Milchwirtschaft

Warum «Di fair Milch» nur im Säuliamt eine Erfolgsgeschichte ist

07.03.2023, 08:13 Uhr
· Online seit 30.01.2023, 15:01 Uhr
Wäre es nicht schön, wenn es überall so fair ablaufen würde wie in der Genossenschaft «Di fair Milch Säuliamt»? Dort erhalten Milchbauern einen angemessenen, kostendeckenden Preis. Nach fünf Erfolgsjahren bleibt ein Wunsch aber unerfüllt.
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Die Milchwirtschaft hat zu kämpfen, denn der heutige Milchpreis ist für die Bäuerinnen und Bauern nicht kostendeckend. Mit einem Stundenlohn von weniger als zehn Franken kann kein Bauer überleben. Doch solange die Grossverteiler den Preis festlegen, werde sich am Milchpreis nichts ändern, sagt Martin Haab, Mitbegründer der «Genossenschaft Faire Milch Säuliamt», selber jahrelang Grossbauer und Nationalrat der SVP.

Aus diesem Grund hat sich Haab vor fünf Jahren mit 42 aktiven Milchbauern aus dem Säuliamt zusammengeschlossen und die Genossenschaft gegründet. Gemeinsam möchten sie eine nachhaltige Milchproduktion sichern. Darum vermarktet die Genossenschaft seit Dezember 2017 eine eigene, im Bezirk Affoltern hergestellte Milch.

Dieses Konzept ist schweizweit bislang einzigartig und der Wunsch wäre, dass «di Fair Milch Säuliamt» schweizweit angeboten wird. Bislang funktioniert das Ganze aber nur in den Dorfläden des Säuliamts.

Aber was genau bedeutet denn «faire Milch»?

Die Molkereien zahlen den Bauern normalerweise nur rund 65 Rappen pro Liter Milch. Genossenschafts-Gründer Werner Locher aus Bonstetten sagte gegenüber dem SRF, dieser Betrag reiche nicht, um die Produktionskosten zu decken. Rund 180’000 Liter der produzierten Milch pro Jahr sei faire Milch. Das ist zwar nur ein kleiner Teil, aber zumindest erhalten die Bauern für diesen Teil einen fairen Preis: Einen Franken pro Liter, also rund 20 bis 25 Rappen mehr.

Am Ende des Jahres gibt es für jeden Bauern rund 1000 Franken ausbezahlt. Das sei zwar wenig, aber es gehe ums Prinzip, sagen die Gründer.

Warum ist es so schwer, die faire Milch schweizweit zu etablieren?

Am Preis liege es tatsächlich nicht, obwohl dieser oft als Vorwand der Detailhändler genommen würde, so Haab. Die Konsumentinnen und Konsumenten seien durchaus bereit, mehr für ihre Milch zu bezahlen, wenn sie genau wissen, woher sie stammt, und die Bauern damit einen fairen Milchpreis erhalten.

Woran liegt es dann? Eine gängige Aussage der Detailhändler sei gewesen, dass die Konsumentinnen und Konsumenten die andere Milch – wie Heidi, Bio, Bergmilch und weitere – im Regal wohl zu sehr hinterfragen würden, wenn die eine, welche sich «fair» nennt, im Preis so heraussticht.

Dies ist für Haab jedoch eine sehr fadenscheinige Entschuldigung, denn bei Bananen, Schokolade oder Kaffee funktioniere das grosse Nebeneinander von Bio, günstigen Discountermarken und anderen, als «fair» angepriesenen Produkten, ja auch.

Expansion in die Stadt Zürich hat sich bislang nicht gelohnt

Die komplizierte Logistik sei ein weiteres Argument der Grosshändler, auf die faire Milch zu verzichten, selbst heute noch. Im Säuliamt hat man die nahegelegene Molkerei Höhn oberhalb von Sihlbrugg, eine starke Landi mit 13 Volg-Läden, die die faire Milch verkaufen, und natürlich machen auch die Bauern selber Werbung für ihre Produkte.

