«Ich arbeite mehr, als bezahlt wird»

Zürcher Lehrpersonen wollen langfristige Lösungen für Lehrermangel

15.03.2023, 14:37 Uhr
· Online seit 15.03.2023, 14:34 Uhr
Lehrpersonen ohne Diplom dürfen auch im nächsten Schuljahr im Kanton Zürich unterrichten. Das sind kurzfristige Massnahmen – der Zürcher Lehrerverband fordert mehr. Zwei Lehrpersonen aus Zürich sind da gleicher Meinung. Sie arbeiten zu viel, sind teils überlastet und wollen Lösungen.

Quelle: TeleZüri

Anzeige

Den Zürcher Schulen fehlen weiterhin die Lehrkräfte. Um dem Lehrpersonenmangel entgegenzuwirken, hat die kantonale Bildungsdirektion am Dienstag entschieden, Lehrpersonen ohne Diplom weiterhin unterrichten zu lassen. Der Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverband (ZLV) hat die Regierung für diesen Entscheid scharf kritisiert. Auch Sekundarlehrerin J.B.* ist nicht überzeugt von der Verlängerung der Massnahme.

«Keine Lehrkräfte im Schulzimmer sind auch keine Lösung»

Momentan arbeiten rund 18’000 ausgebildete Lehrpersonen und zirka 500 Personen ohne Lehrdiplom in den Schulen im Kanton Zürich. Eine Tatsache, die J.B. kritisch beurteilt. «Ich würde mir den Job als Lehrerin ohne Studium nicht zutrauen», sagt die 28-Jährige aus dem Zürcher Unterland. «Ich denke, dass bildungsnahe Personen besser geeignet sind als völlig jobfremde.»

Positiver sieht es A.T*. Der 30-Jährige unterrichtet an einer städtischen Berufsschule. «Wenn Leute motiviert sind, den Job gerne machen und das auch gut machen, dann finde ich die Lösung in Ordnung». Solange der Lehrermangel nicht behoben werde, müssten Leute in die Bresche springen, die kein Diplom haben, sagt der Zürcher. «Keine Lehrkräfte ins Schulzimmer stellen, ist auch keine Lösung. Langfristig haut diese Massnahme aber nicht hin.»

Das sieht auch Bildungsdirektorin Silvia Steiner so. Am Dienstag sagte sie, dass für die Stellenbesetzung im Moment kurzfristige Massnahmen notwendig sind. «Wenn es um die Frage geht, ob die Anstellungsbedingungen und die Überzeiten im Fokus stehen, dann braucht das gesetzliche Anpassungen. Gesetzliche Anpassungen sind nie kurzfristige Massnahmen», so Steiner.

Viele Aufgaben neben dem Unterricht

Über Anstellungsbedingungen und Überzeiten haben J.B. und A.T. viel zu berichten. «Unsere Arbeit ist sehr aufwändig und viele Lehrpersonen arbeiten über dem Limit», so A.T. und beginnt aufzuzählen: Korrekturen, Gespräche mit Eltern, Schulleitung oder Kollegium, Weiterbildungen, Ämtli und Konvente. «Und dann noch die ganze Mail-Flut, die ist der Horror», sagt der Berufsschullehrer. Es sei sehr anstrengend, aber überlastet fühle er selbst sich zum Glück nicht.

Sekundarlehrerin J.B. hingegen schon. Als Klassenlehrerin wird die 28-Jährige laufend informiert, so auch wenn es zu Streitigkeiten unter den Jugendlichen kommt. Dazu benötigt sie viel Zeit für Weiterbildungen, Anlässe, Allgemeines im Schulhaus oder die Kommunikation und Absprache unter den Lehrpersonen. «Unter der Woche und vor allem am Wochenende arbeite ich über mein Pensum hinaus. Es ist definitiv mehr als bezahlt wird.» Sei eine Lehrperson krank, wackle das ganze System, weil sowieso nicht genügend Lehrpersonen eingestellt seien. Das sei sehr streng im Moment.

«Der Druck ist zu gross»

Christian Hugi, ZLV-Präsident, spricht diese Überlastung an. «Die durchschnittliche Lehrperson leistet acht Wochen unbezahlte Überzeit im Jahr.» Man müsse beim Berufsauftrag der Lehrpersonen ansetzen und die Lehrkräfte entlasten. «Es passiert aber nichts. Man betreibt Symptombekämpfung.»

Etwas tun, etwas langfristig verändern – aber was? Für A.T. ist klar: Die Zürcher Regierung muss handeln. J.B. sagt, die Anforderungen an Lehrpersonen müssten schrumpfen. Der Druck von allen Seiten, seien es die Eltern, die Politik, die Gesellschaft, sei zu gross. «Vielleicht könnten weniger Lektionen als 100 Prozent berechnet werden. Das löst zwar den Lehrermangel auch nicht». Kurzfristig sicherlich nicht. Wäre das aber nicht genau eine Option, um die Attraktivität des Lehrerberufs zu steigern und die Überlastung zu senken? Möglich wäre es.

Welche Massnahmen die Bildungsdirektion langfristig einführen will, wird sich zeigen. Für den ZLV müssten diese Änderungen bald kommen. Auch A.T. und J.B. hoffen, dass sich die Situation für Lehrpersonen bald verbessert.

*Namen der Redaktion bekannt.

veröffentlicht: 15. März 2023 14:34
aktualisiert: 15. März 2023 14:37
Quelle: ZüriToday

Anzeige
Anzeige
zueritoday@chmedia.ch