«Bei Damen kritisch»

Namensschildli an der Brust entfachen Sexismus-Debatte

Bettina Zanni, 16. Januar 2023, 14:38 Uhr
Das Personal mit Namen anzusprechen, trifft auf Sympathie. Doch der Blick auf das Schildchen löst oft Hemmungen aus. «Die meisten haben keinen Bock, eine Person mit Brüsten in eine unangenehme Lage zu bringen», findet etwa LGBTQ-Aktivistin Anna Rosenwasser.
Anzeige

«Grüezi Frau ...» – ein kurzer Blick nach unten – «... Meier. Haben Sie schon Fasnachts-Chüechli?» So oder ähnlich sollten Kundinnen und Kunden auf das Personal im Laden zugehen. «Gerade in einer grossen, anonymen Stadt wie Zürich wäre es schön, wenn sie Angestellte mit dem Namen ansprechen würden, zum Beispiel, wenn sie ein Produkt im Laden suchen», schlug Personalmarketingexperte Jörg Buckmann kürzlich vor. Auch eine Begrüssung mit Namen an der Kasse sei für die Angestellten ein Aufsteller.

Die Idee fand auf Social Media viel Zuspruch, wie die Reaktionen auf den Linkedin-Post von Jörg Buckmann zeigen. Gleichzeitig zeigte sich aber auch, dass der Blick auf das Namensschild Hemmungen auslöst. Sie versuche schon länger, das Personal mit Namen anzusprechen, schrieb Cornelia Hess, Leiterin Human Resources bei der Thurvita AG, einer Institution für Betagte. «Vorausgesetzt, ich muss nicht zu unverhohlen lange auf das (Brust-)Schild güxle ;)», fügte sie an.

Korrektes Verhalten sei nicht immer unproblematisch

Üblicherweise tragen Angestellte die Namensschildli angepinnt an der Brust. «Der Blick auf den Brustbereich ist insbesondere bei Damen kritisch – auch als Person mit demselben Geschlecht», erklärt Cornelia Hess gegenüber ZüriToday. In der Konversation nicht nur höflich zu kommunizieren, sondern sich auch korrekt zu verhalten, sei nicht in jeder Situation unproblematisch.

Deutliche Worte findet die Zürcher LGBTQ-Aktivistin Anna Rosenwasser. Sie habe Verständnis dafür, dass der Blick auf das Namensschild unangenehm sein könne, sagt sie. «Die meisten von uns haben keinen Bock, eine Person mit Brüsten in eine unangenehme Lage zu bringen.» Ihr selbst gehe es manchmal ähnlich. «Auch ich habe manchmal die Sorge, dass mein Blick zum Namensschild nicht nur offenlegt, dass ich einen Namen vergessen habe, sondern auch wirkt, als würde ich einer Person auf die Brüste sehen.»

«Muss ernst genommen werden»

Als «wichtig» bezeichnet Anna-Béatrice Schmaltz, Zürcher Gemeinderätin (Grüne), die Debatte. Ein Namensschild zu lesen, sei natürlich nicht per se sexistisch, merkt sie an. «Wenn sich eine Arbeitnehmende unwohl fühlt, muss dies aber unbedingt ernst genommen werden.»

Im Fall mit den Namensschildern wäre es ihrer Meinung nach wichtig, dass Arbeitgebende in einer anonymen Umfrage bei den Arbeitnehmenden direkt nachfragten, ob sie Schwierigkeiten mit dem Namensschild im Bereich der Brust hätten. «So kann am besten eruiert werden, ob es für Arbeitnehmerinnen unangenehm sein könnte und was allenfalls gute Alternativen wären.»

Die Gemeinderätin hält es generell für eine wichtige Entwicklung, dass die Sensibilisierung für Sexismus und auch sexualisierte Gewalt in der Gesellschaft zugenommen hat. «Zudem ist es sehr begrüssenswert, dass die Sensibilisierung zur Verhinderung von Sexismus und sexualisierter Gewalt auch in Unternehmen mehr Raum erhält.» Dass Unternehmen Prävention von sexueller Belästigung betrieben, sei wichtig. Zudem verbiete das Gleichstellungsgesetz sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz.

«Wie wäre es unter dem Schlüsselbein?»

Doch vielleicht liesse sich das Problem elegant umgehen, indem die Schildli künftig woanders angebracht würden. «Wie wäre es weiter oben, also etwas unter dem Schlüsselbein?», schlägt Anna Rosenwasser vor. So handhabe sie es jeweils, «als Person, der im Leben schon viel zu oft auf die Brüste gestarrt wurde – und ich finds prima», erklärt sie. Vor einigen Monaten kritisierte sie zudem einen Beitrag der SRF-Sendung «Sternstunde Philosophie». Diese habe «aus allen Aberdutzenden öffentlichen Bildern» von ihr das einzige gezeigt, auf dem sie barbusig sei.

Cornelia Hess fällt im Moment keine passende Alternative für den Platz des Namensschilds ein. An einem Ort ist es ihrer Meinung aber sicher fehl am Platz: «Bitte nicht auf der Stirn», sagt sie augenzwinkernd. Ansonsten hat sie noch einen Trick auf Lager, um beim Lesen des Schilds unangenehme Gefühle zu vermeiden. «Den Blick ein bisschen durch den Raum schweifen lassen und dann ‹en passant› auch beim Namensschild vorbeikommen.»

Was hältst du vom Namensschild an der Brust? Schreibs in die Kommentare.

Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 13. Januar 2023 06:53
aktualisiert: 16. Januar 2023 14:38