Mangel

«Wie auf einem Bazar» – den Psychiatrien gehen die Medis aus

· Online seit 15.12.2023, 05:22 Uhr
In den Schweizer Psychiatrien spitzt sich die Medikamentenknappheit zu. Mangelware sind vor allem Beruhigungs- und Schlafmittel. Setzt sich die Knappheit fort, kann das für Patientinnen und Patienten schwerwiegende Folgen haben. Die Suche nach Ersatzprodukten sei schwierig.
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«Dieses Jahr haben wir schon von 60 verschiedenen Lieferanten Medikamente bezogen, das ist normalerweise nicht so», sagt Angela Brucher, Chefärztin und Direktorin Medizin und Psychologie der Psychiatrie St.Gallen. Sie müssten sich ständig nach neuen Lieferanten umschauen, da die Medikamente bei den bisherigen Partner nicht mehr erhältlich seien. «Es ist ein bisschen wie auf einem Bazar», so Brucher.

Hauptsächlich Beruhigungsmittel knapp

Dasselbe Bild zeigt sich auch in der Psychiatrie Münsterlingen, wie es auf Anfrage heisst. Betroffen seien in der Thurgauer Klinik fast alle Präparate, wenn auch nicht immer gleich. Derzeit fehle es vor allem an Beruhigungsmitteln und Benzodiazepine, die etwa gegen Angststörungen eingesetzt werden können. In St.Gallen mangelt es hauptsächlich an Lorazepam, ein Beruhigungsmittel, oft bekannt unter dem Namen Temesta. Dieses sei über Monate hinweg kaum erhältlich. Bei anderen Präparaten wie Antidepressiva oder Medikamente gegen ADHS käme es zu kürzeren und punktuellen Lieferunterbrüchen.

Im gesamten Gesundheitswesen fehlt es derzeit an Medikamenten. Nach der Coronapandemie sind in vielen Herstellungsländer die Produktionskosten explodiert und die Exporte daher stagniert. Der Krieg in der Ukraine – wo viele Verpackungsmaterialien hergestellt werden – hat die Situation zusätzlich verschärft.

Noch keine Behandlungsunterbrüche

Auch für die Psychiatrien hat dies weitreichende Folgen. Zum Glück sei es aufgrund der Knappheit bisher aber noch zu keinen kritischen Zwischenfällen gekommen, sagt Brucher von der St.Galler Psychiatrie.

Dies, weil bisher eben hauptsächlich die herkömmlichen Beruhigungsmittel fehlen. «Für Patientinnen und Patienten bedeutet dies, dass sie Präparate von verschiedenen Produzenten einnehmen müssen, aber das spielt keine Rolle. Bisher ist es Gott sei Dank nicht passiert, dass es zu Behandlungsunterbrüchen kommt.»

Auch in Münsterlingen sei es dank der Bemühungen bisher noch zu keinen schwerwiegenden Zwischenfällen gekommen. «Die Spitalapotheke kümmert sich in der aktuellen Phase tagtäglich darum, dass die Engpässe so selten wie möglich beim Patienten ankommen, diesen also betreffen», schreibt die Spital Thurgau AG, die die Psychiatrie in Münsterlingen betreibt, auf Anfrage.

Bei ganz spezialisierten Medikationsstrategien könnte die Behandlung kurzeitig nicht angeboten werden – dabei handle es sich aber lediglich etwa um Hilfe bei einem Nikotinentzug.

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«Schwierig, wenn Antipsychotika fehlen»

Die Psychiatrien machen sich aber Sorge, dass sich die Lage verschärfen könnte, wenn sich die Knappheit bei anderen Präparaten zuspitzt. «Oft sind therapeutische, nicht wirkstoffgleiche, Alternativen einziges Mittel der Wahl. Dies führt im besten Fall zu Mehraufwand auf allen Ebenen, im schlimmsten Fall birgt diese Umstellung Risiken für die Arzneimittelsicherheit beim Patienten», heisst es im Thurgau.

Die gleiche Sorge beschäftigt  Angela Brucher von der Psychiatrie St.Gallen: «Es könnte zu schwierigen Situationen kommen, wenn Medikamente, die man nicht so einfach ersetzen kann, wie zum Beispiel Antipsychotika bei Schizophrenie oder Lithium bei bipolarer Störung, nicht lieferbar wären.»

Bis dahin gelte es, laufend nach weiteren Produzenten Ausschau zu halten, um die Knappheit aufzufangen oder zumindest abzufedern.

veröffentlicht: 15. Dezember 2023 05:22
aktualisiert: 15. Dezember 2023 05:22
Quelle: FM1Today

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