Siezen Sie noch oder duzt du schon?

Wie sich die Du-Kultur im Kinderspital auf die Arbeit auswirkt

Loris Gregorio, 24. Juni 2022, 12:07 Uhr
Im Zürcher Kinderspital herrscht künftig die Du-Kultur. Der CEO will damit Hierarchien abbauen. Ein Experte erklärt, warum das «Du» ein Vorteil sein könnte und wie es sich auf den Respekt unter den Mitarbeitenden auswirkt.

Von der Oberärztin bis zum Pflegefachmann – in Spitälern gibt es viele Karrierestufen. Georg Schäppi, CEO des Kinderspitals Zürich, will die Hierarchien nun abbauen, indem sich alle 2900 Mitarbeitenden duzen. Über die Du-Kultur durften die Angestellten gleich selbst abstimmen. Das Ergebnis will Schäppi erst nächste Woche an einer Mitarbeiterinfo bekannt geben. Wie Informationen von CH Media zeigen, kommt das Du aber eindeutig. Dafür brauchte es mindestens eine Zweidrittelsmehrheit.

Hierarchien abbauen funktioniert mit der Du-Kultur

Sind die Hierarchien abgebaut, wenn der Chef auf einmal Georg und nicht mehr Herr Schäppi ist? ZüriToday hat beim Unternehmensberater Daniel Walker nachgefragt: «Das funktioniert bestimmt. Es gibt viele Kliniken und Abteilungen, in denen das Du bereits Realität ist. In der Schweiz gibt es das häufiger als beispielsweise in Deutschland.» Walker ist Managing Partner von Walkerproject. Die Firma berät Organisationen im Gesundheitswesen.

Für den Arbeitsalltag in einem Spital könnte die Du-Kultur sogar ein Vorteil sein, denkt Walker: «Die Schwelle könnte tiefer sein, etwas auszusprechen, was man vorher für sich behalten hat.» Auch die Klientel könnte dabei besser wegkommen: «Dadurch verbessert sich die Sicherheit von Patientinnen und Patienten.» Man spreche hier von «Speak up», wenn man Sicherheitsbedenken schneller anspricht.

Mit Respekt hat das Du wenig zu tun

Und wie sieht es mit dem gegenseitigen Respekt bei Mitarbeitenden und Vorgesetzten aus? «Respekt hat wenig mit dem Du zu tun. In Spitälern werden Verhaltensweisen geduldet, die anderswo zur sofortigen Entlassung führen würden», verrät Walker. Dies habe vor allem mit der gegenseitigen Abhängigkeit zu tun und betreffe die oberste Ebene des Kaders.

Von einer Lösung wie beim Bunderat rät der Experte aber ab – beim Kaffee duzen, im Sitzungszimmer siezen: «Das halte ich für puren Unsinn. Entweder steht man dazu, dass man per Du ist, oder man lässt es bleiben.»

Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 25. Juni 2022 17:07
aktualisiert: 25. Juni 2022 17:07
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