Zürcher Graffiti-Duo

«Wir sind Künstler und keine Dienstleister»

Maarit Hapuoja, 22. Februar 2022, 17:00 Uhr
Ein Hund schmückt seit Kurzem eine Fassade am Lindenplatz. Der Hund steht für ein verändertes Zürcher Stadtbild, aber auch für Brüder, deren Philosophie Hoffnung gibt. Das Duo One Truth zeigt den neuen Stellenwert der Graffiti-Szene in Zürich.
Der Hund am Lindenplatz in Altstetten ist einer von vielen, die in Zürich aufzufinden sind. Der Hund hat für das Zürcher Duo extrem viel Bedeutung.
© Facebook/Rolf Wirz

Seit Kurzem schmückt ein Hunde-Sujet die Fassade eines Hauses am Lindenplatz in Altstetten. Das Graffito ist das Werk des Zürcher Künstler-Duos One Truth. Die beiden Brüder leben in Zürich, wo sie seit vielen Jahren das Stadtbild mit ihren vielseitigen Graffiti bereichern. Auch in der internationalen Street Art-Szene hat One Truth Anerkennung gefunden.

Persönliche Geschichten und immer wieder der Hund

One Truth schafft farbenfrohe Gemälde mit ihren typischen kleinen Monstern, die nie furchteinflössend wirken, sondern eher süss aussehen. Die Figuren erzählen oft persönliche Geschichten der Brüder. So etwa über deren enge Beziehung zueinander, das Aufwachsen ohne Eltern, oder ihre beiden Hunde, die ihre ständigen Begleiter sind.

Die Handschrift ist den Zürchern sehr wichtig, denn sie sind «Künstler und keine Dienstleister», sagt Pase, der ältere Bruder gegenüber ZüriToday. «Der Hund ist uns sehr wichtig, wir haben selber auch Hunde. Er ist der beste Freund des Menschen und kann ihm gleichzeitig den Spiegel hinhalten». Der Künstler erklärt, dass es für ihn sei, als würden einzelne Hunde das Rudel verlassen und über die Stadt verteilt werden. Sobald viele Leute dann Fotos auf Social Media posten, kommen alle wieder zusammen.

Das riesige Projekt an der Rötelstrasse in Zürich bewirkte eine grosse Medienresonanz und begeisterte auch die Anwohner. Die ganze Planung, Konzipierung und Umsetzung stand unter dem Thema «Gemeinsam Stark».

© Bildlegende One Truth

Die 39- und 41-jährigen Brüder, Dr. Drax und Pase, verwirklichen Projekte für sich selbst, für Privatkunden oder Unternehmen sowie für Galerien und Stadtverwaltungen. «Wir kommen von draussen, wir machen viele Graffiti an Fassaden, haben aber auch schon Autos und Flugzeuge besprayt.» Das erste grosse Projekt verwirklichte One Truth 2012 an der Rötelstrasse und begeisterte damit die Anwohner.

Zusammenarbeit, Workshops und Message

Die Realisierung der Projekte erfolge immer mit grosser Zusammenarbeit mit den Auftraggebern sowie mit der Umgebung. «Wir gehen auf die Leute ein, aber es wird geschaut, dass es auch uns gefällt. Es ist wie ein Collabo.» So wurde das Graffito an der Heilpädagogischen Schule zu einem Teil des Quartiers. «Die Leute nehmen das positiv auf, vor allem auch die Kinder an der Schule.» Es gäbe natürlich auch diejenigen, denen das nicht gefällt, aber das sei nun mal immer so.

Die Heilpädagogische Schule Zürich hat One Truth in Begleitung der Stadt Zürich für ein Graffito an der Hausfassade im Jahr 2013 mit dem Thema Playground beauftragt.

© Bildlegende One Truth

One Truth engagiert sich auch für Jugend- und Sozialprojekte und bietet Workshops für die Stadt und Schulen an. Für die Brüder sei es auch wichtig, ihre Philosophie weiterzugeben: «Wenn man etwas machen möchte im Leben, muss man daran glauben und es durchziehen». Vor 20 Jahren sei noch alles anders gewesen, aber jetzt hätten sich die Beiden etabliert. Das Duo ist nicht nur schweizweit sehr bekannt, sondern auch international unterwegs. So haben die Brüder zum Beispiel letztes Jahr 200 Quadratmeter einer Hausfassade in Berlin beschmückt.

«Graffiti-Kunst wird erwachsen»

Anfragen ihrer Kunstwerke auf Leinwänden und Tafeln hätte in letzter Zeit zugenommen. Auch in Galerien werden Graffiti immer mehr wahrgenommen. Das Duo hatte diesen Winter selbst eine Ausstellung in der Kunsthalle Bern. «Es ist ein Schritt in diese Richtung, dass es in den Institutionen wahrgenommen wird als zeitgenössische Kunst», sagt Pase. Urbane Kunst sei autodidaktisch, aber wird immer mehr in Ausstellungen sichtbar. Die Graffiti-Kunst vermische sich mit Street Art-Kunst und sei «keine Jugendbewegung mehr».

Von der Stadt Zürich werden drei öffentliche Flächen angeboten, an denen legal gesprayt werden darf: Das Obere Letten, Der Freestylepark Allmend und die Rote Fabrik. Bei Letzterem ist aber vorgängig eine Absprache mit dem Team nötig. Zum legalen Sprayen in Zürich meint Pase: "Dass es sicher gut ist, wenn es Möglichkeiten gibt, wo man sich verwirklichen kann.» Mit seinem Bruder mache er einfach Kunst und das sei das Spiegelbild ihrer Freundschaft.

Das Künstler-Duo kann auf Anmeldung im Studio in Altstetten besucht werden. Zudem ist One Truth in der Kunstsammlung der Stadt Zürich vertreten.

Das Graffito von One Truth an der Wehntalerstrasse in Neu-Affoltern war 2016, als es gesprayt wurde, das grösste der Schweiz.

© Bildlegende One Truth

Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 23. Februar 2022 07:55
aktualisiert: 23. Februar 2022 07:55
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