Caliente 2022

«Samba lernen wir schon im Bauch von Mama»

Angela Rosser, 3. Juli 2022, 11:29 Uhr
Nach drei Jahren ist es wieder Zeit für die «Grande Fiesta», das Caliente ist zurück im Zürcher Kreis 4. Zum 25-jährigen Jubiläum strömen die Menschen zu Tausenden aufs Kasernenareal. Schon am ersten Wochenende können die Feierwütigen ihre Freude kaum in Worte fassen – aber sie versuchen es.
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Sehnsüchtig haben alle Mojito-Fans, Profi-Tänzer und Standbetreibende auf diesen Moment gewartet. Dieses Wochenende fand nach vier Jahren endlich wieder das «Caliente Festival» statt. Übrigens das grösste Latino-Festival in Europa. Wie es die Leute finden? «Einfach nur Supergeil» sagt Nathalie, die an einer der zahlreichen Bars arbeitet.

Über hundert Liter Schnaps

Die Powerfrau ist in Brasilien geboren und lebt eigentlich in Deutschland. Fürs Caliente kommt sie aber schon seit zehn Jahren immer wieder nach Zürich. Wie viele Liter Schnaps sie bereits am ersten Abend ausgeschenkt haben? Das weiss sie selber nicht. Aber an die hundert Liter müssten es schon gewesen sein, meint sie und lacht so herzlich, dass selbst der grösste Griesgram sich von ihrer Energie anstecken lassen würde.

«Nach oben sind keine Grenzen gesetzt», schreit die Vollblut-Brasilianerin über die Theke. Ihr Lieblingssong? DESPACITO – steht sogar auf ihrem T-Shirt. Das Tanzen ist eine ihrer grössten Leidenschaften. «Ich bin in Brasilien geboren und wir lernen das schon im Mama-Bauch.»

Caipi Deluxe am Caliente

Auch Sibylle führt eine Caipi-Bar. Das spezielle Angebot? «Wir haben Extra-Fuerte und XXL.» Was das heisst, erfahre ich kurz darauf gleich selber, als ich ein «Probiererli» in die Hand gedrückt bekomme. Mango-XXL. Merci.

Obwohl die Bar so ziemliche die kleinste ist, stehen hier die Leute an, als wäre Black-Friday in New York. Ihre Antwort: «Wir machen halt einfach die besten Caipis.» Viel Zeit hat die Chefin nicht, weil auch sie am rennen ist, damit alle Gäste glücklich sind. «Es ist herrlich, wieder diese Latino-Stimmung geniessen zu dürfen und mit den Leuten Party zu machen. Wir haben das Ganze unheimlich vermisst», sagt sie und strahlt bis über beide Ohren.

Bienli, Schnitte und anderer Wehwehchen

Eine grosse Menschenmenge birgt auch immer ein gewisses Risiko. Schutz und Rettung ist mit zwei Posten vor Ort und ready, für alle Arten von gesundheitlichen Beschwerden. Wie Teamleiter Martin Wicki berichtet, sind bei ihm am Posten, er eingeschlossen, sechs Personen beschäftigt.

Am Freitag hätten sie sechs Mal ausrücken müssen. Einer der Hauptgründe, warum sein Team zum Einsatz kommt, sei schon der übermässige Konsum von Alkohol. «Zu Beginn des Festivals sind es oft kleine Schnittverletzungen, allergische Reaktionen auf Bienenstiche, das sind so die Klassiker, wenn im Sommer viele Menschen zusammenkommen», führt Wicki weiter aus.

Er ist seit 2009 bei Schutz und Rettung Zürich und auch bei den meisten Grossanlässen an vorderster Front mit dabei. Für den erfahrenen Rettungssanitäter sind diese Events eine willkommene Abwechslung zu seinem sonstigen Berufsalltag. In dem Zelt neben der mobilen Einsatzzentrale sind schon die Liegen für eventuelle Patientinnen und Patienten aufgebaut und die Erste-Hilfe-Utensilien stehen bereit.

