Meilen

Gedankenlose Tierfreunde füttern Häsli Lotti zu Tode

Bettina Zanni, 23. September 2022, 09:38 Uhr
Chüngel Lotti starb völlig unerwartet. Die Familie vermutet, dass das Tier von Passanten schlechtes Futter erhalten habe. Etwa landen Küchenabfälle im Gehege.

Voller Entzücken bleiben Passantinnen und Passanten beim Haldengässli jeweils stehen. Die Chüngel im Gehege in Meilen gleich am Rand des Schleichwegs zwischen dem Haus «Sunnehalde» und dem Teien-Spielplatz sind für Jung und Alt eine Attraktion.

Die beiden Zwergwidder Bambi und Sunny scheinen sich über die Besucher zu freuen. Vergnügt hoppeln sie vor deren Augen umher. Nähert sich jemand dem Gehege, schnuppern sie neugierig am Zaun. Spätestens wenn sich einer der Chüngel am Zaun aufrichtet, bleibt kein Herz mehr unberührt. Doch die Idylle täuscht.

Trauriger Warnhinweis

«Lotti ist leider am 29.04.22 mit nur 2 Jahren total unerwartet verstorben», steht auf zwei Zetteln, die am Gehege hängen. «Es liegt nahe, dass sie von den Besuchern falsch gefüttert wurde.» Die Besitzerfamilie bittet die Besucher «deshalb nochmals», zu überlegen, was und wie viel sie fütterten. «Löwenzahn und Karotten sind erlaubt». Der Zettel warnt: «Wenn wir noch einmal beobachten, wie Kinder giftige Pflanzen und Plastikabfall füttern, müssen wir das Füttern für immer verbieten.»

Die Familie wohnt gleich neben dem Gehege im Haus «Sunnehalde». «Lotti war der Star bei den Leuten», sagt Sandra Keller traurig. Das Riesenkaninchen sei besonders zutraulich und so gross wie eine Katze gewesen. «Viele Passanten fanden sie auch wegen ihrer Lampiohren besonders herzig.»

«Magen war voller Grünzeugs»

Der plötzliche Tod von Lotti wenige Tage nach Ostern geht Keller und ihrer Tochter Noa Eichenberger immer noch nahe. «Es war so schlimm, wie sie sterben musste», entfährt es beiden. Der Chüngeldame sei es innert Kürze immer schlechter gegangen. «Lotti hatte sich in ihrem Loch vergraben. Wir konnten sie nur noch beim Tierarzt einschläfern lassen», erzählt Keller.

Im Tierspital liess die Familie das Riesenkaninchen obduzieren. «Die Tierärzte sagten, dass Lottis Magen völlig aufgeblasen und voller Grünzeugs gewesen sei», berichtet Noa Eichenberger vorwurfsvoll. Vermutet werde, dass der Hase an einer Kolik gestorben sei.

Die Mutter und die Tochter sind überzeugt, dass Lotti giftiges Futter von leichtsinnigen Passanten erwischte. Die kommenden kälteren Monate bereiten ihnen besonders grosse Sorgen. «Alle Pflanzen, die im Winter grün sind, sind für Chüngel giftig», erklärt Eichenberger als Faustregel. Dazu zählten zum Beispiel Efeu, Lorbeeren, Eiben und Bärlauch. «Unbedenklich sind dagegen Löwenzahn, Gräschen, Gänseblümchen, Fenchel, Klee sowie ab und zu ein Stückchen Apfel und Rüebli.»

Küchenabfälle im Gehege entsorgt

Manche Passanten überhäufen die Tiere buchstäblich mit gefährlichem Futter. «Es gibt Leute, die ihre Küchenabfälle in unserem Gehege entsorgen», empört sich Sandra Keller. Rüstabfälle wie Zwiebelschalen und Lauch seien für Chüngel besonders gefährlich, da diese je nach Menge Blähungen verursachten und zu Koliken führten. Noa Eichenberger berichtet zudem: «Ich fand im Gehege auch schon Papierchen von Schokobons, verschimmeltes Brot und Plastik.»

Die Mutter und Tochter erwischten schon sogenannte Tierfreunde, die es mit Rüebli allzu gut meinten. «Es gibt solche, die einfach einen Sack Rüebli von Coop reinwerfen», sagt Keller fassungslos. Chüngel liebten Rüebli zwar über alles. Doch sie dürften nur kleine Mengen davon fressen.

Immer wieder weisen sie die Besucher auf die Fütterung hin. Doch dies gestalte sich manchmal schwierig, berichten die Mutter und die Tochter. Oft kannten Eltern geläufige Pflanzen nicht. «Wenn ich von Löwenzahn oder Efeu spreche, kommt die Frage zurück: ‹Was ist das?›», erzählt Eichenberger kopfschüttelnd. Auch könnten sie sich nicht darauf verlassen, dass die Eltern schauten, was die Kinder den Häschen verfütterten. «Die Eltern hängen am Spielplatz nebenan oft am Handy und sind froh, wenn die Kinder bei den Hasen beschäftigt sind», sagt Keller schulterzuckend. Auch für die Kinder selbst sei dies nicht ungefährlich. «Riechen deren Finger nach Essen, könnten die Hasen sie mit Futter verwechseln und zuschnappen.»

Nicht der erste Todesfall wegen falschem Futter

Lotti ist nicht der erste Hase der Familie, der falschem Futter zum Opfer fiel. Im Frühling 2021 starb bereits Riesenkaninchen Filou – Lottis Vorgänger. «Der Tierarzt sagte, dass er an einer aufgequollenen Leber starb, was auch typisch sei, wenn ein Chüngel zu viel giftiges Grünzeug gefressen habe», erklärt Eichenberger.

Nach Filous Tod verhängte die Familie am Gehege ein Fütterungsverbot. «Da die Häsli aber den Kontakt zu den Menschen mögen und viele vernünftige Besucher bedauerten, sie nicht mehr füttern zu dürfen, sahen wir wieder davon ab», sagt Keller. Die Familie sei froh, dass sich viele Leute an den Hasen erfreuten und diese auch füttern wollten, betont sie. Ebenso freuten sich die Tiere über den einen oder anderen Snack. «Ein Fütterungsverbot wäre daher nicht in unserem Sinne.»

Die Familie hofft nun, dass die beiden Zettel am Gehege gedankenlose Tierfreunde endlich zur Vernunft bringen. Wirkung haben die Warnhinweise bereits gezeigt. «Die Leute sind beim Füttern vorsichtiger geworden und fragen schneller nach», sagt Keller zufrieden.

Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 23. September 2022 06:45
aktualisiert: 23. September 2022 09:38
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