Pistolenschuss ins Bein

«Hätten Zürcher Polizisten Taser gehabt, wäre es nicht zum Schuss gekommen»

Maarit Hapuoja, 20. Juli 2022, 08:31 Uhr
Samstag, Brahmstrasse Zürich, Kreis 3: Ein Mann will sich mit einem Fleischermesser selbst verletzen. Die Polizei setzt Pfefferspray ein, dies nützt nichts, so schiesst einer der Polizisten dem Mann ins Bein. War das richtig? Weshalb waren keine Taser im Einsatz? Ein Experte schätzt ein.

Quelle: Beitrag der CH Media Video Unit vom 16. Juli 2022

Ein 60-jähriger Mann wollte sich am Samstag im Zürcher Kreis 3 etwas antun. Die Polizei wurde benachrichtigt und bei deren Eintreffen zückte der Mann ein grosses Fleischermesser. Die Polizisten versuchten mit Pfefferspray zu intervenieren, blieben aber erfolglos. Mit dem Fleischermesser verletzte sich der 60-Jährige anschliessend selbst. Daraufhin schoss ein Polizist dem Mann ins Bein.

Taser an der Front: Ein Muss

«Ich gehe davon aus, dass der Polizist in diesem Fall absolut richtig gehandelt hat», sagt der ehemalige Basler Kriminalkommissar Markus Melzl. «Wenn der Pfefferspray nichts genützt hat, dann wäre der weitere Schritt – ohne Gebrauch von der Schusswaffe zu machen – gewesen, dass man in einer Nahkampftechnik auf diese Person zugeht.» Dies sei aber viel zu gefährlich für eine Selbstverletzung.

Taser hatte die Polizeipatrouille keine dabei. Wie die «NZZ» berichtet, sind bei der Stadtpolizei Zürich nur 24 solcher Elektro-Schock-Waffen im Einsatz. Nur die Interventionseinheit (eine speziell ausgebildete Sondereinheit) sei damit ausgerüstet. «Es wäre ganz wichtig, dass man als Polizistin oder Polizist bei einem Fronteinsatz einen Taser dabei hat», so Melzl.

Teil der Standardausrüstung

Laut Markus Melzl sollten Taser zur Standardausrüstung gehören. Man sehe dies im Ausland, aber auch in anderen Kantonen – ein Beispiel ist im Tweet angefügt. «Wenn bei einem Einsatz reden nicht hilft, dann versucht man es mit Festhaltegriffen, danach mit Pfefferspray und schliesslich mit einem Taser. Erst danach würde es zum Griff zur Schusswaffe kommen.»

«Taser gehören in der heutigen Zeit dazu. Sollte es aus finanziellen Mitteln nicht für alle Polizisten reichen, sollte zumindest jedes Patrouillenfahrzeug damit ausgerüstet sein», so der Ex-Kommissar.

Der schlechte Ruf der Taser

Was wäre passiert, wenn die Polizisten am Samstag mit Tasern ausgestattet gewesen wären? «Ganz sicher hätte man die Person nicht angeschossen, sondern getasert. Das wäre viel effektiver gewesen und der Mann wäre nicht verletzt worden», sagt Melzl. Genau dieser Fall zeige, dass der Tasereinsatz absolut gerechtfertigt gewesen wäre.

Dann stellt sich doch eigentlich nur noch die Frage, weshalb die Stadtpolizei Zürich mit so wenig Tasern ausgerüstet ist. Doch Melzl sieht eine Erklärung: «Den Taser hat man vor vielen Jahren ein bisschen schlecht gemacht. Leute haben geglaubt, die Polizei würde mit der Einführung dieser Geräte wild drauflos tasern.» Es sei jedoch nur eine Frage der Ausbildung und des korrekten Einsatzes. «Betrachtet man die letzten Tasereinsätze in Medienberichten, so sind diese absolut korrekt erfolgt», so der Experte.

Die Situation in den Behörden

Im städtischen Sicherheitsdepartement ist laut «NZZ» die Aufrüstung mit Tasern momentan kein Thema. Trotzdem werde der Einsatz von Tasern bei Patrouillen, die Erst-Interventionen vornehmen müssten, diskutiert, sagt Mediensprecherin Judith Hödl zur genannten Zeitung. Sobald Fakten zusammengetragen sind und eine Auslegeordnung erfolgt ist, «werden wir das Ergebnis und unsere Erkenntnisse zuerst mit unserer politischen Vorgesetzten besprechen», so Hödl.

Auf Kantonsebene ist man weiter. Die Kantonspolizei verkündete letztes Jahr, dass Einsatzkräfte mit bis zu 191 neuen Tasern ausgerüstet werden. Dies, um besonders gefährliche Situationen rasch und verhältnismässig unter Kontrolle zu bringen.

Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 20. Juli 2022 08:26
aktualisiert: 20. Juli 2022 08:31
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