Marinko Jurendic

«Seit vielen Monaten mit Ceesay und Doumbia im Gespräch»

Tobias Matsch, 16. Mai 2022, 10:09 Uhr
Mit seinen knapp 30 personellen Wechsel im letzten Sommer legte FCZ-Sportchef Marinko Jurendic den Grundstein zum Meistertitel. Im grossen Interview spricht er über die erfolgreiche Saison, auslaufende Verträge und das Kader für Europa.

Quelle: ZüriToday / Tobias Matsch

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Marinko Jurendic, du bist ursprünglich Lehrer. Welche Note gibst du dir selbst für diese Saison?

(lacht) Übertrieben wäre jetzt eine glatte Sechs. Ich glaube, uns ist als Team eine ausserordentliche Saisonleistung gelungen. Wir waren diese Spielzeit gute Schüler.

Wie hast du die Spiele des FC Zürich diese Saison verfolgt?

Bei Auswärtsspielen sass ich manchmal auf der Spielerbank. So konnte ich das Feeling von der Seitenlinie aus hautnah miterleben. Bei den Heimspielen beobachtete ich das Geschehen eher von der Tribüne aus. Von dort konnte ich das Spiel aus einer gewissen Distanz betrachten. In der Pause ging ich jeweils in die Kabine und gab manchmal dem Trainer auch mein Feedback zum Spiel.

Hast du als Sportchef mit dem Meistertitel gerechnet?

Der Erfolg war aufgrund der knapp 30 personellen Wechsel letzten Sommer nicht zu erwarten. Ganz im Gegenteil. Die Überzeugung, dass etwas ganz Grosses möglich ist, wuchs im Verlauf der letzten Wochen. Auf der anderen Seite spürten wir schon seit Beginn, dass da eine Mannschaft zusammenarbeitet, die Fähigkeiten hat, etwas Grosses zu leisten. Aber es wäre übertrieben zu sagen, dass wir bereits Anfang Saison vom Meistertitel sprachen.

Neben André Breitenreiter bist du einer der wichtigsten Meistermacher des FCZ.

Ich kann es nachvollziehen, wenn das so wahrgenommen wird. Aber da sind sehr viele an dieser erfolgreichen Saison beteiligt. André Breitenreiter hat unbestritten grossartige Arbeit geleistet und ist ein sehr wichtiges Puzzlestück. Aber da gibt es noch ganz viele weitere Personen, die nicht so im Rampenlicht stehen und auch einen wesentlichen Anteil am Erfolg haben.

Zuerst der Sportchef eines Abstiegskandidaten, jetzt plötzlich des Schweizer Meisters. Schon eine komplett neue Ausgangslage.

Vor einem Jahr hatten wir die klare Erkenntnis, dass wir einen Umbruch brauchten. Für nächste Saison ist die Ausgangslage etwas anders. Wir wollen unseren Kader in der Breite und in der Spitze weiter optimieren. Uns erwarten gleich zu Beginn in den Monaten Juli und August sechs herausfordernde Wochen mit Doppelbelastung. Die Breite des Kaders ist da wichtig, sowohl für die Trainingsintensität als auch für einen gesunden Konkurrenzkampf. .

Viele bezeichnen die Transfers von Guerrero und Boranjiasevic als Schlüssel für die erfolgreiche Saison. Wie siehst du das?

Mit Adrian Guerrero und Nikola Boranjiasevic konnten wir das Team mit zwei eher offensiv ausgerichteten Aussenverteidigern verstärken. Aber auch die Stabilität in der Mittelachse und unser Doppelsturm liessen uns variabel spielen. Alles in allem zeichnet den aktuellen Kader ein Mix aus sehr guten Charakteren und verschiedenen Spielertypen mit unterschiedlichen Fähigkeiten aus.

Die Verträge von Leistungsträgern wie Kryeziu, Marchesano und Dzemaili konntest du verlängern. Wie sieht es aktuell bei Doumbia und Ceesay aus?

