Woke-Wahnsinn?

ZHAW nimmt ausführlich zum Gender-Leitfaden Stellung

23. September 2022, 05:33 Uhr
Die ZHAW stand während der letzten Tage in der Kritik. Grund dafür ist ein Sprachleitfaden, der inklusive Sprache vorschreibt. Bei Verstössen soll gar ein Notenabzug drohen, heisst es in Medienberichten. ZüriToday fragt nach.

ZüriToday schickte der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW zehn Fragen. ZHAW-Mediensprecher Thomas Schläpfer beantwortete die Fragen in schriftlicher Form.

Warum macht das die ZHAW?

Im Leitbild und der Hochschulstrategie der ZHAW ist festgelegt, dass die ZHAW eine Hochschulkultur gestaltet und lebt, die u.a. auf den Grundsätzen von Diversität basiert. Vielfalt bedingt auch Inklusion, die im Alltag gelebt wird und in der Sprache zum Ausdruck kommt. Der Sprachleitfaden bietet Orientierung und unterstützt alle Mitarbeitenden, Weiterbildungsteilnehmenden und Studierenden für einen bewussten Sprachgebrauch im Alltag und im Studium.

Was verspricht sich die ZHAW davon?

An einer Hochschule ist Sprache ein zentrales Werkzeug für die Wissenschaft und die Lehre. Daher interessiert es die Hochschulangehörigen besonders, wie sie/wir damit umgehen sollen. Das Ziel des Leitfadens ist es, Orientierung zu schaffen, und Empfehlungen und Hilfestellungen zu leisten. Der ZHAW ist die Förderung einer inklusiven Kultur wichtig, denn die Hochschule ist auf Diversität angewiesen, damit sie innovativ bleibt.

Sprache sollte einfach und verständlich sein. Der ZHAW-Leitfaden bricht damit. Wie stehen Sie zu diesem Vorwurf?

Verständliche und einfache Sprache stehen nicht im Widerspruch zu einem gendergerechten Sprachgebrauch. Vielmehr sind die Mitarbeitenden und Studierenden dazu aufgefordert, bewusst und kreativ mit Sprache umzugehen. Der Leitfaden soll sie dabei unterstützen.

Was sagen Sie zum Vorwurf, Sie wollten mit dem Leitfaden die Gesellschaft umerziehen?

Die Verwendung einer gendergerechten Sprache geschieht nicht vor dem Hintergrund einer politischen Agenda. Vielmehr soll damit sichergestellt werden, dass sich Studierende korrekt und präzise ausdrücken können.

Was waren die ersten Feedbacks von Dozenten einerseits und den Studenten andererseits?

Grundsätzlich beobachten wir an der ZHAW ein zunehmendes Interesse an inklusiver Sprache seitens der Studierenden und Mitarbeitenden. Die Sensibilisierung nimmt zu und der Sprachleitfaden entspricht daher einem Bedürfnis der Studierenden und Angehörigen der ZHAW. Die direkten Rückmeldungen fallen gemischt, aber mehrheitlich positiv aus. Letztlich sind die Diskussionen an der ZHAW ein Abbild des gesamtgesellschaftlichen Diskurses. Das Thema Geschlechtergerechtigkeit ist gesellschaftlich hochaktuell und wird auch an unserer Hochschule stärker als früher debattiert. Als Bildungs- und Forschungsinstitution ist es uns wichtig, dass wir einen Rahmen schaffen, in dem über alle Themen diskutiert werden kann.

Die ZHAW erhält Gelder vom Kanton Zürich. Wurde der Leitfaden mit der Bildungsdirektion/Hochschulrat abgesprochen?

Die ZHAW ist im Rahmen ihres Globalbudgets selbständig und hält sich bei ihren Handlungen an die Vorgaben von Bund und Kanton. Zudem ist die ZHAW als Zürcher Hochschule zur Gleichstellung der Geschlechter verpflichtet. Um dies auch im sprachlichen Rahmen zu ermöglichen, bietet der Sprachleitfaden Orientierung und unterstützt alle Mitarbeitenden, Weiterbildungsteilnehmenden und Studierenden.

Warum hält sich die ZHAW eigentlich nicht an die Vorgaben des Dudens?

In diesem Zusammenhang erachten wir es als wichtig zu erwähnen, dass die Freiheit der wissenschaftlichen Lehre und Forschung ein Grundrecht und in der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft verankert ist. Die Grenzen der akademischen Freiheit sind dort gesetzt, wo andere Grundrechte tangiert sind, wie die Menschenwürde oder der Persönlichkeitsschutz.

Können Sie einen Satz sagen, der gemäss inklusiver Sprache die korrekten Pronomen enthält? Wie tönt das?

Statt «Jeder ist froh, das Prüfungsergebnis rasch zu kennen» wird «Alle sind froh, das Prüfungsergebnis rasch zu kennen» empfohlen, da dieser Sprachgebrauch genderneutral und inklusiv ist.

Die Dozenten können Verstösse gegen den Leitfaden offenbar mit Abzügen ahnden. Was gilt jetzt?

Dozierende legen – wie bisher auch – die Bewertungskriterien für schriftliche Arbeiten vorgängig fest und geben diese den Studierenden bekannt. Die Bewertungskriterien müssen nachvollziehbar, sachlich begründet und für alle Studierenden der entsprechenden schriftlichen Arbeit gleich sein. Dies kann auch Vorgaben zum Sprachgebrauch beinhalten. Die Verwendung von nonbinärer Sprache kann im oben genannten Rahmen sowohl vorgeschrieben als auch untersagt werden. Nicht zulässig ist die Vorschrift zur Verwendung des generischen Maskulinums in studentischen Arbeiten.

Werden keine Vorgaben zur nonbinären Sprache gemacht, bildet der Sprachleitfaden ZHAW die Orientierung für schriftliche Arbeiten. In diesem Fall darf weder die Anwendung noch die Nicht-Anwendung des Leitfadens durch Studierende eine schlechtere Bewertung nach sich ziehen.

Ist es korrekt, wenn ein Studierender Abzüge erhält, wenn er gemäss Duden die deutsche Sprache korrekt anwendet?

Die Lehrenden legen die Bewertungskriterien für die Leistungsnachweise fest. Sind keine Bewertungskriterien festgelegt worden, darf weder die Anwendung der deutschen Sprache nach Duden noch die Anwendung des Leitfadens der ZHAW zu einer schlechteren Bewertung führen.

(jaw/bka)

Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 22. September 2022 21:18
aktualisiert: 23. September 2022 05:33
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