Papierwerd-Areal beim HB

Das Globus-Provisorium, das nicht provisorisch blieb

13. April 2022, 07:33 Uhr
Ein Hochhaus, ein Kongresszentrum oder ein Park. Für das Papierwerd-Areal direkt beim Zürcher HB wurden schon fantasievolle Pläne geschmiedet – keine davon wurde umgesetzt. Nun startet ein neues Kapitel in der Geschichte des Areals. Ein Drama in fünf Akten.

1. Die Entstehung des Provisoriums

Am Anfang stehen die Papiermühlen. Über Jahrhunderte befinden sich davon zahlreiche auf der kleinen Flussinsel beim Hauptbahnhof – daher also der heutige Name des Areals. Auf die Mühlen folgt 1882 das erste Globus-Warenhaus «Bazar ohne Grenzen». Dieses Warenhaus will Globus Jahre später umbauen, ein komplett neues Einkaufsparadies soll entstehen. Doch aus den Plänen wird nichts: Nach zähen Verhandlungen mit der Stadt wird Globus aufs Linthescher-Grundstück abgeschoben, den heutigen Globus-Standort beim Löwenplatz. Bis der Neubau beim Löwenplatz fertiggestellt ist, darf Globus allerdings doch noch etwas Neues errichten auf der umstrittenen kleinen Limmat-Insel. 1960 wird ein Provisorium gebaut, in das Globus bis zur Fertigstellung des Warenhauses beim Löwenplatz einzieht. Mit dem Wegzug sieben Jahre später sollte dieses Provisorium wieder abgerissen werden. Sollte.

2. Schauplatz der «Globuskrawalle»

Ende der 60er Jahre steht das Provisorium leer. Die Jugend wittert ihre Chance und plant, in dem Gebäude ein autonomes Jugendzentrum zu errichten. Im Juni 1968 findet im Globus-Provisorium eine erste Vollversammlung statt, eine symbolische Besetzung des Gebäudes. Die Jugendlichen fordern den Stadtrat auf, noch in diesem Sommer eine eigene Räumlichkeit für sie zu schaffen. Die Stadtregierung entscheidet, nicht auf die Forderung einzugehen. Die Reaktion der Jugendlichen auf diesen Entscheid geht als «Globuskrawalle» in die Geschichte ein. In der Nacht des 29. Juni 1968 demonstrieren tausende Jugendliche beim Provisorium gegen die Ablehnung der Stadtregierung. Die Polizei greift rigoros durch – die Situation eskaliert. Die Kämpfe zwischen Demonstrierenden und Polizei ziehen sich bis in die Morgenstunden. 19 Demonstranten und 15 Polizisten werden verletzt. Fast 170 Personen werden festgenommen.

3. Coop zieht ein

Nach den Krawallen geht ein Teil des Globus-Provisoriums an die Stadtpolizei. Zur gleichen Zeit zieht der Lebensmittelverein Zürich – der heutige Coop – ein. Später nutzt der Lebensmittelverein das gesamte Gebäude. Und bleibt. Noch heute ist die Filiale auf dem Papierwerd-Areal eine der meistfrequentierten Coop-Filialen überhaupt. 2009 renoviert der Detailhändler das Gebäude. Der Mietvertrag mit der Stadt wird erst bis 2019, dann bis mindestens 2024 verlängert.

Die heutige Sicht aufs Papierwerd-Areal

© Amt für Städtebau Zürich

4. Der Gemeinderat will nicht

Eine Findungsphase beginnt. Der Landesring will in den 90er-Jahren ein 100-Meter-Hochhaus bauen, die SP ein Rathaus, Ideen für Kongresszentren oder einer Erweiterung des Landesmuseums kommen auf. 2018 stellt der Stadtrat schliesslich seine Vision für das Papierwerd-Areal vor: Ein parkähnlicher Freiraum samt Pavillon soll gebaut werden. Kostenpunkt: 4,1 Millionen Franken. Baustart: 2022. Doch der Gemeinderat will nicht. Das Stadtparlament versenkt den Plan des Stadtrats für die Papierwerd-Insel. Alle Parteien sind dagegen – alle sehen in dem Areal zu viel Potenzial, um «nur» Freiraum darauf zu schaffen. Der Stadtrat kriegt ein Jahr Zeit, um eine neue Idee auszuarbeiten.

So hätte der vom Stadtrat geplante Park beim Papierwerd-Areal aussehen sollen.

© nightnurse images

5. Das «Dialogverfahren»

Diese neue Idee des Stadtrats ist es nun, die Ideen anderer zu sammeln. 55 Fachpersonen aus verschiedenen Disziplinen, Vertretungen von Politik, Vereinen und Organisationen sowie Bewohnerinnen und Bewohner sollen im «Forum Papierwerd» die Grundlage für die Zukunft des Papierwerd-Areals schaffen. Am Montag fand die Startveranstaltung statt. Geplant sind zwei Workshops, an welchen vorhandene Ideen und mögliche Szenarien zusammengetragen werden. Die Ergebnisse des Forums werden in einem Bericht dokumentiert. Anhand dieses Berichts will der Stadtrat dann in den kommenden Jahren entscheiden, was nun tatsächlich auf der geschichtsträchtigen Insel am Hauptbahnhof entstehen soll.

Was soll deiner Meinung auf der Papierwerdinsel gebaut werden? Schreib uns deine Idee:

Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 13. April 2022 07:33
aktualisiert: 13. April 2022 07:33
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