Loverboys in Zürich

«Er manipuliert sie, bis sie von ihm abhängig sind»

Laura Dünser, 24. Mai 2022, 10:50 Uhr
Am Bezirksgericht Winterthur wird Anfang Juli das Urteil im sogenannten «Loverboy»-Prozess eröffnet. Ein Mann soll ein zwölfjähriges Mädchen zu Sex mit seinen Freunden gezwungen haben. Dabei handelt es sich um keinen Einzelfall. Und doch ist das bevorstehende Urteil von grosser Bedeutung.

Klara ist 14, genervt von der Schule, genervt von ihren Eltern und verliebt in einen 20-jährigen Mann, den sie auf Instagram kennengelernt hat. Ihre Online-Beziehung mit dem älteren Mann entwickelt sich schnell zu einer für sie sehr realen Beziehung. Er macht ihr Komplimente, Geschenke und schon bald treffen sich die beiden regelmässig in seiner Wohnung. Oft verlangt er von ihr Sex.

Klaras «Freund» beschwert sich über seine finanzielle Situation und behauptet, er sei verschuldet und in Geldnot. Er bittet Klara, mit einem seiner «Bros» zu schlafen, der dann die Schulden begleichen würde. Nach langem Zögern willigt sie ein; sie macht es aus Liebe. Dass der angebliche «Bro» ein zahlender Freier ist, der sie für eine Nacht im Hotel gebucht hat, wird ihr erst später bewusst.

Das Ziel ist die absolute Kontrolle

Die Geschichte von Klara ist frei erfunden, doch laut dem Beratungs- und Schulungszentrum Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung ACT212 geht es vielen Mädchen in der Schweiz genau so. Bei den Behörden im Kanton Zürich werden jedes Jahr bis zu 25 Loverboy-Fälle gemeldet, viele der Opfer sind minderjährig. Ihre grosse Liebe entpuppt sich als Zuhälter – als sogenannter «Loverboy». Die Beziehung endet in Ausbeutung.

Dabei seien alle Geschichten anders, sagt Irene Hirzel, Geschäftsführerin von ACT212. Und doch würden sie alle nach dem gleichen Schema verlaufen: «Der meist etwas ältere Mann will sein Opfer – das können übrigens auch Jungen sein – kontrollieren. Er manipuliert die Betroffenen, bis sie von ihm abhängig sind.» Das könne man auch an dem Fall in Winterthur erkennen. Das Mädchen weigerte sich, vor Gericht gegen ihren mutmasslichen Ausbeuter auszusagen. Das zeugt laut Hirzel von enormer Abhängigkeit.

Irene Hirzel ist die Geschäftsführerin des Vereins ACT212. Das Beratungs- und Schulungszentrum ist Anlaufstelle für Opfer von Menschenhandel und führt unter anderem eine Meldestelle für Loverboy-Fälle in der Schweiz.

© ACT212

Mädchen und junge Frauen am meisten betroffen

Opfer eines Loverboys oder auch eines Lovergirls könne eigentlich jeder werden, sagt Irene Hirzel. Die meisten Opfer seien zum Zeitpunkt der Ausbeutung aber minderjährig, seltener treffe es erwachsene Personen. «Gefährdet sind insbesondere Jugendliche mit niedrigem Selbstwertgefühl oder die gerade in einer Krise stecken wie etwa Stress zuhause oder Stress in der Schule.» Mädchen und junge Frauen seien am häufigsten betroffen.

Nur wenig Fälle landen vor Gericht

Die wenigsten Fälle kommen ans Licht, die Dunkelziffer ist hoch, betont Irene Hirzel. Noch viel weniger Fälle landen vor Gericht. Der laufende Prozess in Winterthur sei deshalb wichtig, weil er der Thematik Aufmerksamkeit schenke. Es sei zudem der allererste Gerichtsfall, bei welchem das Opfer ein Mädchen aus der Schweiz sei. Das Strafmass sei ausschlaggebend für zukünftige Fälle. «Besonders an dem Fall ist auch, dass der Täter zum Zeitpunkt der Ausbeutung selber noch minderjährig war – auch wenn einiges älter als das Opfer. Ich kann mir nicht erklären, wie er sich das Wissen aneignen konnte, das ein Loverboy braucht, um ein Mädchen derart abhängig zu machen, um es dann zu kontrollieren und auszubeuten.»

Krieg in der Ukraine verschärft das Problem in der Schweiz

Laut Irene Hirzel ist der Handlungsbedarf riesig. «Wir stecken im Moment wegen des Kriegs in der Ukraine zudem in einer Flüchtlingskrise. Kriegssituationen sind immer Förderer von Menschenhandel und Zwangsprostitution.» Frauen, die wegen des Kriegs in die Schweiz flüchten mussten, seien viel empfänglicher für Loverboys, so Hirzel. Sie befänden sich in einer komplett unbekannten Umgebung, zum Teil ohne Geld und ohne Perspektive.

Es sei klar, dass die Zahl der Loverboy-Fälle aufgrund der Verletzlichkeit der Ukrainerinnen in der kommenden Zeit steigen werde. «Uns sind bereits Fälle von Gastfamilien gemeldet worden, das ist Realität.» Der Bund sei sich der Problematik bewusst und arbeite an Massnahmen gegen Menschenhandel und Ausbeutung. Zudem arbeite laut Hirzel auch ihr Beratungszentrum stetig daran, Informationen zum Thema an die Öffentlichkeit zu bringen. Unter anderem wurde ein Flyer entworfen, der Eltern über die Gefahren der Loverboy-Methode aufklären soll.

Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 24. Mai 2022 07:16
aktualisiert: 24. Mai 2022 10:50
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