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Russland-Experte Erich Gysling: «Das ist eine Schwächung für Putin»

Nach Putsch

Russland-Experte Erich Gysling: «Das ist eine Schwächung für Putin»

· Online seit 26.06.2023, 16:54 Uhr
Dieses Wochenende fand ein Aufstand der Wagner-Truppe unter ihrem Chef Jewgeni Prigoschin in Russland statt. Autor und Journalist Erich Gysling analysiert die Zustände in der Region im Interview.

Quelle: CH Media Video Unit / Silja Hänggi

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Herr Gysling, Sie waren lange Sonderkorrespondent für Russland beziehungsweise die Sowjetunion und verfolgen das Geschehen in der Region nach wie vor. Wie schätzen Sie die aktuelle Lage in Russland nach dem Aufstandsversuch ein?

Labil. Wenn Prigoschin sich mit seiner Wagner-Truppe absetzt und in offene Opposition gegenüber dem Kreml geht, dann ist das ein Alarmzeichen. Immerhin verfügt Prigoschin über 25'000 Mann in seiner Armee, früher waren das 50'000 Mann. Diese waren zuvor an der Front in der Ukraine. Wenn diese dort in dem von Putin losgetretenen Krieg in der Ukraine wegfallen, ist das eine Schwächung der Front.

Was bedeutet dies für Russlands Präsident Wladimir Putin?

Dies schwächt Putin innenpolitisch. Die Bevölkerung in Russland hat sicherlich mitbekommen, was am Wochenende passiert ist. Putin hat in einer Rede an die Bevölkerung danach sehr verunsichert gewirkt: Erst sagte er, er werde die «Verräter» hart bestrafen. Dann machte er einen Rückzieher und sprach davon, dass es doch keine Strafe gebe, Prigoschin solle das Land verlassen können, die Kämpfer würden nicht verfolgt.

Wie wurde in Russland über den Aufstand berichtet?

In den russischen Medien wurde das ganze nur sehr rudimentär behandelt, sodass die Bevölkerung die Dramatik der Aktion nicht richtig vermittelt bekam.

Prigoschin soll nach Belarus ins Exil gehen können. Was halten Sie davon?

Es ist nicht sicher, ob er wirklich geht. Der russische Dienst der BBC zitierte am Sonntagabend einen Sprecher von Prigoschin, dass dieser «alle grüssen» würde und der Söldnerführer sei «gerade nicht in der Stadt», in der er vorher war. In Belarus soll er aber noch nicht aufgetaucht sein.

Wäre Prigoschin in Belarus überhaupt sicher?

Die Gefahr für ihn besteht weiterhin. Er hat eine grosse Anhängerschaft in Russland, aber auch Feinde. Ob diese ihn in Russland oder Belarus verfolgen würden, kann man nicht sagen. Denkbar ist es in beiden Staaten. Der Arm des Kremls, sollte dieser Prigoschin verfolgen und umbringen wollen, ist lang und reicht bis nach Belarus. Ob er dort sicherer wäre als in Russland, ist unklar.

Die Soldaten der Wagner-Truppe sollen wieder zurück in ihren Baracken sein. Was geschieht mit ihnen?

Ihnen wurde angeboten, sich der regulären russischen Armee anzuschliessen. Es könnte aber auch sein, dass diese Männer einfach nach Hause wollen. Viele davon, wahrscheinlich die Mehrheit, sind ehemalige Sträflinge. Denen wurde nach Beendigung des Kampfdienstes die Freiheit versprochen und Prigoschin hat ihnen dies kurz vor dem Aufstand nochmals betont. So könnten sie jetzt theoretisch machen, was sie wollen. Gehen diese jetzt nach Hause, bleiben sie Prigoschin treu oder stellen sie sich womöglich in den Dienst der russischen Armee? Das weiss man zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht.

Könnten diese Söldner, die aus dem Krieg in der Ukraine nach Hause reisen, eine Bedrohung für Russland darstellen?

Das ist durchaus denkbar. Es gibt Söldnerarmeen in der halben Welt. In Russland gibt es neben der Wagner-Truppe auch noch jene des tschetschenischen Führers Ramsan Kadyrow sowie zwei weitere mittelgrosse Verbände. Wobei eine dem Verteidigungsministerium unterstellt sein und die andere unabhängiger sein sollte. Gemeinsam ist ihnen nur, dass alle privat oder halbprivat bezahlt werden. Das bedeutet, dass sie gegenüber dem russischen Staat nicht zwangsläufig loyal sein müssen.

Es gibt Wagner-Truppen auch in Afrika, die dort für die Interessen Russlands eintreten – obwohl dies vom Kreml abgestritten wird. Was geschieht mit diesen Männern?

Diese scheinen vorläufig dort bleiben zu können. Mittlerweile wurde das dortige Kontingent aber sowieso reduziert. Früher waren in der Zentralafrikanischen Republik etwa 10'000 Wagner-Truppen stationiert, heute sind es nur noch etwa 4000. Dann soll es in Mali und anderen Ländern auch Wagner-Söldner geben. Wie viele genau und was diese nun machen, ist aber schwer zu sagen.

Ich fasse zusammen: Vieles ist aktuell noch unklar und wird erst die Zukunft zeigen.

Genau. Ich bin gespannt, wie motiviert jetzt die russischen Truppen in der Ukraine noch sind nach dieser Aktion.

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Meinen Sie, die Moral der Truppen wurde gedämpft?

Das wäre logisch. Vorläufig gehen die Angriffe aber weiter. In welcher Intensität dies weitergeführt werden kann, ist noch offen. Die Ukrainer hoffen darauf, dass die russische Armee nun geschwächt ist. Es kann aber auch sein, dass Putin jetzt noch entschlossener reagiert. So wird spekuliert, ob ein Angriff auf das Atomkraftwerk Saporischschja möglich sein könnte. Das halte ich bei Putin nicht für undenkbar.

Mit Erich Gysling hat Sven Bonnard von der CH Media Radio News Cloud gesprochen.

veröffentlicht: 26. Juni 2023 16:54
aktualisiert: 26. Juni 2023 16:54
Quelle: Today-Zentralredaktion

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