Wir sind seit vielen Monaten mit beiden Spielern im Gespräch und haben beiden Spielern Offerten gemacht. Noch gibt es keine finalen Entscheidungen. Wir sind aber auf verschiedene Szenarien vorbereitet.

Lugano scheint starkes Interesse an Doumbia zu haben. Durch die finanzstarken Investoren hat Lugano das nötige Kleingeld. Verzerrt das die Liga?

Ich kann nicht beurteilen, wie bei Lugano gewirtschaftet wird und wie viel da investiert wird. Die Entscheidung liegt einzig beim Spieler. Fühle ich mich wohl? Kann ich mich weiterentwickeln? Man muss aber auch Verständnis für Spieler haben, die bald 30 werden und in ihrer Karriere noch einmal einen grossen Vertrag unterschreiben können. Wir haben sportlich und finanziell gewisse Rahmenbedingungen. Unserer Struktur wollen wir treu bleiben.

Ist es als Sportchef nicht bitter, wenn man einen solchen Meisterkader nicht halten kann?

Wechsel sind auch gesund. Wechsel bieten Chancen. Abgänge geben auch wieder Platz für neue Spieler. Wir sind zufrieden mit dem, was wir geleistet haben,  wollen aber sofort wieder vorwärtsschauen. Wir dürfen auch keine Bad Feelings haben, wenn uns Spieler verlassen. Im Gegenteil. Wir müssen überlegen, mit welchen Spielern wir unser Team verstärken, die uns in naher Zukunft Freude bereiten..

Leitner, Coric, Kramer & Co. Sie waren keine Stammspieler und ihre Verträge laufen aus. Da macht man sich bestimmt auch Gedanken über eine Trennung. Fällt dir das leicht?

Wir haben eine Verantwortung gegenüber dem FC Zürich und müssen uns deshalb gut überlegen, was für den Verein in Zukunft notwendig ist. Auch diese Saison werden wir genau evaluieren. Trotz des guten Charakters müssen wir verschiedene Faktoren genau beurteilen und dann auch entscheiden, mit wem wir die Zusammenarbeit fortsetzen wollen.

Nun noch zu André Breitenreiter: Wenn du Sportchef eines Bundesligavereins wärst, würdest du André Breitenreiter verpflichten?

Das ist eine schwierige Frage. André hat sicherlich die Qualitäten und Fähigkeiten, um einen grossen Bundesligaverein zu trainieren. Ich selbst war ja auch Trainer. Deshalb weiss ich, wie wichtig das Umfeld für einen Trainer ist. Beim FC Zürich haben wir in den letzten Monaten Rahmenbedingungen geschaffen, unter denen der Trainer professionell und erfolgreich arbeiten kann. Ich bin überzeugt, dass auch André Breitenreiter sieht, was er am FCZ hat und dass die Arbeit mit dem Meistertitel nicht abgeschlossen ist. Aber im Fussball weiss man nie. Das Einzige was ich weiss: André Breitenreiter hat noch ein Jahr Vertrag beim FCZ. So gehen wir dann auch in die Planung der nächsten Saison.

Ancillo Canepa sagte kürzlich, dass er sehr zuversichtlich ist, dass Breitenreiter dem FCZ erhalten bleibt. Teilst du diese Zuversicht?

(lacht) Das ist die Aussage des Präsidenten. Ich kann sicher bestätigen, dass die Rahmenbedingungen stimmen. Aber eben, im Fussball kann man nie ein abschliessendes Urteil fällen. Ich kann es mir nicht anmassen, dies zu bestätigen. Im Fussball kann immer viel passieren.

Wie läuft die Planung für Europa?

