Eishockey

Kloten in der National League: Die Flugrichtung stimmt

Lothar Josef Lechner Bazzanella, 7. Dezember 2022, 09:24 Uhr
Seit dieser Saison mischt der EHC Kloten wieder im Konzert der Grossen mit. Er tut dies in der ersten Saisonhälfte für einen Aufsteiger ganz beachtlich. Auch wegen der neuen Ausländerreglung, aber nicht nur.

Quelle: CH Media Video Unit / Katja Jeggli - Beitrag vom 23.10.2022

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Man kann von Saisonprognosen halten, was man will. Grundsätzlich sind sie nur dazu da, damit später darüber debattiert werden kann, weshalb sie nicht eingetroffen sind. Dies trifft auch im Fall des EHC Kloten zu.

Nach vier Jahren in der Swiss League hat den Flughafenstädtern kaum jemand zugetraut, dass sie in ihrer ersten Saison nach der Rückkehr ins Oberhaus gleich wieder zu Höhenflügen ansetzen würden. Neben Ajoie und den SCL Tigers wurden sie von fast allen Experten als einer der Anwärter auf den letzten Platz in der neuen 14er-Liga gehandelt.

Unerwartet gut

Kurz nach der Hälfte der Qualifikation präsentiert sich die Situation für Kloten um einiges erfreulicher. Die Zürcher Unterländer behaupten sich erstaunlich gut, liegen auf Rang 9 und haben mit 36 Punkten sogar schon öfter gepunktet als die letzten beiden Aufsteiger nach ihrer Rückkehr in die National League während der gesamten Qualifikation. Ajoie sammelte 2021/22 26 Zähler, die Rapperswil-Jona Lakers 2018/19 32.

Jeff Tomlinson coachte die Lakers damals zum Aufstieg. Seit eineinhalb Jahren steht der Deutsch-Kanadier am Klotener Schluefweg an der Bande. Wie erklärt er sich die vergleichsweise kurze Angewöhnungszeit? «Die Situation ist nicht ganz die gleiche. Mit Kloten gingen wir quasi All-In für den Aufstieg und richteten unser Kollektiv voll auf die National League aus. Mit den Lakers kam der Aufstieg eher überraschend. Wir mussten deshalb viele neue Spieler integrieren. Das hat eine gewisse Zeit gebraucht.»

Harziger Start

Der Saisonstart verlief für Tomlinson und sein Team jedoch alles andere als optimal. Aus den ersten neun Spielen resultierte nur ein Sieg. Kanterniederlagen wie jene in Davos (0:7), bei Fribourg-Gottéron (1:9) oder gegen Ambri-Piotta (0:6) liessen nichts Gutes erahnen. «Uns wurde schonungslos aufgezeigt, dass individuelle Fehler auf diesem Niveau eiskalt ausgenutzt werden», begründet Captain Steve Kellenberger.

Das Klotener Urgestein war während dieser schwierigen Phase nach einem im Training erlittenen Muskelfaserriss im Oberschenkel während vier Wochen zum Zuschauen gezwungen. Doch mit der Rückkehr des 35-jährigen Allrounders stellten sich auch die Erfolge ein. Die Initialzündung war der 2:1-Heimsieg im Derby gegen die ZSC Lions. «Die Stimmung war gewaltig, das Stadion hat gekocht», erinnert sich Kellenberger.

Danach gelang Kloten mit fünf gewonnenen Spielen am Stück die längste Siegesserie in der National League seit elf Jahren. Es war mit drei Playoff-Final-Teilnahmen innert sechs Saisons damals die beste Phase des Klubs seit den vier Meistertiteln in den ruhmreichen Neunzigerjahren.

Viel Luft nach oben

Noch läuft beim Aufsteiger nicht alles rund, das zeigt auch ein Blick in die Statistik. Kloten schoss bislang nicht nur am wenigsten Tore (63), es kassierte auch am zweitmeisten (93). Auch in den Spezialsituationen konnte die Mannschaft bislang nicht überzeugen. In der Powerplay-Wertung ist man nur die Nummer 12 der Liga; ein statistisch schlechteres Unterzahlspiel gibt es momentan nicht. Im Schnitt wird jede vierte Klotener Strafe mit einem Gegentor bestraft.

Dass Kloten eine so gute Rolle spielt, hängt auch mit der Erhöhung der Ausländerzahl von vier auf sechs zusammen. «Das Niveau ist definitiv höher, das merkt man auch im Training», stellt Kellenberger fest. Wegen des Ukraine-Kriegs kehrten im Sommer viele qualitativ hochwertige Spieler der KHL den Rücken und sondierten den Markt. Davon profitierte auch der Aufsteiger. Mit dem 29-jährigen finnischen Center Miro Aaltonen fand sogar ein Olympiasieger den Weg nach Kloten.

Tomlinson sieht in der Erweiterung des Ausländer-Kontingents noch einen weiteren Vorteil. «Im Vergleich zu früher ist es nun einfacher, verletzungsbedingte Ausfälle von Leistungsträgern zu kompensieren.» Die Verantwortung kann auf mehrere Schultern verteilt werden.

Ein Teenager weckt Begehrlichkeiten

Neben Klotens Topskorer Jonathan Ang - der asiatisch-stämmige Kanadier gilt als grosser Spektakelmacher - sorgte in den letzten Wochen beim EHC vor allem ein Teenager mit Schweizer Lizenz für Aufsehen. Der 18-jährige Österreicher David Reinbacher gilt als grosses Verteidiger-Talent. Dem grossgewachsenen Vorarlberger werden gute Chancen eingeräumt, im Sommer in der ersten Runde für die NHL gedraftet zu werden. Zuletzt besuchten seinetwegen jeweils mehr als eine Handvoll NHL-Scouts die Klotener Spiele.

Die nächste Chance sich zu bewähren bietet sich Reinbacher und dessen Verteidigungspartner Kellenberger am Freitag, wenn in der neuen ZSC-Arena das zweite Zürcher Derby der Saison ansteht. Die Vorfreude ist gross. «Spieler und Fans haben sich diese Spiele herbeigesehnt, Zürcher wie Klotener», sagt Kellenberger. «Wenn wir unsere Fehlerquote tief halten können und füreinander kämpfen, haben wir jeden Abend die Chance zu punkten.»

Gelingt das dem Aufsteiger weiterhin regelmässig, bleiben die Pre-Playoff-Plätze ein realistisches Ziel - und die Saisonprognosen von niedrigem Wert.

Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 7. Dezember 2022 09:23
aktualisiert: 7. Dezember 2022 09:24