Zürich

VZO suchen mit Kampagne Lernender Automobilmechatronik

Neuer Lernender fehlt

VZO werben mit Ferien und Auto – einzige Lehrstelle bleibt unbesetzt

· Online seit 11.04.2024, 06:13 Uhr
Die Verkehrsbetriebe Zürichsee und Oberland AG (VZO) bieten nur eine Lehrstelle an. Trotz auffälliger Kampagne hat der Busbetrieb keinen Lernenden Automobilmechatroniker gefunden. Ein Personalberater weiss, woran es liegen könnte.
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Die Inserate in den Bussen im Zürcher Oberland stechen Fahrgästen ins Auge. In fetten, roten Lettern bieten sie «24 Wochen Ferien», «Gratisreisen», einen «Mercedes mit 685 PS» oder «neue Klamotten». Einfach so gibt es diese Vorzüge bei den Verkehrsbetrieben Zürichsee und Oberland AG (VZO) nicht. Im Gegenzug suchen die VZO Lernende, wie die Inserate in blauer Schrift zeigen.

Wer das Kleingedruckte liest, entdeckt dann, dass die Angebote vor allem cleveres Marketing sind. So setzen sich die 24 Wochen Ferien aus jeweils sechs Wochen während vier Jahren zusammen und die Gratisreisen aus einem von der VZO gesponserten GA. Auch bekommen Lernende nicht etwa einen Mercedes geschenkt. Stattdessen ist dieser ihr Arbeitsinstrument. «Vollelektrisch, neustes Modell. Zum Schrauben, Warten und Diagnostizieren», steht weiter unten.

«So grosse Mühe hatten wir noch nie»

Bei der auffälligen Kampagne handelt es sich um eine Art Hilferuf. Denn die VZO suchen dringend eine Lernende oder einen Lernenden Automobilmechatronik. «Für Sommer 2024 konnten wir noch keinen Lehrvertrag für die Lehrstelle Automobilmechatroniker/in unterzeichnen», sagt VZO-Mediensprecher Adrian Suter auf Anfrage. Seit einigen Jahren bilden die VZO ausschliesslich Automobilmechatroniker aus.

Bis jetzt hätten sich verhältnismässig wenige und keine geeigneten Kandidaten für die Lehrstelle gemeldet, sagt Suter. Generell werde es zudem immer schwieriger, Lernende für handwerkliche Berufe zu finden. «So grosse Mühe wie dieses Jahr hatten wir noch nie.» Darum hätten sie erstmals auch eine entsprechende Kampagne gestartet. «Wir sind zuversichtlich, für Sommer 2024 einen Lernenden anstellen zu können.» Ansonsten bliebe ihnen nichts anderes übrig, als sich mit der Situation zu arrangieren.

Im Hinblick auf den Lehrbeginn im übernächsten Jahr fruchtet die Kampagne aber bereits. «Vor allem für den Lehrbeginn im Sommer 2025 bekommen wir zahlreiche Anfragen», sagt Suter.

VZO hätten vielleicht zu dick aufgetragen

Personalberater Matthias Mölleney hat sein Büro in Uster. Auch ihm sind die VZO-Inserate beim Busfahren aufgefallen. «Die Kampagne ist frisch, innovativ und auffällig», sagt er. Daher seien die VZO grundsätzlich sicher nicht falsch vorgegangen. «Da sie die Lehrstelle trotzdem noch nicht besetzen konnten, müssen sie aber leicht am Ziel vorbeischiessen», vermutet er.

Mölleney hält für möglich, dass die Inserate von den Interessen der jugendlichen Zielgruppe zu weit entfernt sind. Vielleicht hätten die VZO aber auch etwas zu dick aufgetragen. «Wenn mit 24 Wochen Ferien und einem Mercedes geworben wird, fragen sich die Jugendlichen womöglich, wo denn der Haken ist.»

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Ob gelungene Kampagne oder nicht – der Personalberater schätzt das Besetzen von gewissen Lehrstellen als «sauschwer» ein. «Vor zehn Jahren wäre die VZO mit solchen Anzeigen von Bewerbungen überhäuft worden.» Heute hingegen sähen viele junge Menschen in IT- und KI-Berufen die Zukunft. Wegen Social Media seien sie auch stark auf ihr Image bedacht. «Sie überlegen sich genau, ob es cool ist, wenn sie jemandem im Ausgang oder auf Tiktok erzählen, dass sie eine Lehre als Mechatroniker machen.»

Bewerbende seien weniger belastbar

Gesamtschweizerisch wurden per Ende Januar 2024 knapp 26'000 Lehrverträge abgeschlossen. Dies teilte das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) im Februar mit. Erste Einschätzungen deuteten darauf hin, dass die Lehrstellenbesetzung vergleichbar mit den Vorjahren verläuft.

Die Lehrstellenplattform Yousty vermutete im April 2023, dass es für die Betriebe noch einmal schwieriger geworden sei, geeignete Lernende zu rekrutieren. «Dabei ist gemäss Betrieben insbesondere die Belastbarkeit von Bewerber:innen geringer als vor der Pandemie. Aber auch die Kompetenzen im Lesen, Schreiben, mündlicher Ausdrucksfähigkeit und Mathematik sind etwas schlechter als vor der Pandemie.» Zudem habe die Attraktivität der Berufslehre im Vergleich zu allgemeinbildenden Schulen seit Beginn der Pandemie abgenommen. Im Sommer 2023 waren laut «CH Media» noch Tausende Lehrstellen offen.

veröffentlicht: 11. April 2024 06:13
aktualisiert: 11. April 2024 06:13
Quelle: ZüriToday

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