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Notruf-Expertin erklärt, wie sie Eltern am Limit per Telefon hilft

«Weinen ist wichtig»

Notruf-Expertin erklärt, wie sie Eltern am Limit per Telefon hilft

07.04.2024, 07:05 Uhr
· Online seit 05.04.2024, 07:01 Uhr
Die Zahl der misshandelten Kinder steigt seit mehreren Jahren an. Wie überforderte Eltern mit dem Druck vom Elternsein klarkommen können und weshalb es keine Schwäche ist, sich Hilfe zu holen, erklärt Elternnotruf-Co-Leiterin Yvonne Müller.
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Sie werden verletzt, verbal angegriffen oder vernachlässigt – seit nunmehr fünf Jahren geht in Zürich die Kurve der Zahl von misshandelten Kindern nach oben. Möglich wäre auch, dass die Zahl an misshandelten Kindern gar nicht steigt, sondern man genauer hinschaut.

Genauer hinschauen und vor allem den Eltern zu helfen, ist auch die Aufgabe des Teams des Elternnotrufs und seiner Co-Leiterin Yvonne Müller. Yvonne Müller hat Sozialarbeit studiert und ist in der Telefon-, Chat-, und Mailberatung tätig.

Sie und ihr Team kommen dann zum Einsatz, wenn Elternteile nicht mehr weiterwissen. Sie hören zu, bevor sie Papis und Mamis Tipps geben, wie man eine Handlung, die man später bereut, vermeiden kann. Im Interview erklärt sie, was genau die Aufgabe des Elternnotrufs ist und wieso Weinen auch für Eltern so wichtig ist.

Frau Müller, was hat sie dazu veranlasst, diesen Job zu wählen?

Yvonne Müller: Der Beweggrund war, dass es ein wahnsinnig toller Job ist. Es ist auch etwas, das es einfach braucht. Es gibt nichts, was einen dermassen an die eigenen Grenzen bringen kann, wie die eigenen Kinder. Davon bin ich überzeugt.

Wie geht man mit dem Wissen um, dass ein Arzt oder eine Ärztin täglich ein misshandeltes Kind behandelt?

Das ist natürlich schockierend. Es sind in der Regel aber nicht die Kinder der Eltern, die wir bei uns am Telefon haben. Bei uns melden sich mehr die Eltern, die sich bereits vorher Hilfe holen. Es kommt aber natürlich auch vor, dass Eltern anrufen und sagen: «Jetzt ist mir die Hand ausgerutscht». Die klassischen Misshandlungen landen aber meist ohne einen Umweg über uns beim Kinderspital.

Also werden sie vermehrt kontaktiert, bevor etwas passiert?

Ja schon. Was wir auch viel haben, sind Eltern, denen eben zum ersten Mal die Hand ausrutscht. Das ist der Klassiker in der Überforderung und passiert vielen Eltern genau ein einziges Mal. Diese Eltern wussten schon vorher, dass sie genau das eigentlich nie tun wollten. Nachher wissen sie es definitiv. Die rufen dann an und fragen, was sie machen können, weil genau das passiert ist, was sie nie tun wollten.

Wie viele Menschen suchen täglich Rat?

Das sind etwa fünf bis fünfzehn, das schwankt extrem. Pro Jahr sind es etwa 5000 Beratungen, rund 4000 per Telefon. Für das grosse Angebot, welches wir mit unseren Beratungen abdecken, sind es eigentlich noch zu wenig. Es wäre wünschenswert, dass noch mehr Eltern Hilfe und Rat in Anspruch nehmen würden. Eine unserer wichtigsten Aufgaben neben akuten Notsituationen ist zuzuhören, zu stärken und zu normalisieren. Das heisst auch, die Eltern dabei zu unterstützen, dass sie die Selbstkontrolle zurückerlangen.

Also den Eltern zu vermitteln, dass es normal ist, dass einen die Kinder wahnsinnig machen können?

Genau. Häufig fangen Eltern an, Aussetzer des Kindes persönlich zu nehmen. Da braucht es für uns aber meistens nicht viel, um die Eltern mit ihren Kindern in Beziehung zu bringen. Manchmal können wir ihnen erklären, dass das eine Entwicklungsphase des Kindes ist, und nicht gegen sie gerichtet. In dem Moment, in dem sich die Eltern wieder beruhigen, passiert mit den Kindern meist das Gleiche.

Wie lange dauert eine telefonische Beratung?

Im Durchschnitt etwa eine halbe Stunde. Es kann aber auch eine Stunde dauern. Eine Lösung für gravierende Geschichten, bei denen es eine Prozessbegleitung braucht, können wir in der Zeit natürlich nicht bieten, da gibt es aber andere Angebote von Erziehungsberatungsstellen oder auch die persönliche Beratung des Elternnotrufs.

