Real, Sek, Gymer?

Oberster Schulleiter: «Die Selektion ist nicht notwendig»

21.11.2023, 13:48 Uhr
· Online seit 21.11.2023, 10:14 Uhr
Der Entscheid für einen Übertritt in die Sek, die Real oder das Gymnasium fällt, wenn Jugendliche in der Pubertät sind. Ein Problem, sagt Thomas Minder, Präsident vom Verband «Schulleiterinnen und Schulleiter Schweiz». Der Druck sei genau dann am grössten, wenn die Kinder nicht wissen, wo hinten und wo vorne ist.
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Thomas Minder, weshalb ist es problematisch, Jugendliche im Alter von ungefähr 12 Jahren (6. Klasse) in die Sek, die Real oder fürs Gymnasium einzuteilen?

Der Entscheid fällt genau in einer Phase, in der das Hirn stark umgebaut wird. Es ist keine gute Idee, die Selektion vorzunehmen, wenn die Kinder schon wahnsinnig mit sich selbst beschäftigt sind.

Wir sind der Meinung – und das zeigen auch Forschungsresultate – dass die Selektion auch gar nicht notwendig ist. Selektioniert wird in jedem Fall – am Ende der obligatorischen Volksschulzeit – wenn es darum geht, wer welchen Beruf erlangt.

Wir machen uns stark dafür, dass die Kinder in der Schule an ihren Stärken arbeiten und ihre Talente entwickeln können. Denn wir brauchen wirklich talentierte, starke Jugendliche, die wissen, in welchen Bereichen sie gut sind.

Hätte dies nicht ein massives Umkrempeln des Schulsystems zur Folge, wenn nicht mehr selektioniert würde?

Was nach einem massiven Umkrempeln des Schulsystems aussieht, ist in vielen Kantonen gar keine grosse Sache. Es gibt viele Kantone, die das Langzeitgymnasium bereits abgeschafft haben. Dort gehen alle Schülerinnen und Schüler in eine Oberstufe – oft sind dort alle Niveaus am gleichen Schulort vertreten.

Wir müssten zum Punkt kommen, dass Schülerinnen und Schüler ihr Niveau selber auswählen können. Es gibt bereits Schulen, die zeigen, dass das geht und auch eine Studie von John Hattie kommt zu diesem Schluss. Auch nordische Länder zeigen, dass auf eine Selektion in der Volksschulzeit verzichtet werden kann.

Sie sagen, dass die Selektion Kinder heute daran hindert, ihr Potenzial zu entfalten. Wie zeigt sich das?

Die verschiedenen Niveaus – beispielsweise Sek A, Sek B, Sek C – in welche die Schülerinnen und Schüler eingeteilt werden, überlagern sich. Der beste Schüler der Sek C, dem tiefsten Niveau, könnte aufgrund seiner Fähigkeiten auch in der Sek A mittun. Wegen der Selektion werden die Schüler aber getrennt.

Dies hat zur Folge, dass den Kindern aus dem Sek-C-Niveau Vorbilder fehlen, weil diese in die Sek A eingeteilt wurden. Das führt dazu, dass sie sich in ihrer vermeintlichen Unfähigkeit suhlen und sie in ihrer Weiterentwicklung hindert.

Die verschiedenen Niveaus sollen aufgelöst werden – so lautet Ihr langfristiges Ziel. Was gibt es für konkrete Lösungsansätze?

Spricht man mit den Menschen darüber, denken viele es braucht die Selektion – weil es sie schon immer gegeben hat. Sie entstand vor vielen Jahren. Die Primarschule war ursprünglich für Handwerker und Bauern gedacht, die Sekundarschule fürs Bürgertum und für die Elite war das Gymnasium vorgesehen.

Behalten wir die Niveaus bei, schaffen aber eine Durchlässigkeit, bei der die Schülerinnen und Schüler selbst einschätzen können, in welchem Niveau sie arbeiten sollten, dann sind wir einen grossen Schritt weiter. Wir haben die Niveaus zwar weiterhin, weil es offensichtlich schwierig ist, diese loszuwerden.

Wenn wir die Schüler aber dazu bringen und sie trainieren können, dass sie sich selbst gut einschätzen können, dann sind wir einen Schritt weiter. Man weiss aus der Forschung, dass – wenn Schüler ihr eigenes Lernniveau einschätzen können – sie auch bessere Lernresultate erzielen. Es muss unser grosses Anliegen sein, dass wir dort stärker werden.

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veröffentlicht: 21. November 2023 10:14
aktualisiert: 21. November 2023 13:48
Quelle: BärnToday

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