Stipendium-Elend in Zürich

«Ich ging fast zum Sozialdienst, weil ich warten musste»

Maarit Hapuoja, 7. Oktober 2022, 16:53 Uhr
Silvia studierte von 2014 bis 2021 an der Uni und beantragte jedes Semester ein Stipendium. Kam das Geld zu spät, geriet sie in eine Notlage. Heute ist Silvia 29 Jahre alt und Zahnärztin – doch an den Geldstress, und an die damit verbundene psychische Belastung, erinnert sie sich gut.
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«Es ist eine wahnsinnige Belastung für die Studierenden, die so lange warten müssen», sagt Silvia. Sie spricht von den Studis, die seit langer Zeit ohne Stipendium ausharren – zu lange Zeit. Denn in Zürich sind Tausende Stipendiengesuche, beginnend ab Oktober 2021, noch unbearbeitet.

Heute ist Silvia 29 Jahre alt und arbeitet als Zahnärztin. Doch der Weg dahin war nicht immer einfach. Dies unter anderem, weil das Geld manchmal knapp war. Geld, welches ihr als Ausbildungsbeitrag – Stipendium – nicht immer rechtzeitig zur Verfügung stand. Geld, auf das sie während des Studiums dringend angewiesen war.

Geld ist da, wenn das Semester vorbei ist

«Ich habe meist ein Semester lang auf das Stipendiengeld gewartet. Das Geld habe ich oft erst dann erhalten, als das Semester schon vorbei war», sagt Silvia. Die Wartezeit bei ihr war zwar deutlich weniger lang als bei einigen Zürcher Studierenden zurzeit. Doch auch Silvia hat das Warten meist in eine «blöde Situation gebracht».

Silvia erklärt: «Für Studierende, die keine finanziellen Rücklagen haben, die nichts auf dem Sparkonto haben, die keine unterstützende Familie hinter sich stehen haben – für diejenigen entsteht durch so etwas eine finanzielle Notlage.» Diese Erfahrung habe sie leider auch machen müssen.

Die grosse Ungewissheit

Silvia hat Rechnungen teils lange nicht bezahlt, hat Mahngebühren erhalten und letzlich Freunde «angepumpt». Psychisch war es extrem belastend für die heute 29-Jährige, vor allem aufgrund der Ungewissheit. «Wann kommt das Geld und wie viel erhalte ich?» Das hat sie sich ständig gefragt. «Geldstress finde ich etwas vom Intensivsten, das es gibt», sagt Silvia heute. «Und das alles während der Uni – das verstärkt extrem die Belastung, die durchs Studium schon vorhanden ist.»

Die heutige Zahnärztin hatte sich überlegt, sich beim Sozialdienst zu melden, um die Phase, in der sie aufs Stipendium gewartet hat, zu überbrücken. Der administrative Aufwand wäre aber enorm gross gewesen und zusätzlich hätte sie Vollmachten über ihre Finanzen erteilen sollen. «Das war mir ein zu starker Eingriff in die Privatsphäre», erklärt Silvia.

Warum keine Teilanzahlung?

Für Silvia ist der Andrang der Stipendiengesuche mehr oder weniger einschätzbar. Der Kanton müsse sich besser vorbereiten, Personal aufstocken und die Gesuche in einer «zumutbaren Frist» erledigen. «Doch zumindest eine Teilanzahlung sollte möglich sein», wünscht die 29-Jährige den jetzigen Gesuchstellern.

Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 7. Oktober 2022 18:55
aktualisiert: 7. Oktober 2022 18:55