Zürich

Unternehmen locken mit hohen Praktikumslöhnen: Helsana-Praktikant soll 5000 Franken bekommen

«Anreiz bieten»

5000 Franken für ein Praktikum? Der Lohn bei Unerfahrenen variiert

· Online seit 07.10.2023, 08:39 Uhr
Google soll seinen IT-Praktikanten Löhne von 9000 Franken bezahlen, ein Krankenversicherer einem Maturanden angeblich 5000 Franken. Was ist dran an den Gerüchten über hohe Praktikumslöhne?
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Nach der Matura noch eine bisschen jobben, bevor es mit dem Studium losgeht. Dass man bei der Helsana für ein Praktikum 5000 Franken verdienen soll, erstaunt. Ein Reporter des Magazins «Inside Paradeplatz» behauptet dies in einem Bericht. So viel zahle der Krankenversicherer einem Teenager, der bislang keine Erfahrung im Beruf gesammelt hat. Körperlich anstrengend sei die Arbeit nicht.

Weiter schreibt der Reporter, dass dieser hohe Lohn für einen Praktikanten ins Bild einer Firma passe, «bei der das Geld in Strömen fliesst.» Er nennt Gehaltsbeispiele eines IT-Teamleiters und des Chefs der Helsana, die es im Jahr auf 210'000 Franken, respektive 750'000 Franken bringen würden. Woher all die Infos stammen, bleibt schleierhaft.

«Beschäftigungs-Organisation mit Wahnsinns-Verdienst»

Belege prüfen und kontrollieren, ob die Prämien gezahlt wurden – ein Traumjob? Laut «Inside Paradeplatz» sind Krankenkassen eine Beschäftigungs-Organisation mit Wahnsinnsverdienst, wo schon Junior-Aushilfen reichlich entlohnt würden.

Die Helsana kann indes nicht nachvollziehen, woher der Reporter die offenbar falschen Lohnangaben für ein Praktikum herhaben will: «Bei uns variieren die Gehälter für Praktikanten zwischen 1800 bis maximal 4000 Franken. Letztere gibt es für Maturandinnen und Lehrabsolventen. Sie bekommen 25 Franken pro Stunde», erklärt Urs Kilchenmann, Mediensprecher der Helsana.

Mit Praktika Berufserfahrung sammeln

Zudem sei der Job anspruchsvoll. Die Praktikanten würden weit mehr leisten als nur Prämien zu kontrollieren. Kilchenmann sagt: «Unsere Praktikanten müssen mehrsprachig sein, sie beraten die Kundinnen und Kunden in vielen Belangen, von Telemedizin bis zu Offerten. Man muss gerade bei Prämienanstiegen auch psychologisch einfühlsam reagieren. Kunden können aufgebracht sein.»

Ein Praktikum kann entweder quasi eine «Schnelllehre» für Menschen sein, die sich in einem Beruf ausprobieren wollen, oder eine Praxispflicht im Rahmen eines Studiums oder Ausbildungssystems. Mindestens sechs Monate lang sollen Studierende in einem Betrieb Erfahrungen sammeln. So beispielsweise ist eine Ausbildung in einer Hotelfachschule aufgebaut. Dort wechseln sich Praktika mit theoretischem Unterricht halbjährlich ab.

Wer zahlt wieviel?

Beispiele verschiedener Unternehmen belegen, dass ein Praktikumslohn vor allem mit Ausbildungsgrad und Erfahrung zu tun hat. Bei Lidl gibt es einen monatlichen Bruttomindestlohn von 1850 Franken – bei einer 100-Prozent-Anstellung und nach Abschluss der Fachmaturität oder Matura. Wer einen Masterabschluss hat, kann mit 3300 Franken rechnen.

Bei der SBB bekommen EFZ-Kaufmann- oder Kauffrau-Auszubildende in einem einjährigen Praktikum einen Monatslohn von 1750 Franken. Das Praktikum ist notwendig, um die Ausbildung abschliessen zu können. Ein studierter Managementpraktikant bei Aldi bekommt da schon wesentlich mehr: 4000 Franken plus Dienstauto locken hier.

Google lockt mit 9000 Franken

Wer sich beim Schreinern, Backen oder auf der Baustelle nicht für vergleichsweise wenig Geld die Hände schmutzig machen will, könnte bei Google anheuern. Denn in Zürich werden Praktikanten mit monatlich 9000 Franken gelockt, wie vor einigen Monaten ein IT-Student auf Tiktok behauptete.

Ein Ex-Google-Mitarbeiter, der anonym bleiben möchte, sagte auf Anfrage von «20 Minuten», dass dies plausibel sei. Er arbeitete vor vier Jahren noch im Silicon Valley bei Google. Jahreslöhne von 100’000 Franken im Praktikum seien da nicht unüblich gewesen. Zum Vergleich: Der Bund zahlt einem IT-Praktikanten nach dem Masterstudium oder der Promotion bis zu 4180 Franken.

Bell geht in die «Lehrlingsoffensive»

Fleischverarbeiter Bell will den Jungen die Berufslehre wieder schmackhaft machen und hat vor, seinen Lernenden im dritten Lehrjahr 4200 Schweizer Franken zu zahlen, wie der «Tages-Anzeiger» schreibt. Das ist fast viermal so viel, wie ein durchschnittlicher Fleischfachmann in Ausbildung verdient. Der Bell-Chef Lorenz Wyss habe gute Gründe, seinen Lernenden ein ordentliches Gehalt zu zahlen.

Die Berufsverbände empfehlen auf der Lehrstellenplattform Yousty im letzten Lehrjahr einen Lohn von 1075 Franken. Bei Bell sei ein Teil des Lohnes fix, ein Teil Bonus. Denn im Fleischgeschäft musst du früh morgens anfangen, wirst nass. Das sei nicht ohne, erklärt der Bell-CEO: «Da müssen wir einen Anreiz bieten.»

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Lohn-Anreize kommen aus der Not heraus

Viele Betriebe könnten einen solchen Ansatz finanziell gar nicht stemmen, sagt Bildungsökonomin Ursula Renold dazu. «Bei Löhnen der Lernenden von über mehreren Tausend Franken würden viele Betriebe über kurz oder lang keine Lehrlinge mehr ausbilden, da die Kosten zu hoch wären.»

Dass eine Firma wie Bell aus der Not heraus versucht, mit finanziellen Anreizen ihre offenen Lehrstellen zu besetzen, ist nachvollziehbar. Was sonst bleibt einem Betrieb übrig, der von 20 Lernenden gerade einmal einen Metzger findet, der die Ausbildung angehen will? «Kurzfristig dürfte die Firma damit Erfolg haben. Aber Firmen könnten dadurch beginnen, sich gegenseitig Lehrlinge abzuwerben», sagt Ursula Renold in einem Interview.

Bell-CEO Wyss will mit seinem Lohnbeispiel von 4200 Franken für einen Drittjahr-Lernenden als gutes Beispiel vorangehen. Damit will er die besten und motiviertesten Talente rekrutieren. Es könne nicht sein, dass ein Ungelernter im Unternehmen am Ende mehr verdiene als ein gut Ausgebildeter, der die gleiche Arbeit leiste.

veröffentlicht: 7. Oktober 2023 08:39
aktualisiert: 7. Oktober 2023 08:39
Quelle: ZüriToday

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