Sternenkinder

«Es gibt ein Weiterleben mit einem verstorbenen Kind»

Maarit Hapuoja, 13. Dezember 2022, 08:39 Uhr
Es ist wichtig, dass sie ein Teil des eigenen Lebens sind, auch wenn sie früh von der Erde gehen mussten: Sternenkinder. Eine Trauerbegleiterin spricht über die Wichtigkeit der Elternbegleitung nach einem Kindsverlust, die Enttabuisierung und den Handlungsbedarf in Spitälern.
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Kürzlich hat ZüriToday die Geschichte von Carla geteilt, die über ihr Sternenkind Zora erzählt. Bereits berichtet wurde auch über die Anfrage an den Kantonsrat, in der Michael Zeugin die Zürcher Regierung auffordert, Engelskinder im Kanton historisch aufzuarbeiten. Er will für Klarheit sorgen. Er will, dass untersucht wird, was vor Jahrzehnten mit Sternenkindern passiert ist. Denn so grausem es auch klingen mag: Tote Kinder wurden damals entsorgt oder der Forschung übergeben.

Vor 100 Jahren war dies aber ganz anders. Mütter gebaren zu Hause, tote Kinder wurden oft aufgebahrt und Verwandte oder Nachbarn konnten das Kind besuchen und berühren. «Man hat auf natürliche Weise vom Kind Abschied genommen», sagt Anna Margareta Neff vom Verein Kindsverlust. Ab dann, als die Frauen im Spital geboren haben, habe sich Vieles geändert. «Dabei wäre es etwas sehr Normales, das Kind anzuschauen, zu untersuchen, wieso es nicht lebt und dann von ihm Abschied zu nehmen. Und auch gemeinsam die Trauer durchzustehen».

Erinnerungen schaffen

Hebamme und Trauerbegleiterin Neff führt mit Betroffenen und Angehörigen Gespräche nach einem Kindsverlust. Sie sucht nach dem, was die Eltern beschäftigt und danach, was sie brauchen. «Der Schmerz ums eigene Kind entsteht aus der grossen Fürsorge, welche die Eltern und insbesondere die Mutter während der Schwangerschaft aufbauen. Diese Fürsorge und die Liebe laufen ins Leere, wenn das Kind verstorben ist.»

Neff zeigt Möglichkeiten auf, wie die Liebe auf seelischer Ebene weiterleben kann. «Man kann etwas gestalten, dass die Liebe ausdrückt oder man kann einen Brief ans Kind schreiben.» Schwierig sei es oft deshalb, weil keine gemeinsamen Erinnerungen existieren. Keine Fotos, keine gemeinsamen Erlebnisse.

«Es geht darum, wie die Eltern jetzt noch Erinnerungen für sich schaffen können. Das kann sehr hilfreich sein, damit die Eltern Momente gewinnen können, in denen das Kind da ist, auch wenn es gestorben ist.» Das Kind wird immer ihr Kind bleiben. Neff betont gegenüber Betroffenen stets: «Es gibt ein Weiterleben mit eurem verstorbenen Kind, nicht ohne euer Kind.» Auch das Umfeld der Eltern soll integriert werden, damit die Eltern nicht in eine Isolation fallen.

Aus dem Jahr 1966

Im Interview mit ZüriToday weist Neff auf die Geschichte von Frau B. und Alessandra hin. Eine Geschichte, welche die Wichtigkeit der historischen Aufarbeitung, wie sie Michael Zeugin fordert, aufzeigt. Eine Geschichte, die der Verein Kindsverlust mit der Öffentlichkeit geteilt hat. Eine Geschichte, die im Jahr 1966 beginnt.

Frau B. ist 75 Jahre alt. Im Dezember wäre ihre Tochter Alessandra 52 Jahre alt geworden. Wegen eines Herzfehlers und eines Nabelbruchs starb sie zwei Stunden nach der Geburt. B. hat ihre Alessandra nie gesehen. Einige Jahre später hat sie einen Sohn zur Welt gebracht, der nun zwei Söhne hat. B. ist Grossmutter, aber ihre Geschichte lässt sie nicht los.

