Besetzung & Räumung

«Das Koch-Areal ist zu gross, um verteidigt zu werden»

Lothar Josef Lechner Bazzanella, 11. Oktober 2022, 11:26 Uhr
Noch in diesem Jahr will die Stadt das besetze Koch-Areal räumen lassen. Bereits am Samstag organisieren die Besetzer eine Demo gegen die Räumung. Diese sollte friedlich verlaufen, meint ein Szenekenner. Gegen die Räumung werde man mit Gewalt auch nicht viel ausrichten können, denn das Areal sei schlichtweg zu gross.
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Bis Ende 2022 soll das Koch-Areal komplett geräumt werden. Was seit Jahren besetzt wird, soll dann ab 2023 dem Bau eines imposanten Hochhauses weichen. Ende 2026 soll hier ein 85 Meter hoher Turm stehen, mit Mietwohnungen für hunderte Personen.

Gegen die geplante Räumung wollen mehrere Gruppierungen bereits am Samstag, den 15. Oktober, protestieren. Ab 15 Uhr soll es auf dem Lindenplatz einen Protest gegen die Räumung, gegen Immobilienspekulation und Wohnungsnot geben. «Die Gruppen wollen auf das Thema aufmerksam machen und die Sympathie der Bevölkerung gewinnen. Gerade deshalb rechne ich noch mit einem friedlichen Verlauf», erklärt der freie Journalist und Szenekenner Raimond Lüppken. Von geplanten illegalen Aktionen wisse er nichts.

FDP-Präsident: «Besetzung ist lächerlich, intolerant, undemokratisch»

Im Netz findet man dann doch noch Anzeichen, dass die Protestaktion am Samstag nicht ganz so friedlich ablaufen könnte. Die Rede ist von einer «kämpferischen» Demo. Auf der Seite aufbau.org schreiben die Organisatoren: Das Koch-Areal als letztes grosses autonomes Kulturzentrum in Zürich wird Ende Jahr 2022 geräumt. Autonome Räume müssen Büros und Yuppies weichen. «Wir sagen: Ihr nehmt uns das Koch? Dann gibt es Widerstand auf der Strasse! Auf zu einer kämpferischen Demo in Zürich-Altstetten!» Man solle sich der «Alles wird besetzt“-Kampagne zum Koch-Areal anschliessen, so die Verfasser der Zeilen abschliessend.

«Die demokratischen Gesetze gelten für alle. Auch für Hausbesetzer», sagt Përparim Avdili von der Stadtzürcher FDP.
 

© Keystone

Absolut gar kein Verständnis für die Besetzer und ihre Art des Widerstands hat der Stadtzürcher FDP-Präsident Përparim Avdili. «Die illegale Besetzung ist eine einzige Schande und es wird endlich Zeit, dass das Areal geräumt wird und hier Wohnungen für die Zürcherinnen und Zürcher entstehen können», so der Politiker. Durch die Besetzung würde der Markt nur weiter zugespitzt und die Mieten steigen, weil hier keine neuen Wohnungen gebaut werden können. «Und dieses Verhalten wird seit Jahren von der linken Regierung hingenommen. Damit muss endlich Schluss sein.»

Auf die geplante Demo am Samstag blickt Avdili ganz genau hin. Für alle gelte das Recht, die Meinung in Form einer Demo kund zu tun. «Wurde diese Demo aber bewilligt? Wohl kaum, wenn man bedenkt mit welchen undemokratischen Mitteln sie bis anhin bei den Besetzungen versuchen, ihre Haltung durchzusetzen. Ich erwarte daher von den Behörden, dass sie jegliche Form von öffentlicher Störung bereits frühzeitig erkennen und diese unterbindet», sagt Avdili abschliessend.

«Das Koch-Areal lässt sich nicht verbarrikadieren»

Und was passiert, sobald die Besetzer das Koch-Areal definitiv verlassen müssen? Szenekenner Raimond Lüppken ist sich relativ sicher: Bei der definitiven Räumung sei zwar mit Gegenwehr zu rechnen, aber nicht in besonders grossem Ausmass. Der Grund? «Ich glaube, dass allen Besetzerinnen und Besetzern mittlerweile klar ist, dass das Areal einfach so gross ist, dass man es gar nicht verteidigen kann.» Das Koch-Areal lasse sich nicht einfach verbarrikadieren wie ein Gelände, das vielleicht nur eine einzige Zufahrt hat. «Es ist einfach zu gross. Heisst: Wenn die Polizei da rein will und das räumen will, dann kommt sie da sowieso rein. Widerstand kann daran wenig ändern», so Lüppken weiter.

Gespannt blickt dieser auf gleich drei Hausbesetzungen, die in Zürich in den letzten Wochen gemeldet worden sind. «Diese hängen meiner Meinung nach sicherlich auch mit der Räumung des Koch-Areals zusammen», glaubt Lüppken. Man wolle die Problematik ins Bewusstsein der Bevölkerung rücken.

Auf welchen Widerstand treffen die Behörden?

Erstaunlich finde er, dass die drei kürzlich besetzten Gebäude bisher noch nicht geräumt wurden. «Ich weiss, dass es Gespräche mit den jeweiligen Besitzern gab, jedoch endeten diese ergebnislos.» Am Mittwoch gab es dann erste Einsätze der Polizei vor Ort. Das besetzte Haus an der Hönggerstrasse wurde kontrolliert. Geräumt wurde hier jedoch noch nichts.

Entschieden ist hingegen die Räumung des Koch-Areals. Wann genau diese stattfinden wird, wollen die Behörden noch nicht preisgeben. Ob Lüppkens Annahme zutrifft, dass sich das Koch-Areal nicht verteidigen lasse, wird sich spätestens dann zeigen.

Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 12. Oktober 2022 06:12
aktualisiert: 12. Oktober 2022 06:12