Theater

Schauspielhaus Zürich verliert sein Publikum – wegen Diversitätsfokus?

3. Oktober 2022, 17:04 Uhr
Das Zürcher Theater muss derzeit einige Abokündigungen verbuchen. Dabei setzt es gerade komplett auf Diversität. Oder genau deswegen? Ein langjähriger Besucher fühlt sich «verarscht», aber das Schauspielhaus dementiert.
Anzeige

Die Zahlen des Zürcher Schauspielhauses gehen erstmals seit vielen Jahren deutlich zurück. Auf die laufende Spielzeit hin wurden nur 72 Prozent der Abonnemente erneuert, wie die «NZZ» schreibt. Zwischen 2013 und 2019 sei die Quote konstant über 95 Prozent gelegen. Ein Vergleich zeigt: Andere Schweizer Städte zeigen keine solche Entwicklung. Das Berner Theater verbucht eine Erneuerungsquote von 91 Prozent und in Basel haben 96 Prozent der Zuschauerinnen und Zuschauer ihr Abo verlängert. Was läuft also beim Zürcher Theater falsch?

Diversitätsorientiert

«Beim Rückgang der Abo-Erneuerungen handelt es sich um einen Trend, der seit Jahren bei vielen Theaterhäusern wahrnehmbar ist – und den die Pandemie verstärkt hat», sagt Seta Thakur, Mediensprecherin des Schauspielhauses Zürich auf Anfrage von ZüriToday. Das Publikum schätze zunehmend Angebote mit mehr Flexibilität. Tickets würden oft am Tag der Vorstellung online oder an der Abendkasse gekauft.

Beim Pfauen zeigt sich auch ein weiterer Trend: Der Fokus auf Diversität. Auch eine «Agentin für Diversität» arbeitet seit einem halben Jahr im Pfauen. «Dem Schauspielhaus Zürich ist es ein Anliegen, die stetige Organisationsentwicklung bezüglich Personal, Programm und Publikum diversitätsorientiert zu gestalten», so Thakur. Diese Orientierung ziele darauf ab, durch die Förderung und Inklusion von Verschiedenheit auf allen Ebenen des Betriebs die Chancengleichheit für marginalisierte Menschen zu erhöhen, respektive zu sichern und Diskriminierung massgeblich und nachhaltig abzubauen.

Doch die Umstellung auf mehr Diversität kommt nicht überall gut an. «Stellen wir uns vor, das Kunsthaus kündigt eine Hodler-Ausstellung an. Die Leute sind neugierig, sie strömen hinein  – und dann sehen sie an den Wänden eine Schmiererei», sagt Jost Wirz zur «NZZ». Er ist einer der Abonnentinnen und Abonnenten, den das Schauspielhaus Zürich jetzt verloren hat. Dies nach 20 Jahren.

Pfauen dementiert Zusammenhang

«Der Applaus von Freunden und Kritikern ist ihnen offenbar wichtiger als die Zufriedenheit des Publikums», so Wirz weiter. Mit «ihnen» meint er Blomberg und Stemann, die beiden Leiter des Theaters. Er habe den Eindruck, dass Blomberg und Stemann die Menschen verachten, die ihre Vorstellungen besuchen. Ein klassisches Theaterstück werde unter den beiden Männern zur Unkenntlichkeit entstellt.

Doch das Schauspielhaus Zürich dementiert den Zusammenhang des Abo-Rücklaufs und der Ausrichtung auf Diversität: «Bislang wurde keine einzige Abo-Kündigung mit <zu viel Diversität> begründet», sagt Thakur.

Um wieder mehr Publikum für sich zu gewinnen, hält das Schauspielhaus Zürich Sonderveranstaltungen, ein neues Comedy-Format und entwickelt diverse Formate, «um unserem Publikum das vielfältige Programm näher zu bringen, Raum für Austausch zu eröffnen und Begegnungen zwischen Künstler und Künstlerinnen und Publikum zu ermöglichen». Dem Theater liege viel daran, seine treuen Abonnentinnen und Abonnenten anzusprechen und freu sich auch über Zuspruch von jüngerem Publikum.

(hap)

Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 4. Oktober 2022 16:48
aktualisiert: 4. Oktober 2022 16:48