Beleidigung im Dorf

Stinkefinger-Chläuse empören in Herrliberg

08.12.2023, 12:17 Uhr
· Online seit 08.12.2023, 06:59 Uhr
Bärtige Gestalten mit einer Chlausmütze im Schaufenster einer Galerie in Herrliberg zeigen den Mittelfinger. Anwohnende sowie Passantinnen und Passanten haben Mühe damit. Die Galeristin nimmt Stellung.
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Vor der Haustür treffen die Anwohnenden der Forchstrasse auf eine Beleidigung – oder gleich mehrere. Und das mitten in der Adventszeit. Im Schaufenster der kürzlich eröffneten Kunstgalerie «Fine Art Moos» in Herrliberg stehen fünf Figuren, die an Chläuse erinnern. Drei von ihnen zeigen den Stinkefinger.

«Meine Freundin und ich fragten uns, was das solle. Es ist schon ein bisschen hohl», sagt ein Anwohner. Den Samichlaus verbänden die Menschen mit dem Schlitten und dem Eseli und allenfalls mit einer Rute, aber nicht etwa mit einer solch beleidigenden Geste.

Ähnlicher Meinung ist eine Anwohnerin mit ihren beiden zehnjährigen Töchtern. «Diese Chläuse sind schlicht unpassend», sagt die Mutter. Ihre beiden Töchter beschäftigten die Chläuse, seit sie diese erstmals gesehen hätten. Die beiden Mädchen sind sich einig: Den Mittelfinger zu zeigen, das gehöre sich nicht. «Ich würde nie in diesen Laden gehen!», platzt es aus einem der beiden Mädchen heraus.

Chläuse wurden umgedreht

Wenn es dunkel ist, stechen die unanständigen Figuren im hell erleuchteten Schaufenster direkt an der Hauptstrasse im Goldküsten-Dorf besonders ins Auge. So kassieren auch manche Autofahrende und Buspassagiere beim Blick aus dem Fenster einen Stinkefinger.

Vor Kurzem gaben die Chläuse gar zu Dritt direkt zu verstehen, was sie von den Menschen da draussen hielten. Denn nicht nur der goldene Chlaus zeigte den Mittelfinger in Richtung Strasse, sondern auch der silberne und der pinke. Inzwischen wurden letztere aber umgedreht.

«Vielleicht ist er wütend»

Passantinnen und Passanten reagieren mehrheitlich empört auf die fiesen Gestalten im Schaufenster. «Ich finde es geschmackslos», sagt ein junger Mann. Eine Mutter, die mit einem Kinderwagen vorbeigeht, schüttelt den Kopf. «Der Samichlaus hat etwas Märchenhaftes. Für Kinder finde ich diese Figuren sicher nicht gut», sagt sie.

Ein Primarschüler zeigt hingegen Verständnis für die Gesten. «Vielleicht ist er wütend auf die Leute, weil er immer Geschenke bringen muss», rätselt er. Sein Begleiter widerspricht: «Nein, der Samichlaus ist ein lieber Mann und zeigt niemandem den Mittelfinger.»

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Etwas länger bleibt eine Passantin stehen. «Ist die Kunst jetzt ganz am Verblöden?», fragt sie. Sie entdeckt in der Gruppe einen Chlaus, der mit den Händen die Augen verdeckt. Vielleicht verdecke dieser die Augen vor unserer Welt, rätselt sie. Dann lässt sie sich verzweifelt über die aktuelle Weltlage aus. «Es läuft alles aus dem Ruder», sagt sie, wünscht alles Gute und marschiert die steile Forchstrasse hoch.

Samichlaus solle nicht verhöhnt werden

Bei den Figuren handelt es sich allerdings nicht um Samichläuse, sondern um Gartenzwerge. «Die Mützen habe ich den Zwergen nur aufgesetzt, damit sie nicht frieren», sagt Galerie-Inhaberin Vanessa Moos mit einem Augenzwinkern zu ZüriToday.

Auf keinen Fall gehe es darum, den Samichlaus zu verhöhnen oder Ähnliches, betont Moos. Auch für sie sei der Samichlaus ein Mann, der Gutes tue, so die Mutter zweier kleiner Kinder. «Der Gartenzwerg hingegen ist ein Wesen, das geliebt und gehasst wird.»

Die Zwerge stammen vom deutschen Aktionskünstler Ottmar Hörl. 1994 entwickelte er den sogenannten Sponti-Zwerg, mit dem Ziel zu provozieren und zum spielerischen Ungehorsam aufzurufen. Die Spontis waren in den 1970er-Jahren in Deutschland Anhängerinnen und Anhänger einer linksgerichteten, undogmatischen Alternativbewegung.

«Ist denn alles lieb an Weihnachten?»

In ihrer Galerie stellt die promovierte Kunsthistorikerin zeitgenössische Kunst in Form von Skulpturen, Zeichnungen und Leinwandarbeiten aus. «Wichtig ist, dass die Objekte eine tiefere Bedeutung haben und idealerweise zum Nachdenken anregen», sagt Moos. Kunst solle Fragen aufwerfen und müsse keine Antworten liefern.

Die Sponti-Zwerge zeigen ihren Unmut laut Moos über alles Mögliche. «Vielleicht zeigen die Zwerge der Konsumschlacht, die den Planeten kaputt macht, den Stinkefinger? Vielleicht ist es aber auch die überforderte Hausfrau, die in dieser Zeit unglaublich viel zu tun hat?», sagt die Galeristin. «Und überhaupt kann man sich auch fragen: Ist denn alles lieb an Weihnachten?»

Von Kindern umgedreht

Dass seit einigen Tagen nur noch einer der drei Zwerge den Mittelfinger aus dem Schaufenster zeigt, liegt nicht an einem Rückzieher der Galeristin, um in Herrliberg etwas mehr Anstand zu wahren. Die Idee sei, dass sich die Zwerge bewegten, sagt sie. «Viele Kinder spielen damit und drehen sie auch auf alle Seiten», sagt Moos, die bei jeder neuen Ausstellung auch Kindervernissagen veranstaltet. Aktuell können Besuchende in ihre erste Ausstellung zum Thema «Cosmos» eintauchen. Darin stellen Künstlerinnen das Universum dar.

Einer Anwohnerin können die Zwerge nichts anhaben. «Ich habe sofort gesehen, dass das Zwerge sind und deren Geste mit Humor genommen», sagt die Frau. «Sowieso ignoriere ich alles, was unanständig und beleidigend ist.»

veröffentlicht: 8. Dezember 2023 06:59
aktualisiert: 8. Dezember 2023 12:17
Quelle: ZüriToday

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