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Tanzkurse und ziemlich saubere WC-Anlagen

Für Selina aus dem Aargau ist es das erste Mal am Caliente und etwas ganz Spezielles. Sie ist mit ihrem Freund Benjamin hier. Was genau sie hier erwartet, weiss sie noch nicht genau. Das Essen und die Getränke sind ihrer Meinung nach zumindest schon mal top. Ab nächster Woche wird das junge Paar gemeinsam einen Tanzkurs besuchen, damit es im nächsten Jahr tanzend zwischen den Ständen hindurch schweben kann.

Quelle: ZüriToday

Mit Schwung ins Eheleben

Was erstaunt: Auch am zweiten Caliente-Tag sehen die Toi-Tois, verglichen mit anderen Riesen-Events, sehr passabel aus. Auf dem Weg zu den Toiletten treffe ich Tamara und ihre Girls. Die acht Ladies haben etwas ganz Spezielles zu feiern.

Die 28-Jährige wird am 9. September 2022 ihren Freund nach acht Jahren Beziehung heiraten. Ihre Trauzeugin Jessy hat den Abend für sie geplant. «Ich bin Spanierin, deswegen ist das die perfekte Location für meine Jungesellinnen-Party», sagt sie. Und was macht ihr Zukünftiger? «Ich glaube, der ist mit seinen Kumpels zu Hause. Die grillieren», sagt die Frau im weissen Kleid und pinkem Schleier. Der Rest der Truppe lacht etwas schadenfroh, wohlwissend, dass ihr Abend ziemlich sicher lustiger ist, als derjenige der Jungs.

Neues Konzept wegen Corona

Alles in allem ist das Caliente fast schon ein bisschen kitschig. Alle haben sich lieb, alle tanzen zusammen, feiern, schwatzen und an den Bars werden höflich Drinks bestellt. Der Grund, warum das Caliente sich nicht wie üblich über den halben Chreis Cheib verteilt, ist simpel.

Jessy vom Organisationskomitee erklärt, warum man dieses Jahr nur auf dem Karsenenareal feiert und warum man sich Tickets sichern musste: «Um einen Event durchzuführen, braucht es eine Bewilligung. Um diese zu bekommen, mussten wir fürs Caliente ein Konzept vorlegen und zwar eines, das mit den damals vorgeschriebene Corona-Massnahmen umsetzbar gewesen wäre», sagt sie. Wie auch für Restaurants und Bars musste man also gewährleisten können, dass man eine gewisse Personenanzahl einhält und dass die Besucherinnen und Besucher über ein gültiges Covid-Zertifikat verfügen. Die Massnahmen sind zwar passé, innert so kurzer Zeit aber wieder ein neues Konzept durchzubringen, ist schlichtweg unmöglich.

«Das isch doch eifach birreweich»

Den meisten Besucherinnen und Besuchern ist das aber eigentlich ziemlich egal. Ausser denen, die mit traurigen Augen vor den Eingängen stehen und leider kein Ticket mehr ergattern konnten. René aus St. Gallen findet deutliche Wort für die limitierte Durchführung: «Schon lässig, aber total <birreweich>, dass es so klein gehalten wird.» Er ist ein Fan des Caliente und reist dafür auch mit dem Zug an. Wer sich den ein oder anderen Caipi gönnt, sollte ja auch nicht fahren. Ausserdem findet er Autofahren in Zürich ebenso «birreweich».

Jessy vom OK findet die Durchführung in diesem Rahmen aber überhaupt nicht schlimm. Früher sei es doch schon öfters ein Problem gewesen, wenn sich die Gäste des Caliente mit den Menschen aus dem Millieu des Kreis 4 vermischt haben. Mit der Notwendigkeit eines Ticketkaufs kämen wirklich die Menschen, die das Festival feiern und unbedingt her kommen wollen. Die Altersgrenze wurde ebenfalls angehoben. Am Abend ist der Eintritt erst ab 18 Jahren gestattet.

