«Es artet aus»

Dry January stösst Zürcher Weinhändlern sauer auf

· Online seit 02.02.2024, 13:54 Uhr
Alkoholfasten ist im Januar zunehmend Trend. Vertretende von Weingeschäften stört, dass der Hype um Gesundheit den Konsum von Wein verteufle. Wer moderat trinke, müsse im Januar nicht trocken sein, so Weinexperte Philipp Schwander.
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Statt einem Glas Wein gibts zum Essen Blöterliwasser – im Januar verzichten viele Geniesserinnen und Geniesser auf Alkohol. Grund dafür ist nicht nur die Katerstimmung nach den vielen Festen im Dezember. Seit einiger Zeit liegt der Dry January immer mehr im Trend. In der weltweiten Bewegung verzichten Millionen von Menschen im Januar auf Alkohol. Auch das Bundesamt für Gesundheit (BAG) unterstützt die Kampagne.

Sieben von zehn Personen, die beim Dry January mitmachen, sollen sich gesünder und fitter fühlen. Angeblich hilft der trockene Januar auch dabei, Gewicht zu verlieren, und sorgt für eine schönere Haut.

Beim Onlinehändler Digitec Galaxus ging die Nachfrage nach Alkohol im Januar verglichen mit dem umsatzstärksten Vormonat um mehr als die Hälfte zurück. Den grössten Einbruch gab es beim Rotwein, wie der Händler weiter mitteilt. So verkaufte Digitec Galaxus 80 Prozent weniger Merlots, Primitivos und weitere Rotweinsorten. Besonders beliebt waren dagegen Biotta-Säfte.

Drei Gläser Wein pro Tag seien unbedenklich

Der Abstinenz-Hype im Januar stösst einigen Zürcher Weinhändlern und Winzern sauer auf. «Das Verteufeln von Alkohol artet im Januar langsam aus», sagt Philipp Schwander, Inhaber der Selection Schwander und bekanntester Weinexperte der Schweiz. Der Dry January sei keine schlechte Idee, auch wolle er niemanden zum Weintrinken ermuntern. «Aber jemand, der moderat Wein konsumiert, muss im Januar nicht trocken bleiben.»

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Unter einem moderaten Konsum verstehe er ungefähr ein Glas Wein zum Mittagessen und zwei kleine Gläser zum Abendessen, sagt Schwander. Er selbst konsumiere wegen seines Jobs eine «sportliche Menge Wein», die über diese Empfehlung «deutlich» hinausgehe. «Nur darum mache ich jeweils von Januar bis Mitte März eine Alkoholpause.»

Alkohol sei nicht prinzipiell gesundheitsschädlich

Besonders stören Schwander einige «nicht hinterfragte» Studien über schädliche Auswirkungen des Alkoholkonsums. In einem Schreiben an seine Kundinnen und Kunden machte er seinem Ärger Luft. «Alkoholforschung beim Menschen ist eine hochkomplexe Angelegenheit und kann nicht mit lapidaren Aussagen wie ‹jedes Glas ist eins zu viel› abgehandelt werden», schreibt Schwander darin. Insbesondere verneint er vehement, dass Alkohol prinzipiell gesundheitsschädlich sei, es hänge von der Dosis ab. Dies würden sehr viele und seriöse wissenschaftliche Studien bestätigen.

Der Weinexperte kündigt an, mit Medizinprofessor Joseph Osterwalder in einigen Monaten eine eingehende Analyse und Erläuterung des aktuellen Stands der Forschung zu präsentieren.

«Es werden viele Unwahrheiten verbreitet»

Das Wein-Bashing im trockenen Januar beschäftigt auch Winzer Diederik Michel vom Weingut Diederik in Küsnacht. Natürlich sei es wichtig, vor der gesundheitschädigenden Wirkung übermässigen Alkoholkonsums zu warnen, sagt er. «Leider werden über den Weinkonsum aus Unwissen oder vielleicht auch aus Absicht viele Unwahrheiten verbreitet. Wein zu trinken sei eine jahrtausendealte Tradition. «Wein geniesst man und schüttet ihn nicht wie Alcopops runter, um einen Rausch zu haben.» Deshalb erachte er die Anti-Alkohol-Propaganda rund um den Dry January teilweise als übertrieben.

Die Landolt Weine AG bringt der Dry January nicht aus der Ruhe. «In diesem Monat trinkt man nur trockenen Wein, oder?», witzelt Geschäftsleitungsmitglied Artur Luitle. Dieser Spruch falle im Januar in seiner Firma oft. «Dem Thema muss man auch mit etwas Humor begegnen.» Dennoch sei der Dry January aber eine gute Gelegenheit, den eigenen Konsum zu hinterfragen. Letztes Jahr hätten sie deshalb auch einige alkoholfreie Weine ins Sortiment aufgenommen.

veröffentlicht: 2. Februar 2024 13:54
aktualisiert: 2. Februar 2024 13:54
Quelle: ZüriToday

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