Wohnen

Schweizer Mietende petzen bei der Verwaltung

Nina Burri, 17. Januar 2023, 12:02 Uhr
Sind wir Schweizer besonders extrem, wenn es um Nachbarschaftsstreitigkeiten geht? Auf Reddit wird heiss darüber debattiert.
Anzeige

Eine Userin auf Reddit fragt ihre Community auf Englisch, ob sie auch glaube, dass es in der Schweiz mit dem «Verraten» oder «Petzen» krasser sei als in anderen Ländern. Sie schreibt:

«Dies ist mindestens der vierte Ausländer, der mir erzählt, dass er sich in der Schweiz wegen einer vermeintlichen «Snitch Culture» (Englisch für Petzen und Leute verraten) und Leuten, die immer ein misstrauisches Auge auf andere haben, sich nicht ganz so sicher fühlen. Sie befürchten, für Dinge wie öffentliches Urinieren draussen (im Wald wohlgemerkt, nicht mitten in der Stadt), falsches Parken, fälschlicherweise der Vermüllung beschuldigt zu werden und der grosse Klassiker – WC-Spülung nach 22 Uhr — gemeldet zu werden…»

Hat die Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern tatsächlich eine starke «Petzkultur»?

Das Thema scheint ein Brennpunkt für viele von uns zu sein. Zahlreiche Beispiele aus dem Alltag der User folgen unter ihrem Post. Einer merkt an, dass Schweizerinnen und Schweizer dafür bekannt sind, nicht konfrontativ zu sein. Wenn ein Fahrgast im Bus laut ist, kann ein Mitreisender beschliessen, zum Fahrer zu gehen und ihn zu informieren, anstatt es dem Störenfried direkt zu sagen. Der User stellt weiter fest, dass in anderen Kulturen Autoritäten der letzte Ausweg seien:

«In diesen Kulturen sind die Menschen daran gewöhnt, zu streiten und die Dinge bei Bedarf zu deeskalieren. Aber sie betrachten die Delegation an die Behörden als das Allerletzte, was zu tun ist, wenn nichts anderes funktioniert. Umgekehrt erwarten die Behörden nicht, sich mit Nebensächlichkeiten zu befassen: Die meisten Gebäudeverwalter im Ausland würden denken, dass sie verrückt sind, wenn sie ihnen einen Brief über einen Nachbarn schreiben, der ihren Parkplatz benutzt. Es ohne ein legitimes Gefühl der Notwendigkeit zu tun, kann wie ‹Petzen› aussehen.»

Behörden als Verbündete

Ein Grund für den Weg via Verwaltung und Behörde könnte sein, dass eine grosse Angst vorherrscht vor den Reaktionen des Nachbarn, wie Gewalt, Mobbing oder unangenehmen Konsequenzen. Lieber regelt man das still und heimlich via Brief oder E-Mail an Behörden, anstatt sein Gesicht zu zeigen und Probleme direkt und offen anzusprechen.

Ein anderer User ist der Meinung, dass in der Schweiz Behörden eher als Verbündete angesehen werden, die auf der Seite des Gesetzes stehen. Man gehe davon aus, dass jemand nicht in schlimmere Schwierigkeiten gerät, wenn Probleme gemeldet würden. Dies kann in Ländern, in denen die Behörden als willkürlicher angesehen werden, ganz anders sein.

Walter Angst, Leiter Kommunikation des Mieterverbands Zürich, meint dazu, die Empfehlung sei immer, sich untereinander zu einigen bei Nachbarschaftsproblemen. Sollte eine Situation zu verfahren sein, werden Nachbarschaftsberatungen durchgeführt und Mediation angeboten. Wegen jeder Kleinigkeit zum Vermieter oder der Verwaltung zu rennen, stuft er gar als gefährlich ein. Der Vermieter könnte Konsequenzen ziehen und sich dazu entscheiden, einer der beiden Parteien zu kündigen. Dies treffe dann ein, wenn vermehrt Probleme gemeldet werden oder ein Hin – und Her von Klagen und Anfeindungen eingehen. Jeder Nachbarschaftsstreit ist auch belastend.

«Einfach die Regeln respektieren»

Klagen kommen von allen Berufsgruppen und haben nichts mit reich oder arm zu tun. In einem Beispiel waren es zwei Psychologen, die sich angefeindet hatten, eine Berufsgruppe, vor der man eher eine entspannte Haltung und Einsicht vermuten könnte. Was für die einen gar kein Thema zur Klage wäre, kann für andere ein Rieseneinschnitt in ihre Privatsphäre sein. Oder ins Hobby: einer wollte dem Nachbarn die Katze verbieten, weil er als Vogelliebhaber die seltenen Arten in Gefahr sah, die von der Katze gefressen werden könnten…

Für einen User gibt es nur eine Antwort auf all die Kommentare:

«Respect the rules and you won't be snitched on» Was so viel heisst wie: Respektiert doch einfach die Regeln, dann gibt’s auch keinen Petz-Meis.

(Nina Burri)

Nina Burri
Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 17. Januar 2023 07:14
aktualisiert: 17. Januar 2023 12:02