Sind die Eltern bei einem Anruf oft in einer akuten Situation?

Viele schon. Manchmal weinen sie auch die ersten Minuten am Telefon. Dann warten wir einfach. Das ist aber gut! Weinen ist wichtig. Es ist wichtig, dass die Gefühle raus können und dass jemand da ist. Menschen im Bekanntenkreis haben schnell das Gefühl, man müsse mit tröstenden Worten kommen.

Wo sind die Kinder in einer solchen Situation?

Manchmal ist das schreiende oder weinende Kind noch in der Nähe oder auch auf dem Arm der Person, die anruft. Je kleiner das Kind ist, desto näher ist es natürlich auch bei den Eltern während des Telefonats. Manchmal warten die Eltern aber, bis die Kinder im Bett sind. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass wir auch an den Abenden und am Wochenende erreichbar sind.

Was gibt es für Auslöser, die die Eltern so an ihre Grenzen bringen?

Das kann fast alles sein. Das können Trotzanfälle von Kleinkindern sein, es können aber auch Pubertierende sein, die Sachen schmeissen oder die Eltern beschimpfen. Oft ist es nicht einmal unbedingt das explizite Verhalten der Kinder, das Auslöser für diese Überforderung ist, sondern dass einfach die Batterien der Eltern leer sind und sie nicht mehr können. Schlafentzug zum Beispiel ist, insbesondere mit kleinen Kindern, etwas Normales, kann aber sehr, sehr schlimm sein.

Was gibt man den Eltern mit?

Sicher einmal, dass sie in der Situation nicht alleine sind, und dass es total wichtig und gut ist, sich Hilfe zu holen. Viele Eltern haben immer noch das Gefühl, dass Hilfe zu holen ein Zeichen von Schwäche sei. Wir sehen das genau umgekehrt. Wir finden, dass es ein Zeichen von Stärke ist und ein erster Schritt für eine Veränderung. Wir wollen den Eltern für diesen Schritt ganz viel Wertschätzung entgegenbringen. Wir werten auch nicht. Wenn Eltern anrufen und zum Beispiel sagen: «Ich habe mein Kind geschlagen», dann muss man sich mal vorstellen, wie viel Scham mit sowas verbunden ist. Da geht es dann darum, sie zu loben, dass sie diese Scham überwunden haben. Abwerten tun sie sich selber schon genug dafür.

Suchen viele jemanden zum Reden, weil das eigene Umfeld fehlt?

Wir fragen als erstes immer nach, wo die Person mehr Entlastung erhalten könnte. Es gibt viele, bei denen die Grosseltern dann zum Beispiel weit weg wohnen, oder Menschen, die noch nicht lange an einem neuen Ort wohnen. Seltener ist es, dass Menschen gar kein soziales Netz haben. Wenn Eltern oft und viel anrufen, empfehlen wir dann auch irgendwann eine Therapie oder Erziehungsberatung, weil wir auch auf Dauer ein soziales Netz nicht ersetzen können. Der Elternnotruf bietet Erziehungsberatung vor Ort oder per Video an, eine solche Beratung ist aber, im Gegensatz zu unseren anderen Angeboten, nicht mehr kostenlos. Da gelten einkommensabhängige Tarife zwischen 50 und 180 Franken pro Stunde.

Nimmt man die Gespräche auch mit nach Hause oder kann man da gut abschalten?

Wir arbeiten viel aus dem Homeoffice, also sind wir schon daheim. Am Tag machen wir das im Büro, aber am Abend und am Wochenende arbeiten wir von zuhause aus. In der Regel können wir das alle gut ablegen. Ganz selten kommt es vor, dass einem etwas nachgeht, aber für diesen Fall haben wir einen Chat und dort fragen wir dann, ob jemand Zeit für einen Austausch und einen Abschluss hat. Das ist für uns sehr wichtig und es funktioniert auch immer. Irgendjemand hat immer Zeit.

Wo kommt das Verständnis für die Situationen her?

Wir haben zum Beispiel alle Kinder. Das ist eine Voraussetzung, um beim Elternnotruf zu arbeiten. Da gibt es natürlich immer wieder Situationen, in denen man denkt: «Mist, das kenne ich genau auch». Das kann helfen. Dann gibt es eine gute Mischung aus Wissen und eigenen Erfahrungen. Es kann aber auch Situationen geben, in denen man dann nicht die richtige Ansprechperson ist und schaut, dass sich eine Kollegin oder ein Kollege dem annehmen kann.

Bei Gewalt reicht eine Telefonberatung in der Regel nicht, aber sie kann ein Anfang sein. Uns kann man immer anrufen und dann kann man auch mit den Eltern zusammen überlegen, an wen sie sich als Nächstes wenden könnten.

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veröffentlicht: 5. April 2024 07:01
aktualisiert: 7. April 2024 07:05
Quelle: ZüriToday

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