Angespannte Weltlage

So herrlich war es auf der Welt noch am 1. November 2019

Bettina Zanni, 10. November 2022, 19:12 Uhr
Seit der Pandemie scheint die Welt nicht mehr aus den negativen Schlagzeilen herauszukommen. Da stellt sich die Frage, wie die Zeitungen aussahen, als unser Leben noch halbwegs «in Ordnung war». Ein Vergleich.
Anzeige

Die Welt ist aus den Fugen geraten – seit dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs ist dies für viele Menschen mehr als ein geflügeltes Wort. Denn: Kaum hat die Bevölkerung die Pandemie einigermassen in den Griff bekommen, halten wieder Angst und Schrecken Einzug. Angriffe Russlands, unzählige Opfer, Flüchtlinge und die Befürchtungen einer Energiekrise dominieren seit Februar die Schlagzeilen.

Putins Drohungen eines Atomangriffs haben bewusst gemacht, dass apokalyptische Szenarien durchaus Realität werden können. Gleichzeitig flackert das Coronavirus immer wieder als unberechenbare Gefahr auf. Und als wäre das alles nicht schon genug, werden die Warnungen vor einer globalen Klimakrise zunehmend lauter.

In der dunkleren Jahreszeit betrübt die Weltlage umso mehr. Oft fällt der Satz, «noch nie so schlimme Zeiten wie jetzt» erlebt zu haben. Einige Menschen würden deshalb am liebsten keine Zeitung mehr aufschlagen. Da stellt sich die Frage: Wie sahen die Zeitungen eigentlich aus, als die Welt noch halbwegs «in Ordnung» war? Dazu haben wir einen Blick in die Schlagzeilen grosser Schweizer Printzeitungen vom 1. November 2019 geworfen:

Pandemie

(Archivbild)
© KEYSTONE/ENNIO LEANZA

Von Corona war am 1. November 2019 in den Zeitungen noch keine Spur. Mit einer Übersterblichkeit in der Bevölkerung mussten wir uns noch nicht befassen – im Gegenteil. Die «Aargauer Zeitung» fragte auf der Titelseite: «Was wird aus der Schweiz, wenn wir über 100 Jahre alt werden?» Sorgen machten damals zudem nicht die Folgen einer Coronainfektion, sondern jene einer Masernerkrankung. «Masern zerstören das Immunsystem», titelte dieselbe Zeitung.

Dass eines Tages reihenweise Tram- und Buschauffeure wegen eines Virus ausfallen werden, hätten wir in den kühnsten Träumen nicht erwartet. Am ersten Tag im November 2019 hatten Pendlerinnen und Pendler andere Sorgen. Der «Tages-Anzeiger» berichtete, dass die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) ihren Fahrplan massiv ausdünnen und die Tramlinie 17 per 25. November einstellen würden.

Die Corona-Impfung ist seit dem Ausbruch der Pandemie ein ständiges Thema. Zeitweise spaltete sie sogar die Gesellschaft. Vergleichsweise lächerlich erscheint eine Kontroverse im Zusammenhang mit dem Impfen, die es am 1. November in die Schlagzeilen schaffte: Ein Journalist in New York stellte im «Tages-Anzeiger» ein Facebook-Tool infrage, das Nutzer in den USA zum Beispiel an die Grippeimpfung erinnert.

In der Pandemie haben viele Arbeitskräfte der Gastrobranche oder dem Pflegewesen den Rücken gekehrt. Die Branchen suchen deshalb händeringend nach Personal und sind wohl froh, wenn sie ihre Lehrstellen überhaupt besetzen können. Geradezu harmlos erscheint heute, dass am 1. November 2019 Lernende auf der Titelseite der Pendlerzeitung «20 Minuten» klagten, sich in der Lehre als «Bimbo für alle» zu fühlen.

