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Kokainabgabe ist bei Experten umstritten

Drogen

Kokainabgabe ist bei Experten umstritten

17.06.2023, 09:22 Uhr
· Online seit 17.06.2023, 09:04 Uhr
Heroin wird in verschiedenen Schweizer Städten kontrolliert an bestimmte Personen abgegeben. Soll dies auch mit Kokain so gehandhabt werden? Unter Fachleuten ist man sich nicht einig.

Quelle: TeleZüri-Beitrag vom 24.03.2022

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Aktuell wird in Schweizer Städten über eine kontrollierte Kokainabgabe diskutiert. Vor kurzem hat das Berner Stadtparlament eine Vorlage angenommen, laut der dies in einem Pilotprojekt getestet werden soll. Ähnliches wollte vor zwei Jahren die Stadtzürcher FDP. Diese konnte sich damals aber nicht durchsetzen.

Die «Neue Zürcher Zeitung» hat bei Experten nachgefragt. Macht eine Kokainabgabe Sinn?

Personen aus allen Schichten konsumieren

«Beim Drug-Checking in Zürich wird jede dritte Probe als Kokain abgegeben», sagt Dominique Schori vom Drogeninformationszentrum in Zürich (DIZ) der Zeitung. «Und wir bekommen wegen Fragen und Schwierigkeiten mit diesem Stoff die meisten Beratungsanfragen.»

Und: «Den typischen Kokainkonsumenten gibt es heutzutage nicht mehr», so der DIZ-Leiter weiter. Kokain werde von Menschen jeden Alters und aus nahezu allen gesellschaftlichen Schichten konsumiert.

In ganz Europa hat der Kokain-Konsum Hochkonjunktur. Dies zeigt die Menge beschlagnahmten Kokains. 2022 wurden allein in Antwerpen und Rotterdam, wo der Stoff aus den südamerikanischen Herkunftsländern in Europa ankommt, mehr als 160 Tonnen Kokain konfisziert – so viel wie noch nie.

Rund das Dreifache gelangt unentdeckt nach Europa. Ein weiterer Indikator sind die sinkenden Preise und die steigende Reinheit des verkauften Stoffes. In der Schweiz sind die verkauften Substanzen mittlerweile zu 70 bis 80 Prozent reines Kokain.

Zürich und Genf sind gemäss Abwasseranalysen in Europa Hochburgen des Kokainkonsums. Nur Antwerpen und Rotterdam haben einen noch höheren Konsum.

Abgabe als Hilferuf der Städte

«Die Vorschläge, Kokain kontrolliert an Konsumenten abzugeben, sind vor allem Hilferufe der Städte, um auf die Situation mit Kokain aufmerksam zu machen und eine gesellschaftliche Diskussion darüber zu starten», sagt Frank Zobel von Sucht Schweiz der NZZ.

«Untersuchungen im Kanton Waadt haben ergeben, dass rund 80 Prozent der Kokainkonsumenten die Droge unregelmässig konsumieren», so Zobel. «Diese Personen nehmen die Substanz auf Partys, mit Freunden nach dem Abendessen oder am Wochenende. Es ist ein Teil ihres Lebens, aber es bestimmt nicht ihren Alltag.» Bei diesen Personen wäre eine Abgabe wenig sinnvoll.

Anders könnte es bei schwer abhängigen Personen aussehen. Sie nehmen bereits Heroin oder das Ersatzprodukt Methadon und oft zusätzlich das auf der Gasse erworbene Kokain.

Eine Abgabe an Menschen dieser Gruppe würde deren Situation verbessern. Ausserdem könnte es auch Einfluss auf den illegalen Kokainmarkt haben. Denn die Schwerabhängigen «verbrauchten» schätzungsweise gut ein Drittel des in der Schweiz konsumierten Kokains.

Gesundheitlich sehr bedenklich

Boris Quednow von der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich sieht aus gesundheitlichen Gründen eine kontrollierte Kokainabgabe skeptisch. Er untersucht die Wirkungen von Drogen auf das Gehirn seit Jahren. «Bei Kokain gibt es, anders als bei Opiaten wie Heroin, kein Sättigungsgefühl.»

So gebe es den Drang, immer weiter zu konsumieren, bis Stoff oder Geld aufgebraucht seien. Zudem liessen der Kick und die Rauschwirkung bereits nach 20 bis 45 Minuten wieder nach. Bei Alkohol oder auch Opiaten halte hingegen der Rausch viel länger an.

«Wenn wir nun Abhängigen Kokain kontrolliert abgeben, dann werden sie zusätzlich auch illegal erworbenen Stoff konsumieren», befürchtet er.

Kokain-Opfer oft nicht als solche erkannt

Zudem ist die Substanz hochtoxisch. Kokain verursacht laut Quednow die grössten gesundheitlichen Probleme aller Drogen. Kokain schädigt Herz und Gehirn gleichermassen. In der ersten Stunde nach der Kokaineinnahme steigt das Infarktrisiko um das Zwanzigfache.

Wenn junge Männer einen Schlaganfall erleiden, dann ist das in den meisten Fällen auf Kokainkonsum zurückzuführen. Sucht-Experte Zobel vermutet, dass viele Kokain-Todesopfer nicht als solche identifiziert würden, sondern «nur» ein Herz-Kreislauf-Versagen erkannt werde.

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Kokain beeinträchtigt zudem das Gedächtnis und verursacht schon bei einem Wochenendkonsum kognitive Einbussen. Zudem macht Kokain aggressiv, gerade wenn es zusammen mit Alkohol konsumiert wird.

Bei einer kontrollierten Kokain-Abgabe könnte nur das «echte» Gift mit all seinen gesundheitlichen Problemen angeboten werden. Denn einen Ersatzstoff wie das Methadon für Opiatsüchtige gibt es für Kokainkonsumenten nicht.

(lol)

veröffentlicht: 17. Juni 2023 09:04
aktualisiert: 17. Juni 2023 09:22
Quelle: ZüriToday

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