Feuer statt Zucker

Süsswaren-Shops machen mit scharfen Snacks Kasse

31.08.2023, 09:32 Uhr
· Online seit 31.08.2023, 06:17 Uhr
Ein extrem scharfer Tortilla-Chip ist in Schleckwaren-Läden nur eines von vielen Produkten mit hohem Schärfegrad. Diese zielen laut einem Konsumpsychologen auf risikofreudige Kundschaft ab. Eine Ernährungspsychologin übt Kritik.

Quelle: CH Media Video Unit / Katja Jeggli

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Das Angebot in Schweizer Schleckwaren-Shops ist mindestens so scharf wie süss. Bonbons, Marshmallows oder Lollipops befinden sich vermehrt in den hinteren Auslagen der Läden. Prominent angeboten werden stattdessen allerlei superscharfe Snacks.

«Die schärfsten Chips auf der Welt», lautet die Bezeichnung für den «Hot Chip Challenge» – ein laut Produkt «extrem scharfer» Chip, der in einem sargähnlichen Karton verpackt ist. Der in in den Shops ab 14 oder 16 Jahren freigegebene Tortilla kostet rund zwölf Franken und ist so scharf, dass darin Schutzhandschuhe enthalten sind. Auch andere Chips-Sorten wie der amerikanische Mais-Puff-Snack der Marke «Cheetos» oder die Tortilla-Chips «Takis» tragen feurige Bezeichnungen wie «Flamin' Hot» (zu Deutsch: glühend scharf) oder «Fuego» (Feuer).

In den Regalen nicht zu übersehen sind die Beutel mit den riesigen Essiggurken. Die scharfe Sorte verspricht etwa, «das Haus heisszumachen, ohne es abzufackeln». Selbst die angebotenen Ramen-Fertignudeln warnen auf der Verpackung davor, «nichts für schwache Nerven» zu sein.

«Scharf liegt im Trend»

Konsumpsychologe Christian Fichter stellt fest, dass Candy-Shops in scharfen Snacks eine Marktlücke entdeckt haben. «Scharf ist heiss und was ‹hot› ist, liegt im Trend», sagt er. Süsswaren-Läden seien bei ihren Angeboten gerne experimentierfreudig. So würden diese oft Produkte anbieten, die es in der Schweiz nicht oder noch nicht gebe. «Zudem haben die Shops mit ihren vorwiegend jungen Kundinnen und Kunden ein risikofreudiges Publikum.»

Der «Hot Chip Challenge» trägt den Produktnamen einer gleichnamigen Challenge. Dabei gewinnt, wer es schafft, das extrem scharfe Tortilla-Chip zu essen (siehe Video oben). Christian Fichter: «Produkte nach Challenges zu benennen, ist eine clevere Möglichkeit, um noch mehr junge Kundinnen und Kunden zu Spontankäufen anzulocken.»

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Wichtig sei, dass sich Konsumentinnen und Konsumenten vom Spielerischen des Produkts nicht täuschen liessen, so Fichter. «Ihnen sollte bewusst sein, dass es sich um Snacks mit hohem Schärfegrad handelt, was gesundheitliche Konsequenzen zur Folge haben kann.»

«Heute muss alles extremer werden»

Die scharfen Snacks ziehen insbesondere Kinder und Jugendliche an. In Deutschland lösten Fünftklässler einen medizinischen Grosseinsatz aus, weil sie von den Chips gegessen hatten. Die meisten Betroffenen sollen mit einem Schrecken davongekommen sein, ein paar mussten wegen Magenschmerzen behandelt werden. Die vor allem auf Social Media beliebte Hot-Chip-Challenge hat mittlerweile auch Schweizer Schulen erfasst. Schülerinnen und Schüler hätten nach dem Verspeisen des Chips geweint und seien rot angelaufen, berichtete etwa ein Elfjähriger aus dem Kanton Zürich.

Das Angebot an extrem scharfen Produkten ist für die ernährungspsychologische Beraterin Nicole Heuberger fragwürdig. Schärfe sei an sich nichts Schlechtes, aber es sei fragwürdig, da es in die Extreme gehe, sagt sie. «Nicht nur in der Ernährung, sondern auch generell – heute muss alles immer extremer werden», beobachtet sie. Die Reize der Menschen würden immer mehr gefordert. «Es gibt ständig etwas Neues, Krasseres, womit unser Belohnungssystem getriggert werden soll.»

Um sich davon abgrenzen zu können, braucht es laut Heuberger eine gewisse Reife. «Jugendlichen, die altersbedingt viel ausprobieren, fällt es besonders schwer, sich von Dingen zu distanzieren, die ihnen nicht unbedingt guttun.»

Altersvorgabe als Ausnahme

Zu den Anbietern zählen die Lolipop-Shops mit Filialen in Basel, Bern, Zürich, Luzern und Spreitenbach. Sie würden stets die trendigsten und gefragtesten Süsswaren-, Snacks und Getränke aus aller Welt anbieten, sagt Daniel Oetterli, Verantwortlicher der Lolipop-Shops auf Anfrage. «Alles, was sauer, scharf oder sonst wie ungewohnt ist wie Pickles ist aktuell bei Jung und Alt sehr beliebt.»

Laut Oetterli gibt es in der Schweiz grundsätzlich keine Altersvorgaben für scharfe Produkte. Beim «Hot Chip Challenge» sehe dies aktuell anders aus. «Wir verkaufen deshalb den Artikel nur an Jugendliche ab 14 Jahren.»

Mehr als scharf

Die Masseinheit Scoville gibt den Schärfegrad von Chilischoten an. Zwischen 500 und 1000 Scoville weisen zum Beispiel diverse Supermarkt-Chilis auf. Den höchsten Grad mit 16 Millionen Scovilleinheiten hat reines Capsaicin-Pulver. Bei Capsaicin handelt es sich um ein Molekül, das für die Schärfe von Chilis verantwortlich ist. Die Chilischoten des «Hot Chip Challenge» stammen laut dem Hersteller von der Carolina Reaper, der schärfsten Chilischote der Welt. Diese liegt zwischen 1,4 und 2,2 Millionen Scoville.

Der Online-Shop Gewürzamt.ch bietet schweizweit verschiedene Chilis, Pfeffer, Salze und Gewürzmischungen an. Roland Kalberer, kulinarischer Verantwortlicher des Shops, hat auch schon von der «Hot-Chip-Challenge» gehört. Für ihn sind solche Challenges aber nichts Neues und kulinarisch sinnlos. «Schärfe-Junkies sind bei uns schon seit Jahren eine Nische.» Diese bestellten etwa Birds Eye -oder Habenero-Chili, um sich herauszufordern. «Andere glauben, dass sie durch die Schärfe Giftstoffe ausschwitzen.»

Laut Kalberer vergessen viele Konsumentinnen und Konsumenten aber, dass Chili nicht nur von Schärfe lebt. «Chili hat auch eine grosse Aroma-Vielfalt.» So gebe es etwa Sorten mit blumig-fruchtiger, rauchiger oder grasiger Note, was kulinarisch viel wertvoller sei als der reine Schärfekick.

veröffentlicht: 31. August 2023 06:17
aktualisiert: 31. August 2023 09:32
Quelle: Today-Zentralredaktion

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