Gotthard-Basistunnel

«Ich habe fast den Geburtstag meines Kindes vergessen»

· Online seit 20.08.2023, 16:49 Uhr
Eine Arbeit, die so einnehmend ist, dass man die ganze Welt drumherum vergisst. Bei über 40 Grad im längsten Zugtunnel der Welt entgleiste Waggons von den Gleisen hieven und den Güterumschlag so schnell wie möglich wieder herstellen – das ist die Arbeit von Mauro Frigerio und seinem Team.
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Am 10. August ist im Gotthard-Basistunnel ein Güterzug entgleist. Die SBB teilten Anfang der Woche mit, dass die Analyse der Unfallstelle nach wie vor im Gang ist. Dadurch verzögert sich die Inbetriebnahme der Tunnelröhre.

Das stark beschädigte Spurwechseltor habe erfolgreich durch ein mobiles Tor ersetzt werden können, teilten die SBB am Freitag mit. In den kommenden Tagen fänden noch nötige Anpassungen im Stellwerk statt. Zudem sind laut SBB Probefahrten nötig.

Schweiss und gute Planung

In dem Tunnel herrschen bis zu 40 Grad und Dunkelheit, was die Arbeiten erschwert. Einer, der tagtäglich in dem Tunnel arbeitet, ist Mauro Frigerio (39). Als Erhaltungsingenieur ist er einer der ersten vor Ort und einer der letzten, der geht. Tom Gut (52) ist Leiter Lifecycle Management und Erhaltung Gotthardachse SBB AG, in zwei Krisenstäben und koordiniert die komplexen Abläufe.

In einem Gespräch mit der Today-Redaktion erklären die beiden, was an der Arbeit die grössten Herausforderungen sind und wie ein Tag in einer solchen Ausnahmesituation aussieht.

Herr Frigerio, wie beginnt Ihr Arbeitsalltag?

Mauro Frigerio: Sehr früh vor allem. Es müssen Rapporte angeschaut werden und dann fahren die ersten Züge rein. Man muss immer überprüfen, dass alles sauber läuft und auch schon die nächsten Schritte planen. Wir bemühen uns auch um Ressourcen, wo was herkommt. Wir bekommen aber Unterstützung der SBB aus allen Regionen.

Wie fühlt sich die Arbeit in dem Tunnel an?

Mauro Frigerio: Es ist natürlich sehr warm und die Arbeitsstelle musste extra beleuchtet werden, weil es sehr dunkel ist. Die Temperatur ist hoch, wird aber, wie auch die Luftqualität, dauernd überwacht. Die Leute sind alle mit Messgeräten unterwegs, dass alles sicher und kontrolliert abläuft.

Gibt es Rückzugsmöglichkeiten für Pausen?

Mauro Frigerio: Ja, es wurden klimatisierte Container aufgestellt, sodass man Hitzepausen machen kann. Auch die Mittagspausen werden in den klimatisierten Containern abgehalten. Das ist sehr wichtig.

Tom Gut: Nach einem solchen Ereignis sind sehr schnell sehr viele Leute auf dem Platz, um die Lage zu beurteilen. Da ist es extrem wichtig, dass wir schnell Struktur reinbringen, da solche Situationen ein grosses Risiko für Unfälle beinhalten, mussten schnell entsprechende Massnahmen ergreifen. Die Sicherheit unserer Mitarbeitenden hat oberste Priorität.

Wie viele Menschen arbeiten an der Unfallstelle und was wurde als erstes gemacht?

Mauro Frigerio: Das hängt sehr stark von den Schichten ab. Die grösste Priorität hat es, alle Teile rauszuholen und die Oströhre in Betrieb zu nehmen, damit die Güterwagen wieder fahren können, ohne die Arbeiten zu behindern. Aus dem Grund mussten wir diese mobile Türe montieren, um die Röhren sauber zu trennen.

Tom Gut: Bereits kurz nach dem Unglück haben wir, insbesondere Mauro, begonnen nach Lösungen zu suchen, wie der Ablauf weiter gehen kann. Da entstand die Idee mit dem mobilen Tor. Wir sind immer mit der BFU (Beratungsstelle für Unfallverhütung) in Kontakt und müssen dort auch Beweise erbringen, dass hier alles sicher ist.

Was ist das für ein Gefühl, wenn die ganze Schweiz auf die eigene Arbeit schaut?

Mauro Frigerio: Das habe ich mir so gar nicht wirklich überlegt (lacht). Ich war so auf die Arbeit fokussiert, dass ich keine Zeit hatte, um darüber nachzudenken, wie es für die Leute draussen ist oder wie es von aussen wahrgenommen wird. Wir sind Tag und Nacht im Tunnel, um schnell und sicher den Betrieb wieder aufnehmen zu können. Da habe ich ehrlich gesagt fast den Geburtstag meines Kindes vergessen. Aber nur fast. Natürlich habe ich es nicht vergessen und war dabei.

Wie viele Waggons sind noch in dem Tunnel?

Tom Gut: Es befinden sich noch 14 Waggons im Tunnel.

Und wie sieht es mit den Waggons mit Gefahrengut aus? Besteht da noch eine Gefahr?

Tom Gut: Um das abzuschätzen haben wir die Betriebsfeuerwehr der SBB und das war auch eine der ersten Fragen, die geklärt werden mussten. Anfangs dachte man, es sei ein Zug steckengeblieben. Als man das Ausmass des Unfalls bemerkte, kam dann ein spezieller Prozess zum Zuge, um festzustellen, ob überhaupt ein Gefahrenaustritt besteht. Das war aber nicht der Fall. Diese Waggons konnten alle ohne Probleme rausevakuiert werden. Die befinden sich nicht mehr im Tunnel.

Was befand sich denn in den anderen Waggons?

Tom Gut: Alles mögliche, was von Italien aus in die Welt geschickt wird. Zum Beispiel, getrocknete Tomaten, Wein, Bier und natürlich auch Spaghetti.

Wie lange werden die Arbeiten noch dauern?

Tom Gut: Das kann noch nicht beantwortet werden. Da braucht es noch eine detaillierte Schadenaufnahme und es muss abgewartet werden, was die Lieferanten liefern können und in welcher Zeit. Es ist noch zu früh für eine Schätzung.

Worauf freuen Sie sich am Feierabend am meisten?

Mauro Frigerio: So richtig Feierabend zu machen ist aktuell zwar etwas schwer, aber sicher meine Familie. Wenn ich Zeit mit den Kindern verbringe, dann kann ich abschalten. Das ist aber natürlich nicht ganz einfach, weil wir aktuell sehr viele Stunden arbeiten und dann ist es nicht immer einfach, die Kinder zu sehen. Aber ganz klar, das Zusammensein mit ihnen ist das Schönste am Tag.

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veröffentlicht: 20. August 2023 16:49
aktualisiert: 20. August 2023 16:49
Quelle: Today-Zentralredaktion

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