In der Stadt Zürich gäbe es derzeit drei Läden, die «Di fair Milch» auch führen. Jedoch bleibt es wohl bei dieser Zahl, denn die kleinen Quartierlädeli, welche durchaus Interesse hätten mitzumachen, konnten der Genossenschaft nicht garantieren, dass sie genügend Umsatz einbringen.

Wegen der geringen Haltbarkeitsdauer der Milch wäre der logistische Aufwand riesig, um nur 10 bis 20 kleine Lädeli, für rund 30 bis 40 Liter Milch, mehrere Male pro Woche anzufahren. Diese Idee der Expansion in die Stadt habe man deshalb nur ganz am Rande weiterverfolgt.

Es braucht genügend Abnehmer für dauerhaften Erfolg

Das Säuliamt-Erfolgskonzept wäre indes für andere Regionen einfach zu kopieren, aber ist oft an der fehlenden Infrastruktur gescheitert oder hat wegen fehlender Abnehmer nicht funktioniert. Es reiche nicht, nur drei Tante-Emma-Läden zu bedienen, es brauche deutlich mehr, um rentabel zu sein, sagt Martin Haab. «Und die Grossverteiler haben ihre Margen, ihre Produkte und effiziente Logistik. Wenn da einer mit einem kleinen, regionalen Produkt kommt, müsse das halt gesondert beworben werden, um nicht unterzugehen.»

Die Anforderungen gelten für jede Milch im Sortiment

Bei Grosshändlerin Migros heisst es auf Anfrage, man kooperiere seit Anfang 2022 nur noch mit Produzenten, die den Richtlinien des «IP-Suisse» Labels folgten. Daran würde «Di Fair Milch Säuliamt» heute wohl scheitern. Martin Haab meint dazu, dass die Detailhändler ihm damals, vor fünf Jahren, die IP-Suisse-Vorgaben nicht als Absagegrund genannt hätten. Die Richtlinien könnten sich nun aber geändert haben. Die Säuliamt-Milchbauern müssten jedoch auch strenge Vorgaben, wie den Tierwohlprogrammen BTS oder RAUS, erfüllen, so Haab.

Der Migros-Genossenschafts-Bund sei laut Tristan Cerf, Sprecher der Migros Westschweiz, der Ansicht, dass die neuen IP-Suisse Anforderungen für jede Trinkmilch ihres Angebots, und somit auch für faire Milch gelten. «Ausnahmen sind nicht denkbar», sagt er.

«Wir haben genügend Auswahl an fairer Milch»

Bei Coop heisst es, man habe ein sehr breites Sortiment an nachhaltiger Milch und setze sich bereits seit vielen Jahren für faire und marktgerechte Milchpreise ein.

«Wir unterstützen eine nachhaltige Schweizer Landwirtschaft mit verschiedenen Mehrwert-Programmen, wie beispielsweise IP-Suisse, Coop Naturafarm und natürlich Coop Naturaplan. Wir sind überzeugt, dass unser Sortiment genügend Auswahl für faire Milch bietet.», führt Mediensprecher Caspar Frey aus.

Zusammenarbeit mit Migros ist nicht ausgeschlossen

Viele Betriebe bevorzugen inzwischen andere Einnahmequellen, mit denen sie mit weniger Aufwand wenigstens etwas mehr auf dem Konto haben, als mit der Milchproduktion.

Ausgeschlossen ist eine Zusammenarbeit mit dem Detailhändler Migros indes nicht. «Sobald ein Milchproduzent oder eine Vereinigung in der Lage ist, uns Milch nach dem Mindeststandard der IP Suisse zu liefern (am besten Bio), können wir über eine mögliche Aufnahme in das Migros-Sortiment diskutieren.» sagt Tristan Cerf. 

veröffentlicht: 30. Januar 2023 15:01
aktualisiert: 7. März 2023 08:13
Quelle: ZüriToday

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