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So bringt die Stadt Zürich psychologische Betreuung ins Schulzimmer

Prävention

So bringt die Stadt Zürich psychologische Betreuung ins Schulzimmer

· Online seit 03.06.2022, 19:49 Uhr
Therapieplätze in Zürich sind knapp, gleichzeitig leiden viele Jugendliche unter psychischen Problemen. Auf der Sekundarstufe sind es 16 Prozent. Zur Sensibilisierung und Früherkennung bringt ein Programm der Stadt Zürich das Thema Depressionen ins Schulzimmer.
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Jede und jeder sechste Jugendliche der Stadt Zürich hat Anzeichen einer Depression, wie eine Befragung der Stadt Zürich zeigt. Vor einem Jahr reagierte die Stadt, indem sie Psychologinnen und Psychologen zu den Schülern schickte, um den Umgang mit Depressionen in den Schulstoff aufzunehmen. Aufgrund positiver Erfahrungen wird das Programm von sieben Sekschulen nun auf alle ausgeweitet.

Den Zugang erleichtern

Das Programm heisst «Heb sorg» und soll Depressionen möglichst früh erkennen, so dass man rechtzeitig reagieren kann. Einmal pro Schuljahr geht eine Psychologin bei allen Schülerinnen der zweiten Sekundarstufe vorbei. «Wir schauen mit den Jugendlichen an, was es heisst, gefühlsmässig angeschlagen zu sein», erklärt Matthias Obrist, Leiter des schulpsychologischen Dienstes der Stadt Zürich.

Den Jugendlichen werden Filme gezeigt und sie üben mit Rollenspielen, wie sie Mitschüler ansprechen können. Es geht auch darum, den Schülerinnen zu zeigen, wie sie ihre Gefühle einordnen können. «Wir zeigen, wie sie merken, dass es ihnen nicht gut geht und wie sie es benennen können. Es gibt nicht nur psychisch krank und gesund. Die Jugendlichen lernen, sich auf einer Skala einzuordnen», so Obrist.

Die Lektion zum Thema Depression ist für alle Schülerinnen und Schüler obligatorisch. «Die Lektionen werden von Fachpersonen aus dem schulpsychologischen Dienst geleitet», sagt Obrist. Laut dem Schulpsychologen wird auch auf Anschluss-Angebote aufmerksam gemacht. «Es gibt aber einen Engpass an Therapieplätzen in Zürich. Umso wichtiger ist diese Früh-Sensibilisierung.»

«Ich würde das bei uns auch begrüssen»

Sekundarlehrerin Julia Berger sieht viele Vorteile in einem solchen Programm. Die im Kanton Zürich unterrichtende Lehrerin würde ein solches Angebot in ihrer Schule sehr begrüssen. «Das Programm erscheint mir sehr sinnvoll. Als Lehrerin bin ich immer öfters mit psychischen Problemen von Schülerinnen und Schülern konfrontiert und fühle mich selbst nicht als Expertin auf diesem Gebiet.»

Dass Schülerinnen und Schüler nicht zum psychologischen Dienst geschickt werden, sondern eine Fachperson sie im Schulzimmer besucht, macht für Berger einen grossen Unterschied: «So fällt der stigmatisierende Effekt weg. Ausserdem werden Schülerinnen aufgeklärt, die nicht unter Depressionen leiden. Das hat einen Lerneffekt und sie denken nicht <mich betrifft das ja sowieso nicht>»

Zudem gebe es einen bürokratischen Vorteil. «Seit Corona verzögern sich die Termine bei unserem schulpsychologischen Dienst extrem. Zuerst mit den Eltern sprechen, dann das Gespräch mit der Schulleitung suchen und schliesslich den Termin bei der Abklärung erhalten – im Moment kann das eine Wartezeit von sechs Monaten verursachen», so die Seklehrerin. Im Falle einer Depression sei das einfach zu lange, ergänzt Berger.

Wie reagieren die Jugendlichen darauf?

Eine Schulpsychologin, welche die Kinder im Klassenzimmer besucht, erklärt gegenüber dem Regionaljournal Zürich Schaffhausen: «Es gibt Jugendliche, die wenig Erfahrung haben, über eigene Gefühle zu sprechen. Insbesondere, wenn es negative Gefühle sind.» Dort sei es wichtig, sie anzuleiten.

Das Angebot komme bei den Jugendlichen gut an, sagt Obrist. «Wir haben bisher sehr gute Rückmeldungen erhalten, das ist sehr erfreulich.» Die Jugendlichen seien froh, dass das Thema im normalen Unterricht behandelt wird. «Ich wollte schon lange meine Kollegin ansprechen, doch ich wusste nicht wie, aber jetzt weiss ich es», wird eine Schülerin in der Mitteilung der Stadt vom Freitag zitiert.

«Heb sorg» richtet sich aber auch an die Lehrpersonen und an die Eltern. «Für Lehrpersonen gibt es alle drei Jahre einen Halbtages-Kurs», erklärt Obrist. Wer sich weiter vertiefen möchte, könne an den ensa-Kursen für psychische Erste-Hilfe teilnehmen – gratis. Elternabende zum Thema Depression würden jedes Jahr stattfinden.

veröffentlicht: 3. Juni 2022 19:49
aktualisiert: 3. Juni 2022 19:49
Quelle: ZüriToday

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