Lauter Absagen

Zwillingsschwester sucht verzweifelt Lehrstelle in Zürich

22.02.2023, 08:48 Uhr
· Online seit 19.02.2023, 06:54 Uhr
Sekschülerin Fay von Rijn hat trotz unzähliger Bewerbungen noch keine Lehrstelle gefunden. Ihre Zwillingsschwester mit den gleichen Noten hat aber schon einen Lehrvertrag im Sack. Der Vater schrieb in einem viralen Post: «Wir geben auf.»
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Fay und Mia haben am gleichen Tag Geburtstag, sind gleich gross und haben ungefähr den gleichen Notendurchschnitt. Beide schliessen diesen Sommer die Sekundarschule ab.

Doch in einer Sache hinkt Fay ihrer Zwillingsschwester hinterher: Sie hat nach monatelanger Suche noch keine Lehrstelle gefunden. Vater Milko van Rijn wandte sich deshalb in einem verzweifelten Post voller Resignation an die Öffentlichkeit. Der Post ging innert Kürze viral und löste über 600 Kommentare aus.

«Wir geben auf», schreibt der Zürcher auf dem Business-Netzwerk Linkedin, wo er sich J.C. Rembrandt nennt. Nach acht Monaten und über 50 Bewerbungen gäben sie auf, zu hoffen, für die 15-jährige Tochter im Raum Zürich und Baden eine KV- oder Mediamatik-Lehrstelle per Sommer 2023 zu finden. «Ich gebe es auf, meiner Tochter weis zu machen, dass man mit Fleiss und Geduld immer zum Ziel kommt.»

«Keinen Glauben mehr an Berufsbildungssystem»

Keine Hoffnungen sieht er auch in den «gut gemeinte Tipps», um den Lebenslauf noch professioneller zu gestalten. Er bedauert, den Glauben an das Schweizerische Berufsbildungssystem ein Stück weit aufzugeben.

Ebenso wenig können der Vater und die Tochter Zürcher KMUs Glauben schenken, «wenn sie sich über den Fachkräftemangel beklagen und gleichzeitig die einfachsten Ausreden bereit haben, warum gerade ihr Unternehmen keine Lehrlinge ausbilden kann».

«Es ist nicht motivierend, lauter Absagen zu bekommen»

Um diese Jahreszeit haben die meisten Schülerinnen und Schüler der dritten Sek einen Lehrvertrag im Sack. Zurzeit verbringt der alleinerziehende Vater mit seinen Töchtern die Sportferien in Kolumbien. «Wir haben die Schulferien als Grenze gesetzt für die Lehrstellensuche. Spätestens bis dann hätte es mit einer Lehrstelle klappen müssen», sagt van Rijn am Telefon zu ZüriToday.

Fay träumt von einer Lehre als Mediamatikerin oder Kauffrau. Seit dem Sommer habe sie über 80 erfolglose Bewerbungen geschrieben, sagt die Sek-A-Schülerin. «Es ist nicht sehr motivierend, lauter Absagen zu bekommen.» Oft seien die Absagen nicht begründet worden. Andernfalls habe es geheissen, dass ihre Schulnoten nicht gut genug seien oder dass der Betrieb bereits eine für das Profil passendere Person gefunden habe.

Durchschnittliche Noten

Milko van Rijn bezeichnet die Noten seiner Tochter als «durchschnittlich». Der Schnitt liege zwischen einer 4 und einer 4,5. «Vielleicht war es ein Fehler, dass Fay auch in der Mathematik die beste Niveauklasse besucht.» Der Vater rechnet damit, dass sie in einer tieferen Niveauklasse bessere Noten geschrieben hätte. «Damit hätte sie einen höheren Notendurchschnitt vorweisen können und vielleicht eher eine Lehrstelle gefunden.»

Manche Eltern werfen ihren Kindern bei einer erfolglosen Lehrstellensuche vor, sich in der Schule zu wenig Mühe gegeben zu haben. Das würde Milko van Rijn aber nie in den Sinn kommen. «Es kann doch nicht sein, dass man im Kanton Zürich nur mit brillanten Noten eine Lehrstelle bekommt», fragt er sich. Zudem bildeten Schulnoten selten die Realität ab. «Manchmal hängen die Noten auch von der Lehrperson und nicht nur von der Leistung der Schülerinnen und Schüler ab.» Eine Rolle spiele auch Vitamin B. «Ich kenne Firmen, die heute schon Lehrverträge für das Jahr 2024 unterschreiben.»

Verhalten bei der Schnupperlehre ist am wichtigsten

Das Lehrstellenportal Yousty befragt jedes Jahr Firmen zur Wichtigkeit der Schulnoten. In einer Skala von eins bis sechs erhalten die Noten rund vier Punkte. Demnach seien diese bei der Bewerbung nicht ausschlaggebend, sagt Mediensprecherin Stefanie Näf. Am wichtigsten bei der Bewerbung werten die Firmen das Verhalten während der Schnupperlehre. Am wenigsten zählten die Ergebnisse von Eignungstests wie Berufs-Checks und Stellwerktests.

Etwa der Kaufmännische Verband Schweiz bestätigt die Resultate. «Wir empfehlen, die Bewerbungsdossiers ganzheitlich zu prüfen und den Schnuppertagen und Selektionspraktika besonderes Gewicht zu geben», sagt Kathrin Ziltener, Fachverantwortliche Berufsbildung. Dann lernten die Betriebe die Jugendlichen kennen und fänden heraus, ob der Lehrbetrieb und die Lehre zu den zukünftigen Lernenden passten und umgekehrt.

Auf die Frage, ob ein genügend bis mittelmässiger Notendurchschnitt die Chancen auf ein Bewerbungsgespräch vermindere, sagt Ziltener: «Für eine erfolgreiche Lehrzeit ist das Persönliche viel wichtiger als der Notendurchschnitt.» Dieser mache nur einen Teil der Voraussetzungen für eine Lehre aus.

Ähnlich klingt es in der Mediamatiker-Branche. «Schulnoten sind nur eines von vielen Puzzleteilen», sagt Barbara Jasch, Geschäftsführerin beim Zürcher Lehrbetriebsverband ICT. Doch für die erste Selektion seien die Noten halt die «harten» Fakten.

Fay hat noch Hoffnung

Schwester Mia beginnt im Sommer eine KV-Lehre in einem Betrieb in Wallisellen. Die Hoffnung, dann auch in einem Lehrbetrieb starten zu können, hat Fay noch nicht aufgegeben. «Der Linkedin-Post ist auf eine wahnsinnige Resonanz gestossen», sagt Milko van Rijn. Er sei dabei, die vielen Reaktionen abzuarbeiten, die Fay doch noch zu einer Lehrstelle verhelfen könnten.

Ansonsten hat Fay auch schon einen Plan B. Sie sagt: «Sollte es doch nicht klappen, mache ich ein zehntes Schuljahr, ein Praktikum oder einen Sprachaufenthalt, um bei der Lehrstellensuche nächstes Jahr erfolgreich zu sein.»

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veröffentlicht: 19. Februar 2023 06:54
aktualisiert: 22. Februar 2023 08:48
Quelle: ZüriToday

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