Coming Out Day

Homosexueller erzählt: «Ich musste anderes Besteck benutzen»

Joelle Maillart, 11. Oktober 2022, 18:58 Uhr
Homosexuell sein und dazu stehen, fällt einigen schwer. Grund dafür ist nicht selten die Angst vor den Reaktionen im Umfeld. So erging es unter anderem Felipe oder Ann. Zum internationalen Coming Out Day erzählen sie ihre Geschichte.
Anzeige

Ablehnung, Beschimpfung oder Akzeptanz: Wenn eine Person sich outet, prasseln teils verschiedene Reaktionen auf sie ein. Felipe und Ann wohnen schon mehrere Jahre in Zürich. Beide haben um die 20 ihr Outing gehabt – teils mit sehr schlechten Reaktionen, die sie am internationalen Coming Out Day erzählen.

«Von meiner Familie habe ich Besseres erwartet»

Felipe (35) aus Bern wohnt schon viele Jahre in Zürich. Sein Coming Out hatte der Kolumbianer mit 17 Jahren. «Es war schlimm. Bevor ich es meiner damaligen besten Freundin erzählt habe, bin ich zu meiner Mutter gegangen. Meine grösste Angst war Ablehnung und die habe ich gekriegt.»

Die Reaktion seiner Mutter war schlimmer als erwartet. Sie habe ihm nicht die nötige Unterstützung gegeben, die er in der Zeit hätte haben sollen. Daraufhin musste er früh ausziehen und konnte nicht den «üblichen» Dingen nachgehen, die ein 17-Jähriger eigentlich tun sollte – beispielsweise einen Lehrabschluss machen oder das Autofahren erlernen.

Einige Kollegen dadurch verloren

Die schlimmste Reaktion legte jedoch sein Stiefvater an den Tag. «Er sagte, dass ich meine zwei jüngeren Schwestern nicht mehr anfassen darf, eigenes Besteck und eigene Badeutensilien benutzen muss», so der 35-Jährige.

Indirekte Reaktionen gab es auch viele. Felipes Tante machte homophobe Äusserungen auf Facebook. Vögel hatten ihm zudem gezwitschert, dass hinter seinem Rücken Aussagen fielen wie: «Wenn er mein Sohn wäre, würde ich ihn weich prügeln, dass er wieder normal wird.»

Auch in der Schule und seinem Umfeld erfuhr Felipe Ablehnung: «Viele heterosexuelle Kollegen haben sich abgewandt. Kolleginnen haben sich hingegen gefreut.»

Das Thema ist tabu

Nach fünf Jahren, also als Felipe 22 war, besserte sich das Verhältnis zu seinen Eltern. «Ein guter Freund, der auch schwul war, hat viel mit meiner Mutter gesprochen. Das hat ihr geholfen, es zu verstehen.» Heute ist sein Partner immer willkommen, aber über das Thema werde strikt nicht gesprochen.

Trotz Ablehnung und Verurteilung blieb Felipe einen Funken eines glücklichen Gefühls: «Nach meinem Coming Out habe ich mich befreit gefühlt, als würde mir die Welt zu Füssen liegen. À la, ich habe das geschafft, dann kann ich alles schaffen.» Auch den Lehrabschluss hat er heute in der Tasche.

«Nach dem ersten Crush war es klar»

Ann wuchs in einer kleinen Stadt in Deutschland auf. Sie hatte bis Anfang 20 nur Beziehungen mit Männern, obwohl sie sich schon früh zu Frauen hingezogen fühlte. «Nach meinem ersten Crush mit einer Frau war es für mich dann klar, dass ich das will.»

Wie Felipe hat sich auch Ann zuerst ihrer Mutter anvertraut. «Ich habe ihr erzählt, dass ich jemanden kennengelernt habe und bin in Tränen ausgebrochen.» Daraufhin erkundigte sich die Mutter nach seinem Namen. «Julia», antwortete Ann.

Der Senf der Anderen

Im Gegensatz zu Felipe hatte die heute 37-Jährige eine wunderschöne Reaktion seitens der Familie. «Sogar meine damals 80-jährige Oma fand es okay, solang ich glücklich war.» Dennoch war es schwierig den Mut dazu zu fassen, weil Ann in ihrem Umfeld wenig Homosexuelle hatte.

«Für mich war es schwierig, dass es überall kommuniziert werden musste, bis es nicht mehr verurteilt, bewertet oder als Phase behandelt wurde», so die Wahl-Zürcherin. Zudem waren die ungefragten Meinungen lästig. «Jeder musste noch seinen Senf dazu geben.»

Luft nach oben

Auch wenn sich in den letzten 15 Jahren einiges geändert hat und die Menschen offener werden, gibt es bei der Akzeptanz noch Luft nach oben. «So ein Outing findet in unserer Gesellschaft täglich statt. Sei es am Arbeitsplatz oder wenn man neue Leute kennenlernt», erzählt Ann.

Das Thema komme immer auf, jedoch sollte es in den Hintergrund rücken und zur Normalität werden, denn: «Die Sexualität sollte nicht im Vordergrund stehen, sondern der Mensch.»

Willst du uns auch deine Geschichte erzählen? Dann schreiben uns.

Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 11. Oktober 2022 18:58
aktualisiert: 11. Oktober 2022 18:58