ÖV an Olympia

Trotz Schnellzug der Extraklasse – Ich will doch nur laufen

Daniel Schmuki, 20. Februar 2022, 09:35 Uhr
Der öffentliche Verkehr in China könnte gegensätzlicher nicht sein: Hier topmoderne Schnellzüge, die mit 350 km/h durchs Land blochen – da ungeheizte Busse, die völlig überfüllt sind. Wer an den Olympischen Spielen in Peking unterwegs ist, erlebt so einiges.

Quelle: PilatusToday / Daniel Schmuki

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Eins vorweg: «Ich gehe noch schnell» gibt es hier nicht. Zu gross sind die Distanzen in der Olympia-Bubble, zu schlecht abgestimmt das ÖV-Netz. Deshalb habe ich bereits nach wenigen Tagen gelernt: Fahre so wenig wie möglich mit dem Bus. Und kontrolliere immer zwei bis drei Mal, ob du wirklich alles eingepackt hast, bevor du das Hotel verlässt. Denn ein vergessener Laptop kostet dich gut und gerne eine Stunde.

Busfahren in Peking ist ein Abenteuer.

© PilatusToday

An den Bussen gibt es an und für sich nichts auszusetzen – auch wenn es in gewissen eisig kalt, in anderen wiederum gefühlte 30 Grad heiss ist. Damit kann ich leben. Doch irgendwie haben die Organisatoren das ganze ÖV-System nicht zu Ende gedacht. Denn anders kann ich mir die folgenden Punkte nicht erklären.

Vollgestopfte Busse trotz strenger Corona-Regeln

Wegen Corona darf im ÖV nur jeder zweite Sitzplatz besetzt werden – so weit, so gut. Kurz vor oder nach einem Wettkampf fahren jedoch keine Extrabusse, es kommt lediglich der reguläre Bus. Dementsprechend vollgestopft ist dieser jeweils. Und die Corona-Regeln mit Social Distancing und nur jeder zweite Platz besetzen werden schnell hinfällig.

Wegen Corona muss jeder zweite Sitzplatz freigelassen werden – eigentlich.

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Ein anderes Problem ist, dass die öffentlichen Verkehrsmittel überhaupt nicht aufeinander abgestimmt sind. Es kommt immer wieder vor, dass du gar keine Chance hast, den Anschluss zu erreichen. Denn dieser fährt oft bereits, bevor dein Bus oder Zug überhaupt angekommen ist.

Gestrandet in der Pampa

Daher bleibt einem nichts anderes übrig, als auf den nächsten Bus zu warten. Das wäre halb so schlimm, wenn diese regelmässig fahren würden. Doch sogar an wichtigen Knotenpunkten wie beispielsweise am Bahnhof in Peking verkehrt der Bus nur im Halbstundentakt.

Wer in Yanqing den Bus verpasst, muss lange auf den nächsten Bus warten.

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Noch schlimmer ist es in Yanqing, wo die alpinen Skifahrerinnen und Skifahrer stationiert sind. Verpasst du dort den Anschluss in Richtung Bahnhof, wartest du geschlagene zwei Stunden auf den nächsten Bus – mitten in der Pampa, ohne ein Wartehäuschen, Bänkli, Kiosk oder WC.

Statt zwei Minuten zu Fuss eine 30-minütige Busfahrt

Doch das Dämlichste ist die Buslinie 35. Sie verkehrt als Rundkurs zwischen Media Center, Eishockeystadion, Curlinghalle, Nationalstadion und Medal Plaza. Viele dieser Orte sind in Gehdistanz erreichbar. Das Eishockeystadion und die Curlinghalle liegen beispielsweise lediglich 200 Meter auseinander. Doch zu Fuss das Stadion wechseln? Nicht in Peking.

Zwischen dem Eishockeystadion (links) und der Curlinghalle (rot) liegen nur 200 Meter. Doch man darf nicht laufen.

© PilatusToday

Um vom Curling zum Eishockey zu gelangen, muss ich zwingend den Bus nehmen. Und weil die Curlinghalle auf der Buslinie nach dem Eishockeystadion kommt, bin ich gezwungen, die ganze Route nochmals abzufahren. So dauert der Stadionwechsel mindestens eine halbe Stunde – obschon ich zu Fuss nicht einmal zwei Minuten hätte.

Als wäre das nicht genug, kann ich nicht einfach im Bus sitzen bleiben. Trotz Rundkurs-Linie muss ich beim Media Center aussteigen und auf den nächsten Bus warten. Das soll mal noch einer verstehen!

Mit 350 km/h im führerlosen Schnellzug

Jetzt ist aber genug gelästert, denn nicht alles ist schlecht. Wir sind uns aus der Schweiz einfach anderes gewohnt bezüglich ÖV. Doch in einem Punkt können nicht einmal wir den Chinesen das Wasser reichen. Die Schnellzug-Verbindung, die die drei Austragungsorte Peking, Yanqing und Zhangjiakou miteinander verbindet, ist Extraklasse.

Obschon die Orte bis zu 180 Kilometer auseinanderliegen, dauert die Fahrt nicht einmal eine Stunde. Der Zug fährt mit Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 350 km/h durchs Land – und das komplett autonom. Im Führerstand sitzt kein Lokführer.

So lässt es sich Zugfahren

Die Fahrt mit dem Schnellzug ist kurzweilig und komfortabel. Dazu kommt die atemberaubende Aussicht. Auf der Rückreise von Yanqing nach Peking kam ich beispielsweise in den Genuss eines wunderschönen Sonnenuntergangs. So macht der ÖV auch in China Spass.

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 20. Februar 2022 09:45
aktualisiert: 20. Februar 2022 09:45