Assistierter Suizid in Zürich

«Ich leite ein Altersheim, bin gläubig und für die Möglichkeit der Sterbehilfe»

Lothar Lechner Bazzanella, 24. Mai 2022, 19:14 Uhr
Der Zürcher Kantonsrat will, dass alle Alters- und Pflegeheime im Kanton ihren Bewohnern Sterbehilfe ermöglichen müssen. Sergio Jost vom Reformierten Alterswohnheim Enge ist selbst gläubig, wie er sagt. Er will seinen Heimbewohnern bei Wunsch den assistierten Suizid gewähren.

Herr Jost, der Entscheid des Kantonsrats zur Sterbehilfe schlägt derzeit hohe Wellen. Wie sehen Sie die Diskussion zum Thema?

Ich finde es enorm wichtig, dass wir über dieses sensible Thema diskutieren. Und ich denke, es ist wichtig zu unterstreichen, dass es bei ethischen Fragen eben keine absolute Wahrheit gibt. Da geht es um Einschätzungen, Überzeugungen, Glaubensfragen.

Begrüssen Sie den Entscheid des Kantonsrats?

Ja, das tue ich. Ich halte es für gut und richtig, dass alle Einrichtungen die Möglichkeit der Sterbehilfe anbieten müssen.

Weshalb?

Weil wir unseren Bewohnerinnen und Bewohnern ein Daheim bieten wollen. Und dazu gehört auch, dass der schmerzliche Moment des Todes in diesem Daheim passieren darf. Ich will nicht, dass jemand hierfür sein gewohntes Umfeld verlassen muss, nur weil er seinem Leben ein Ende machen will.

Sie leiten das Reformierte Alterswohnheim Enge, welches in den 70er Jahren aus der Stiftung der Kirche Enge entstanden und heute eine selbstständige Stiftung ist. Können die Heimbewohnerinnen und Bewohner in Ihrer Institution assistierten Suizid begehen?

Ja, das können sie. Wir sind zwar aus einer kirchlichen Stiftung hervorgegangen, seit mehreren Jahren aber politisch und konfessionell neutral unterwegs.

Wie viele der Heime sind Ihrer Einschätzung nach genauso aufgebaut?

Schätzungsweise würde ich sagen, dass im Kanton Zürich über 90 Prozent der Heime religiös neutral sind.

Ein Argument der Gegner des Sterbehilfe-Zwangs lautet häufig, dass man damit auch Mitarbeitende und Pflegepersonal verpflichtet, dem Suizid beizuwohnen. Wie bewerten Sie das?

Das sehe ich nicht so. Bei uns wird niemand gezwungen, dabei zu sein, wenn ein Heimbewohner den assistierten Freitod wählt. Im Gegenteil: Dies wird angekündigt und wenn jemand dort nicht im Haus sein will, dann bekommt er an dem Tag ganz bewusst frei. Und ich könnte mir vorstellen, dass die meisten Institutionen dies auch so handeln oder handeln würden. Generell ist unser Personal bei dem Prozess ja meistens gar nicht involviert.

Inwiefern?

Wenn ein Heimbewohner den Wunsch äussert, sterben zu wollen, dann müssen wir als Einrichtung vor allem eines: diesen Wunsch respektieren. Wir helfen vielleicht bei gewissen administrativen Fragen, den Suizid selbst muss aber der jeweilige Bewohner organisieren und schaltet hier zum Beispiel Teams wie «Exit» ein, die dann zu uns kommen und den Bewohner begleiten. Nur auf Wunsch des Bewohners oder Angestellten wohnen wir dem Prozess konkret bei.

Kommt dies vor?

Es passiert, dass ein Mitarbeitender bewusst und aus freien Stücken sagt, er wäre in den letzten Stunden des jeweiligen Heimbewohners gerne dabei.

Können Sie nachvollziehen, wenn jemand gegen den Entscheid des Kantons ist?

Wie gesagt: Bei ethischen Fragen gibt es keine absolute Wahrheit. Ich kann verstehen, wenn dies irgendwelchen religiösen Grundsätzen eines Menschen widerspricht. Von mir selbst kann ich sagen: Ich bin gläubig und ich bin trotzdem oder gerade deshalb für die Möglichkeit der Sterbehilfe.

Gerade deshalb?

Für mich besteht hier absolut kein Widerspruch. Es gibt einfach manchmal Situationen, wo ein Mensch so viel Schmerz, so viel Leid verspürt, dass er keinen Sinn mehr im Leben sieht und gerne schmerzlos und ganz bewusst aus dem Leben scheiden würde. Diese Möglichkeit, die uns die moderne Medizin heute bietet, sehe ich als Chance, den Tod neu und ganz bewusst als etwas Würdiges zu gestalten.

Wie oft kommt das vor?

Es ist ein überaus einzigartiges Ereignis, zumindest was unsere Institution betrifft. In meinen elf Jahren seit ich hier bin, haben wir drei Fälle eines begleiteten Suizids erlebt. Und mit den Jahren sehr viel gelernt.

Zum Beispiel?

Beim ersten Mal war es nicht ruhig, nicht würdevoll. Die Polizei, die von Amtes wegen kommen muss, fuhr mit einem Grossaufgebot vor, es kam Hektik ins Heim und dadurch wurde auch der Trauerprozess gestört. Beim zweiten Mal haben wir uns mit den Behörden abgesprochen. Das half. Ausserdem wissen wir heute, wie wichtig die Zeit nach dem assistierten Suizid ist.

Was meinen Sie damit?

Bisher wurde nur über das Für und Wider der Sterbehilfe diskutiert. Nicht aber, wie wichtig es ist, danach die Angehörigen und Heimbewohner zu betreuen. Für viele ist das ein traumatischer Vorfall. Oftmals schlimmer, als wenn jemand urplötzlich verstirbt.

Warum?

Man muss sich vorstellen, dass ein natürlicher Tod, sei es durch Krankheit oder einen Unfall, uns in aller Regel unvorbereitet trifft. Wenn man aber zum Beispiel als Angehöriger im Voraus weiss, dass eine geliebte Person zu einem bestimmten Zeitpunkt aus dem Leben scheiden wird, ist das emotional nochmals eine komplett andere Dimension. Das wird oft unterschätzt.

Wie gehen Sie hier vor?

Wenn ein Heimbewohner verstirbt, dann teile ich das den Bewohnern mit. Manchmal gibt es sogar neidische Kommentare, wenn jemand ohne Schmerzen im Schlaf verstorben ist. Bei einem Freitod ist diese Botschaft natürlich um einiges komplexer.

Und wie gehen Sie damit um?

Der Gedanke, dass sich jemand bewusst für den Tod entscheidet, kann viele umso mehr bestürzen. Gerade deshalb braucht es hier ein entsprechendes Angebot. Eine Begleitung für jene, die davon betroffen sind. Und eine würdevolle und faire Diskussion zu einem unfassbar wichtigen und sensiblen Thema: dem Tod.

Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 25. Mai 2022 08:06
aktualisiert: 25. Mai 2022 08:06
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