Damals hat B. eine grosse Trauer verspürt, begleitet von Wut, weil sie nie die Gelegenheit erhalten hat, ihr Kind in den Armen zu halten. Alessandra kam mit einem Dammschnitt zur Welt und B. wurde darüber informiert, dass es ein Mädchen war. Dann wurde sie sofort weggebracht. B. und ihr Mann, der bei der Geburt dabei war, wussten beide nicht, wo ihr Kind starb.

Endlich Anerkennung

Bei der Beerdigung vier Tage später lag B. immer noch im Spital und hatte Schmerzen am Dammschnitt. Der Sarg wurde B.s Mann übergeben, der diesen per Taxi – und mit einem Trench-Coat abgedeckt, um den Fahrer nicht zu erschrecken – nach Hause brachte.

Sechs Tage nach der Geburt konnte B. nach Hause. Sie war oft traurig, fühlte sich alleine und hat mit niemanden, auch nicht mit ihrem Mann, über Alessandra gesprochen. Sie wurde depressiv und war über sieben Jahre in psychiatrischer Behandlung. Über Alessandra wurde auch dort geschwiegen.

B. hat mit dem Verein Kindsverlust ein Beratungsgespräch geführt, sich mit einer Hebamme ausgetauscht und so viele Jahre später die Anerkennung als Mutter gespürt, die ihr nach der Geburt damals fehlte. Alessandra ist kein Tabu mehr, B. hat mittlerweile einen Gedenkstein für sie gesetzt und besucht diesen regelmässig. Heute geht es ihr gut.

Es besteht Handlungsbedarf

Alessandras und B.s Geschichte zeigen: Es ist nie zu spät, etwas aufzuarbeiten. Es ist wichtig, dass Eltern nach einem Kindsverlust begleitet werden. Trauerbegleiterin Neff sagt, es sei Glücksache, wie Eltern direkt nach dem Verlust begleitet werden. «Dies hat eine Studie vor acht Jahren gezeigt. Daran hat sich in den letzten Jahren bestimmt nochmals etwas geändert. Aber es ist immer noch Glücksache, wo die Frau gebärt.»

Das Fachwissen sei in den Spitälern noch nicht überall vorhanden, so dass Eltern nachhaltig begleitet werden. Das Wichtigste für Neff dabei ist, «dass die Eltern nicht im Schock in eine Handlung kommen. Wenn eine Frau via Ultraschall erfährt, dass das Kind im Bauch gestorben ist, dann gibt es zu 99 Prozent keine Situation, in der man sofort handeln muss.»

Sei dies im Moment der Todesnachricht Entscheidungen zu treffen oder die Geburt sofort einzuleiten, damit das Kind auf die Welt kommt. «Den Eltern wird leider immer noch viel zu selten eine Ansprechperson und eine Begleitung zur Verfügung gestellt, die in dieser Situation befähigt ist und die Eltern darin unterstützt, innezuhalten und so wieder in die Selbstanbindung und damit in die Selbstwirksamkeit kommen zu können.»

Kantonsrat fordert Aufarbeitung

Damit man nicht mehr von Glücksache sprechen muss, müssen sich einige Dinge ändern. Eine Verbesserung der Situation in den Spitälern, damit Betroffene nach einem Kindsverlust angemessen begleitet werden. Eine Verbesserung, damit die Schnittstelle aus dem Spital nach Hause funktioniert, wie sich Sternenmami Carla gewünscht hätte. Damit man nicht zuhause ankommt und nicht weiss, wie es weitergeht.

Potenzial gibt es auch historischer Art. Damit Mütter wie B. auch viele Jahre später erfahren können, was ihrem Kind widerfahren ist. Eine Aufarbeitung, die GLP-Kantonsrat Michael Zeugin fordert: Personen helfen, ihre Geschichte abzuschliessen und ihnen einen besseren Umgang mit der Trauer ermöglichen.

Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 13. Dezember 2022 08:06
aktualisiert: 13. Dezember 2022 08:39