Zürich

Wie vor 50 Jahren in Effretikon DDR-Spitzel verhaftet wurden

Spionage-Affäre

Wie vor 50 Jahren in Effretikon DDR-Spitzel verhaftet wurden

02.07.2023, 10:35 Uhr
· Online seit 02.07.2023, 08:58 Uhr
Fünf Jahre lang lebte das Ehepaar Kälin unauffällig in Effretikon und spionierte dabei für die DDR. 1973 wurde das Ehepaar Wolf, wie es mit richtigem Namen heisst, enttarnt und verhaftet. Zeitzeugen erzählen, wie sie das Ehepaar in Effretikon erlebten.
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Völlig unscheinbar lebte das Ehepaar Ursula und Hans Kälin an der Lindenstrasse in Effretikon. Händchenhaltend verliessen sie jeweils das Haus. In der Garage des Mehrfamilienhauses stand ihr Toyota. Ein gut bürgerliches Leben führten die beiden. Die perfekte, oder zumindest die fast perfekt Tarnung.

«Er hatte denselben Trainingsanzug»

Das Ehepaar Kälin war Mitglied im Tennisclub Illnau-Effretikon. Auch dies wohl zur Tarnung. «Er hatte denselben blauen Trainingsanzug wie ich», erinnert sich Otto Klein im Gespräch mit ZüriToday. Er und seine Frau Heidi waren zur selben Zeit Mitglieder im Tennisclub, welcher damals rund 100 Mitglieder zählte. Das Ehepaar Kälin, sei zwar Mitglied gewesen, so richtig integriert warten die beiden laut den Zeitzeugen aber nicht.

«Ich habe kein einziges privates Wort gesprochen, mit den beiden», erzählt Heidi Klein. «Nie haben die beiden etwas Persönliches erzählt, sie haben nichts preisgegeben, was sie sonst im Leben so machen.» Heidi und Otto Klein erinnern sich, dass das Ehepaar Kälin vor allem an den sportlichen Aktivitäten teilnahm, den gesellschaftlichen Teil überliessen sie den anderen.

Meist seien die beiden nach dem Sport sofort mit ihrem Toyota nach Hause gefahren. «Sie haben nie jemanden in ihrem Auto mitgenommen.», erzählt Heidi Klein und ergänzt, «Im Nachhinein muss ich schon sagen, dass sich die beiden auffällig anders verhalten haben. Aber damals hat man sich gar nichts dabei gedacht.» Otto Klein ergänzt rückblickend: «Sie waren ja nicht angeschrieben mit Spion. Da kam wohl niemand auf die Idee, dass die beiden Spione waren.»

Aus Hans Wolf wird Hans Kälin

Kennengelernt haben sich Gisela Klie und Hans-Günter Wolf in der Hitler-Jugend und bereits 1949 geheiratet. In den Jahren 1967 und 1968 reisten die beiden dann getrennt in die Schweiz ein. Mit falschen Pässen. Dort, in Illnau-Effretikon /ZH, haben die beiden dann erneut geheiratet. Dieses Mal unter den Namen Hans Kälin und Ursula Meissner. Dies belegen Dokumente, welche auch im Kriminalmuseum der Kantonspolizei Zürich ausgestellt sind. Der Fall Kälin war auch Thema im Podcast Polizeirapport der Kantonspolizei Zürich. 

Während ihrer Zeit in der Schweiz arbeiteten beide bei der Winterthurer Traditionsfirma Sulzer. Er als Ingenieur, sie in der PR-Abteilung. Im Effretiker Wohnquartier führten die beiden dem Erzählen nach ein gut bürgerliches Leben.

Verurteilt und Ausgeschafft

«Es war natürlich das Tagesgespräch in Effretikon und verbreitete sich wie ein Lauffeuer», erinnern sich Heidi und Otto Klein an die Tage im Jahr 1973, als Ursula und Hans Kälin verhaftet wurden. In der Wohnung wurde diverses Spionage-Material und Geräte zur Übermittlung gefunden. Die Vorgänge von anno dazumal werden im Urteil des Bundesgerichtes detailliert ausgeführt.

Rund zwei Jahre verbrachte das Ehepaar Kälin bis zum Prozess vor dem Bundesgericht in Haft. Ob überhaupt und wenn ja wie viele Schweizer Geheimnisse die beiden an die Zentrale in der DDR weiter geben konnten, ist nicht ganz klar. Die DDR-Spione betonten, das Ganze als Spiel betrieben zu haben. Das Bundesgericht sah dies anders und verurteilte Hans und Ursula Kälin am 21. Juni 1975 zu je sieben Jahren Haft. 1978 wurden die beiden aber vorzeitig entlassen und in die DDR abgeschoben.

Rückblickend ist für das Ehepaar Klein aus Effretikon klar: «Es war plötzlich nicht mehr so eigenartig, dass sich das Ehepaar Kälin so unscheinbar verhalten hat.»

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veröffentlicht: 2. Juli 2023 08:58
aktualisiert: 2. Juli 2023 10:35
Quelle: ZüriToday

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