Toiletten-Debatte

Die WC-Situation in Zürich zeigt, dass Städteplanung lange Männersache war

Simone Brändlin, 31. August 2022, 13:15 Uhr
Der Zürcher Stadtrat soll ein Postulat prüfen, ob Gastronomiebetriebe ihre WC gratis und demnach auch ohne Komsumation zugänglich machen sollen. Dieser Vorschlag kommt vor allem Frauen zugute, die bei öffentlichen WCs meist den Kürzeren ziehen. In vielerlei Hinsicht. Dazu ein Kommentar.

Die Zürcher Grünen-Gemeinderätin Anna-Béatrice Schmaltz und Grünen-Gemeinderat Urs Riklin fordern ein Pilotprojekt, in dem Toiletten in Gastronomiebetrieben und Geschäften kostenlos und ohne Konsumationspflicht genutzt werden können. Damit soll ein zusätzliches Angebot zu den bestehenden öffentlichen Züri-WCs entstehen. Die beiden argumentieren darin, dass der Zugang zu einer Toilette ein Grundbedürfnis sei. Der Stadtrat soll nun den Vorschlag prüfen. So weit, so gut also.

Ist es eigentlich Absicht, dass die WCs so abgelegen liegen?

Vor allem für Frauen kann dieses Postulat von Vorteil sein. Ist doch der Gang auf eine öffentliche Toilette meistens kein Spass. Ich fühle mich auf öffentlichen Toiletten immer unwohl und unsicher, weil es kein geschützter Raum ist. Im Gegenteil: Sie sind dauernd besetzt, dreckig, stinken und dann auch noch an so dunklen, uneinsichtigen Orten gelegen, dass schon allein der Weg dahin furchteinflössend sein kann.

In diesen Momenten wäge ich sehr oft ab, wie dringend ich jetzt wirklich aufs WC muss oder ob ich es noch bis nach Hause oder zum nächsten Resti verheben kann. Ich frage mich oft, ob es eigentlich Absicht ist, dass öffentliche Toiletten oft an winkligen, abschätzigen, schwer einsehbaren Orten liegen. Daran sieht frau, dass Städteplanung lange in Männerhand war.

Natürlich gibt es in der Stadt zugängliche Toiletten – keine Frage – aber ehrlich, wer will in Altstetten schon auf ein öffentliches WC gehen? Dazu kommt, dass öffentliche Toiletten so gut wie nie WC-Papier vorrätig haben und dazu oft auch noch Kleingeld vonnöten ist, um sich Eintritt in das beschauliche WC-Paradies verschaffen zu können.

Ein Segen wäre es doch, in einen hellbeleuchteten, besuchten und betreuten Ort auf die Toilette gehen zu können. Sich jederzeit sicher und wohl fühlen zu können. Keinen Beklemmungen und Ängsten ausgesetzt zu sein, während man untenrum frei auf der Toilette sitzt

Logisch, ist die Gastro genervt

Allerdings verstehe ich auch, warum Restaurant- und Beizeninhaberinnen und -inhaber von diesem Vorschlag erstmal weniger begeistert sein werden. Natürlich herrscht so ein reger Durchgangsbetrieb und die «nur» Toilettengängerinnen können dem Personal im Weg stehen.

Dafür habe ich knapp zehn Jahre in der Gastro gearbeitet, um zu wissen, dass nichts mehr nervt, als Leute, die dir im grössten Stress im Weg stehen. Und wenn sie dann noch nicht mal etwas essen oder trinken, ist das Nervpotential gleich um ein vielfaches höher.

Und wir wissen auch, dass vor allem Frauen in Bezug auf öffentliche Toiletten im Verhältnis zu steigendem Alkoholkonsum die eigene Reinlichkeit nicht immer so ernst nehmen. Die Kosten für die Reinigung würden demnach steigen, was die Gastronominnen und Gastronomen aus eigener Tasche zahlen müssen.

131 öffentliche WCs für über 200'000 Frauen

Dennoch wiegt für mich der Vorteil als Frau auf eine sichere Toilette gehen zu können und mich dabei wohl zu fühlen, deutlich schwerer. Dazu kommt, dass es lediglich 111 feste öffentliche WC-Anlagen gibt und 20 temporäre saisonale mobile Toiletten in der Stadt Zürich. Die Option, jederzeit kostenlos auf ein WC in einem Restaurant oder einer Bar ausweichen zu können, erweitert das Angebot ungemein und verschafft mir als Frau die Möglichkeit, mit gutem Gewissen aufs Klo gehen zu können.

Wie siehst du das? Fühlst du dich auf öffentlichen Toiletten sicher oder soll die Zürcher Gastronomie die Toiletten für alle kostenlos zugänglich machen? 

Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 31. August 2022 13:09
aktualisiert: 31. August 2022 13:15
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