitbombe auf dem Seeboden

In der Chemiefabrik wurde unter anderem Schwefelsäure und Phosphatdünger hergestellt. Der Abfall landete zum Teil im See. Durch die Aufschüttung im Zürichsee wurde das Areal zwischen 1836 und 1957 nach und nach erweitert. Nach 1999 wurde die Produktion immer mehr zurückgefahren, bis sie schliesslich ganz eingestellt und das Areal durch den Kanton und die Gemeinde übernommen wurde.

Schule neben radioaktivem Müll

An der Stelle der ehemaligen Chemiefabrik soll bis 2031 eine Kantons- und eine Berufsschule entstehen. Geplant sind ausserdem ein öffentlicher Seeuferpark, Wohnungen für rund 800 Personen, Gewerberäume sowie Platz für Sport und Veranstaltungen. Für Natsch ist klar, verbleibt das giftige Material im Wasser, würde er dort nicht mehr baden wollen.

Wie es mit der Ufersanierung jetzt genau weitergehen wird, ist noch unklar. Die beiden Vertreter der «Lobby für Uetikon» sind entschlossen, zu kämpfen. Sie haben auch bereits eine mit Kanzlei mit entsprechender Erfahrung engagiert, sagt Bähler.

(roa)

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veröffentlicht: 26. April 2023 08:29
aktualisiert: 26. April 2023 08:29
Quelle: ZüriToday

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