Wie Giuliano von einer der Bars meint, kommt ihm diese Regelung sogar entgegen: «Mein Barpersonal muss nicht jede zweite Person nach dem Ausweis fragen. Das ermöglicht uns einen reibungsloseren Ablauf», erklärt der Barkeeper. Familien mit Kindern sind über den Tag aber selbstverständlich mehr als willkommen, fügt der Mitorganisator an.

Quelle: ZüriToday

Früchte mit Gewicht eines Fiat Punto

Neben Caipirinhas und Fackelspiessen gibt es aber noch vieles mehr. Zum Beispiel die Bowle-Bar von Baris Maraz. Er kommt aus Berlin und verwöhnt seine Gäste an Festivals mit vielen verschiedenen Variationen von Bowlen. Auch mit alkoholfreien. Seit 2013 ist er auch immer am Caliente und schenkt Rotwein mit Erdbeeren oder Wodka-Orange mit exotischem Gewächs oder Weisswein mit süssen und sauren Früchtchen aus.

Damit die Drinks nicht verwässern, nutzt er gefrorenen Wein und gefrorene Softgetränke für seine Kreationen. Während zwei Tagen schnetzeln er und sein Team für die zwei Bars rund eine Tonne Früchte. Das ist so etwa das, was ein Fiat Punto auf die Waage bringt. Geht man zum Beispiel nur von Erdbeeren aus, wären das um die 84'000 Beeren oder fast 3000 Mangos.

Tanzen statt pöbeln

Kaum war das Areal geöffnet, strömten die Menschen in Scharen herbei. Jeder Platz wird zum Tanzen genutzt. Sei es die Wiese vor der grossen Bühne, wo Beat Schaub alias DJ Papi Electric den Menschen über den ganzen Abend mächtig was auf die Ohren gibt oder auf den Wegen zwischen den Foodständen. Die Stimmung ist ausgelassen - und tritt man sich versehentlich auf die Füsse, wird nur gelacht und vielleicht sogar noch miteinander getanzt.

Quelle: Angela Rosser

Dass es Platz für jeden hat, beweist zum Beispiel auch Marco von Flying Barista, der im Sons-of-Anarchy-T-Shirt Drinks für die Latin-Fans mixt. Er bezeichnet sich als Caliente-Urgewächs. Schliesslich ist er auch schon seit mehr als 8 Jahren mit dabei. «Die letzten Jahre waren schlimm, gewisse Betriebe haben überlebt und andere nicht, das tut weh», erzählt er.

Für den ehemaligen Musikstudenten steht ganz klar der Sound im Vordergrund. Das ist es, was ihn mit diesem Event und der Kultur verbindet. «Salsa tanzen kann ich zwar nicht, aber spielen, das würde ich hinbekommen», erzählt der Gastronom. «Die Menschen sind toll», sagt er. «Das ist halt das Latino-Feeling. Fröhlich, unbeschwert, es ist wirklich wunderschön!» Und damit endet auch für uns der Caliente-Samstag.

Zweite Chance am nächsten Wochenende

Wer jetzt Lust auf Fackelspiesse, Getrommel, lachende Gesichter, bunte Kleider und jede Menge Caipirinhas hat, darf sich glücklich schätzen. Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums findet das Caliente sogar an zwei Wochenenden statt.

Das nächste Mal Füdli-Schwingen kannst du am Freitag, 8. Juli oder am Samstag, 9. Juli. Tickets gibts im Vorverkauf und wie dieses Wochenende gezeigt hat, lohnt es sich. In diesem Sinne, Cheers und «Rompa de la Fiesta».

Quelle: TeleZüri / Sendung vom 2. Juli 2022

Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 3. Juli 2022 08:25
aktualisiert: 3. Juli 2022 11:29