Zürich

«Sie suchen sich leichte Ziele» – Experte schätzt Neonazi-Attacke auf Kindervorlesung ein

Stadt Zürich

«Sie suchen sich leichte Ziele» – Experte schätzt Neonazi-Attacke auf Kindervorlesung ein

27.10.2022, 12:30 Uhr
· Online seit 20.10.2022, 17:11 Uhr
Rauchfackeln, vermummte Männer und radikale Parolen – daneben kleine Kinder, die Geschichten hören wollen. Die rechtsradikale Gruppierung Junge Tat störte am Wochenende eine Vorlesung von Dragqueens für Kinder. Woher kommt der Hass? Experten schätzen ein.
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«Ich war extrem schockiert, dass so etwas mitten in Zürich passiert», sagt Roman Heggli, Geschäftsleiter der Organisation Pink Cross, die sich für die Rechte von queeren Menschen einsetzt. Am Sonntag hatte die Neonazi-Gruppe Junge Tat eine Vorlesung von Dragqueens für Kinder im Tanzhaus Zürich gestört. Vermummte Personen entzündeten Rauchfackeln und schrien ihre Parolen.

Eine bunte, friedliche Vorlesung für kleine Kinder – als Zielscheibe für Rechtsextreme? Das sei wenig überraschend, so Dirk Baier, Professor für Delinquenz und Kriminalprävention an der ZHAW. «Die Junge Tat sucht sich leichte Ziele für ihre Aktionen aus, bei denen man nicht mit solchen Störaktionen rechnet. Gleichzeitig sind es Ziele mit hoher ideologische Bedeutung und auch mit Potenzial für öffentliche Aufmerksamkeit.»

«Die Junge Tat fühlt sich ermutigt»

Die Junge Tat hat ihren Ursprung in Winterthur, ist aber mittlerweile schweizweit aktiv. Obwohl die rechtsradikale Gruppierung relativ neu ist, sorgte sie im vergangenen Jahr für viele Schlagzeilen. Die vermummten jungen Männer marschierten bei Massnahmendemos mit und während der Demonstration am 1. Mai kletterten Mitglieder der Jungen Tat auf einen Kran und brachten ein Banner an.

Quelle: ZüriToday

Im Juni störten sie während der Pride einen LGBT-Gottesdienst in Zürich.

«Die Forderungen und Wünsche der queeren Community treiben die Extremisten an», meint Baier. «Die Diskussion um Geschlecht und sexuelle Orientierung steht derzeit recht stark im Mittelpunkt öffentlicher Diskussionen in der Schweiz.» Diese machten deutlich, dass es einen Teil in der Bevölkerung gebe, dem die Gender-Diskurse zu weit gehe, der konservativ orientiert sei und alles beim Alten lassen möchte. «Die Junge Tat fühlt sich durch diesen Teil der Bevölkerung ermutigt, solche Störaktionen zu lancieren.»

Genau aus diesem Grund trage jeder und jede die Verantwortung, solche Diskussionen, die gegen queere Menschen gerichtet sind, zu unterbinden, findet Roman Heggli von Pink Cross: «Wir als Gesellschaft müssen uns ganz klar gegen den Hass positionieren. Das beginnt bereits am Stamm- oder Familientisch.»

«Der Staat hat die Rolle, uns zu schützten»

Bei der Kantonspolizei Zürich heisst es auf Anfrage von ZüriToday: Die Familien, Kinder und auch die vermummten Personen seien bereits weg gewesen, als die Einsatzkräfte am Sonntag beim Tanzhaus eingetroffen waren. Laut der Polizei wurde in der Zwischenzeit Anzeige erstattet. Die Ermittlungen seien im Gange.

Die Junge Tat ist schon länger bekannt. Dass gegen eine radikale Gruppierung wie sie nicht mehr unternommen wird, findet Heggli «absurd». Er meint: «Rechtsextreme werden in der Schweiz kaum beobachtet. Sie können machen, was sie wollen. Da versagt der Staat.»

Dirk Baier ist ebenfalls der Meinung, dass es neue Massnahmen brauche: «Einerseits müssen solche Störaktionen zu Sanktionen führen, d.h. es braucht eine Strafverfolgung. Andererseits sind Programme, die Vorurteile abbauen oder diesen vorbeugen, bekanntermassen hilfreich gegen Rechtsextremismus; persönlicher Kontakt mit Minderheiten ist hier eine wichtige Massnahme.»

veröffentlicht: 20. Oktober 2022 17:11
aktualisiert: 27. Oktober 2022 12:30
Quelle: ZüriToday

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