Das primäre Ziel ist, ein kompetitives Super-League-Kader zu bilden und das jetzige Kader in der Breite und in der Spitze zu verbessern. Wir werden in der zweiten Qualifikationsrunde der Champions League einsteigen. Wenn wir diese überstehen, dann sind wir sicher in einer europäischen Gruppenphase. Danach werden wir die weiteren Schritte gehen. Klar kämen wir gerne in eine europäische Gruppenphase. Aber da ist auch das Losglück entscheidend.

Nach dem Spiel in Basel forderte Dzemaili für Europa vier bis fünf internationale Spieler.

(lacht) Da müssen wir zuerst schauen, was fünf Internationale Spieler bedeutet. Ein Ziel ist auch, eigene Spieler zu entwickeln. Beim FCZ sind in dieser Saison einige Spieler zu nationalen Spielern gereift, die einen nächsten Schritt international gehen können. Dass wir einige Abgänge ersetzen und zusätzliche Erfahrung brauchen, ist unbestritten. Ich werde mit meinem Team in der Kaderplanung alles daransetzen, dass wir die Mannschaft weiter aufwerten, um weiterhin positive Resultate erzielen zu können.

Erling Haaland hat der FCZ knapp verpasst, doch Drmic und Mehmedi sind noch zu haben. Sind die beiden ein Thema?

Kürzlich habe ich mit Drmic gesprochen. Ich glaube nicht, dass Josip bereit ist, um in die Schweiz zurückzukommen. Ihn zieht es vermutlich an einen anderen Ort. Auch mit Mehmedi haben wir Gespräche geführt. Doch auch bei ihm kann man nicht sagen: Er kommt zum FCZ. Wir bleiben mit unseren ehemaligen Spielern aber verbunden. Wenn die Rahmenbedingungen und das Umfeld dann passen und die Spieler in einer guten Verfassung sind, steht die Tür beim FCZ sicherlich offen.

Solche Spieler wären aber sicherlich dankbar für dich als Sportchef?

Auf alle Fälle. Wenn solche Spieler nach ihrer Reise durch Europa zurückkommen, ist das ein ungemeiner Schatz. Wenn Dzemaili der Erste ist, der vor dem Training erscheint und der Letzte ist, der nach dem Training geht, dann ist das ein starkes Zeichen. Das beeindruckt einen jungen Spieler, der in die erste Mannschaft kommt. Diese Leistungskultur wird ohne Worte auf und neben dem Platz vorgelebt. Es ist etwas, das man als Sportchef nicht kaufen oder nicht mit Worten beschreiben kann. Das muss man leben und erleben.

Ancillo Canepa meint, dass sich der Transfermarkt für den FCZ verbessert hat. Kannst du das bestätigen?

Mit unserem Erfolg ist der Kreis von möglichen Kandidaten grösser geworden. Wir haben schliesslich die Möglichkeit, europäisch zu spielen. Zudem sind wegen Corona interessante Spieler auf dem Markt, die finanziell erschwinglich sind. In der Schweiz können wir zudem Stabilität und Sicherheit bieten. Das schafft zusätzliche Möglichkeiten.

Schickst du deine Frau und deinen Sohn wie letzten Sommer wieder fünf Wochen in die Ferien?

(lacht) Das kann ich nicht ausschliessen. Diese Saison sind wir aber früher dran. Wir haben seit dem Meistertitel Planungssicherheit. Letztes Jahr kamen wir leider in den Abstiegskampf und viele Spieler auf der Scoutingliste zögerten mit der Unterschrift. Als wir dann den Ligaerhalt geschafft haben, waren die Spieler bereits bei einem anderen Verein unter Vertrag. Das ist dieses Jahr etwas anders.

Zum Abschluss: Darf deine Familie diesen Sommer auf Ferien mit dem Meister-Sportchef hoffen?

Kann ich nicht versprechen. Das ist eben auch die Bürde eines Sportchefs. Doch das Wichtige ist, dass der Job Freude macht. Aber meine Familie wird nicht darunter leiden.

Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 18. Mai 2022 05:50
aktualisiert: 18. Mai 2022 05:50