Die Pandemie und der Ukraine-Krieg machten der Bevölkerung bewusst, dass ein gefüllter Kühlschrank nicht selbstverständlich ist. Als der Bundesrat den Shutdown verhängte, kam es in den Grossverteilern zu Hamsterkäufen. Nach Ausbruch des Ukraine-Kriegs legten viele Menschen einen Notvorrat an. Am 1. November 2019 boten Lebensmittelläden dagegen noch Material für Scherze. «20 Minuten» berichtete damals über zwei Basler, die für ihren Tiktok-Kanal mit einem Turm aus Coop-Kartonschachteln durch die Stadt zogen, den sie vermeintlich auf Passanten fallen liessen.

Krieg

Keystone/AP/Felipe Dana
© Keystone/AP/Felipe Dana

Unvorstellbar war vor drei Jahren, dass die Schweizer Politik dereinst wegen eines Kriegs in Europa über ein Aufrüsten der Schweizer Armee diskutiert. Im Zentrum stand stattdessen das Schuhwerk der Armee. Am 1. November erfuhren die Leserinnen und Leser im «Tages-Anzeiger», dass der Kampfstiefel 90 ausgemustert wird und die Soldaten eine Art Trekkingschuh erhalten.

Kremlchef Wladimir Putin war noch kein Kriegsführer. Der Präsident, der die Welt in Atem hielt, war der damals noch amtierende US-Präsident Donald Trump. So vermeldete die «NZZ», das Impeachment gegen Trump rücke näher. Heute kaum mehr vorstellbar ist, dass sich ein Bundesrat mit Putin trifft. Genau das hatte Finanzminister Ueli Maurer vor drei Jahren noch vor. «Ueli Maurer plant Besuch bei Putin», schrieb die «NZZ» am 1. November 2019.

Energie

getty
© Getty

Der Krieg in der Ukraine hat in der Schweiz zu einer angespannten Lage rund um die Energieversorgungssicherheit geführt. In einer Kampagne ruft der Bundesrat seit Monaten zum Stromsparen auf. Die Waschmaschine starteten wir vor drei Jahren noch bedenkenlos. Sorgen bereitete uns damals nicht der Stromverbrauch, sondern welches Waschmaschinen- oder Trocknermodell wir kaufen sollen. Der «Blick» schuf in der Ausgabe vom 1. November Abhilfe: «So kommen Sie beim Waschmaschinen-Kauf nicht ins Schleudern», lautete der Titel eines Artikels.

Klima

KEYSTONE/Peter Schneider
© KEYSTONE/Peter Schneider

Heute kleben sich Aktivistinnen und Aktivisten auf die Strasse, um die Politik zum Handeln gegen die drohende Klimakrise aufzufordern. Erneuerbare Energien haben Aufwind bekommen. Klimaforscher Thomas Stocker forderte am 1. November 2022 im «Tages-Anzeiger», dass wir zugeben sollten, eine Erwärmung um 1,5 Grad nicht mehr verhindern zu können und dass ein solches Versagen nicht mehr passieren dürfe.

Sowohl am 1. November 2022 als auch am 1. November 2019 waren Vorrichtungen auf Dächern ein Thema. Doch während in der Ausgabe 2022 des «Tages-Anzeigers» der Mangel an Photovoltaikanlagen Sorgen bereitete, war es 2019 die Einhaltung der Strahlengrenzwerte der Handyantennen. Gleichzeitig platzte es in der «Aargauer Zeitung» aus Helvetic-Airways-Inhaber Martin Ebner heraus: «Für mich ist die aktuelle Klimadebatte in Europa eine Hysterie.»

Positives auf der Welt

Die aktuelle Weltlage ist aber kein Grund, den Kopf hängenzulassen. In einem zweiten Teil erfährst du, warum die Welt eben doch nicht so schrecklich ist, wie sie gerade zu sein scheint.

Quelle: Today-Zentralredaktion
veröffentlicht: 11. November 2022 21:05
aktualisiert: 11. November 2022 21:05