Neue Studie

Zürcherinnen und Zürcher koksen für die Wissenschaft

Angela Rosser, 1. September 2022, 09:17 Uhr
In einer Studie an der psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (PUK) wollen Birgit Kleim und Boris Quednow Gemeinsamkeiten von intrusiven Erinnerungen an traumatische Erlebnisse und Kokainkonsum untersuchen. Was das bedeutet? Weiterlesen.

Als eine Intrusion bezeichnet man das Sich-Erinnern oder Wieder-Erleben von traumatischen Ereignissen, sowie der damit verbundenen Gedanken und Emotionen.

Ein Beispiel: Wenn man von einem Auto angefahren wurde, kann sich dieses Ereignis im Gedächtnis einbrennen. Hupen später Autos oder bremsen Abrupt, erinnert einen das wieder an das Geschehene und man durchlebt und fühlt die damaligen Emotionen erneut. Diese Erinnerungen kommen ungewollt und sind schwierig zu kontrollieren.

Traumata und Koks

Ähnlich verhält sich das mit Substanzkonsum oder mit dem Fehlen ebendieses. Wer zum Beispiel auf Partys regelmässig Kokain konsumiert, kann bei der nächsten Feier ein «Craving», also ein starkes Verlangen nach dem Konsum verspüren.

Laut Studienleiter Boris Quednow gibt es Überlegungen, dass Sucht-Erkrankungen und Trauma-Folgeerkrankungen auf eine grundlegende Störung des Gedächtnissystems zurückgehen könnten. «Nach ähnlichen Ereignissen entwickeln manche Personen intrusive Erinnerungen, andere hingegen nicht", so der Psychologe. «Uns interessiert, warum das so ist.»

Es gibt Personen, die sich an Traumatas erinnern und andere, die sich nicht erinnern», so der Psychologe.

Neue Therapie 

Spannend ist auch, dass beide Erkrankungen nicht selten zusammen auftreten, sagt Quednow. «Die Vision ist es, eine Therapie zu finden, die diese Gedächtnisveränderungen direkt angeht, sodass man beide Erkrankungen mit dem gleichen Ansatz behandeln könnte».

Für den Vergleich dieser beiden Phänomene sucht das Studienteam Personen, die ihre Gefühlswelt mit Hilfe eines Tagesbuchs in App-Form dokumentieren. Die Personen beschreiben über 14 Tage anhand eines Apps, ob, wann und wie die Trauma- oder Substanz-gekoppelten Erinnerungen auftreten. «Wir fragen auch zweimal täglich aktiv ab, ob man in den letzten Stunden eine intrusive Erinnerung erlebt hat», so Quednow.

Unterstützung durch die Doktorandinnen

«Zu diesem Thema gibt es noch erstaunlich wenige Studien» erklärt Quednow. Man will zunächst herausfinden, ob die beiden Erkrankungen sich nur in der Theorie ähneln, oder ob die vermutete enge Verbindung tatsächlich messbar ist.

Die Antwort auf die Frage, warum man ausgerechnet Kokain gewählt hat, leuchtet ein: «Wir mussten eine Substanz wählen, die nicht zu häufig von Trauma-Patienten konsumiert wird und Craving hervorrufen kann», sagt der Psychologe. Bei Alkohol oder Cannabis wäre das schwieriger, da diese Substanzen von Trauma-Erkrankten oft im Rahmen der Selbstmedikation konsumiert würden.

Hilfe zur Selbsthilfe

Vorgaben, wie zum Beispiel konsumiert werden darf, gibt es nicht. Vor dem Start der zwei Wochen findet allerdings ein Screening in der Klinik statt. «Da sollte man nicht unter Drogeneinfluss stehen», sagt Quednow.

Will man selber gegen diese Erinnerungswellen ankämpfen, rät der Experte, «alternative Muster zu entwickeln. Also bei Craving nicht zum Dealer laufen, sondern Freunde anrufen, oder sich anderweitig ablenken». Bei intrusiven Erinnerungen im Trauma-Bereich sei das aber oft nicht so einfach und oft nur mit professioneller Begleitung möglich.

Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 31. August 2022 20:44
aktualisiert: 1. September 2022 09:17
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