Tschau Primitivo

Oberer Letten: Neue Gastro-Betreiber wollen «Vibe» und «Seele» bewahren

Angela Rosser, 26. September 2022, 12:55 Uhr
Nach 17 Jahren ist Schluss mit dem Primitivo und auch mit dem liebgewonnen «Sonnendeck» am Oberen Letten in Zürich. Markus Duner, Mitinhaber der Letten GmbH, ist enttäuscht, während sich die Neuen am Letten auf die Zukunft freuen.
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Es war ein nervenaufreibender Sommer für Markus Duner, sein Team und die ganze «Primitivo»-Community. Nach 17 Jahren schrieb die Stadt Zürich die Bewirtung der Freiluft-Gastronomie am Oberen Letten zum ersten Mal wieder aus.

Beworben haben sich die langjährigen Betreiber zwar, den Zuschlag erhalten hat aber jemand anderes. Neu werden die Badi-Besucherinnen und Badi-Besucher im «Gump» verköstigt, wie auch ZüriToday bereits berichtete.

Verständnis und Bedauern

Für Duner ein bedauernswerter Umstand. «Wir verstehen, dass das halt die Auflagen der Stadt sind, aber natürlich bedauern wir es sehr, dass wir dort nicht mehr wirten dürfen», sagt Duner. Er selber ist seit 2006 Mitinhaber der Letten GmbH und Geschäftsführer des «Primitivo». Ihm stelle sich auch die Frage, ob die neue Mieterschaft die richtigen seien für diesen Ort.

Das Credo in den letzten 17 Jahren war immer, leben und leben lassen. «Wir haben uns schon immer sehr für Diversität eingesetzt», erzählt Duner. Habe sich mal eine Gruppe zu breit gemacht oder zu gross aufgespielt, habe man das nicht goutiert und den Dialog gesucht.

Hoffen auf sensible Nachfolger

Er hofft, dass sich auch die grossen Player dem sensiblen Gefüge am Letten bewusst sind. «Der Ort muss ja nicht unbedingt noch bevölkerter werden. Das hat auch mit dem Naturschutz und den dort lebenden Tieren zu tun», sagt Duner.

Den Zuschlag erhalten hat Maag Music & Arts. Dort freut man sich sichtlich und schaut der Zukunft positiv entgegen. Man sehe sich auch nicht als Grossunternehmen, sondern eher als agiles und tatkräftiges KMU an der Schnittstelle zwischen Kultur und Gastronomie.

Achtung vor dem Letten-Vermächtnis habe man aber durchaus. «Wir haben grossen Respekt vor dem, was die Betreiber mit dem Primitivo in all den Jahren aufgebaut haben und ziehen voller Achtung den Hut. Da haben Markus Duner und sein Team einen richtig guten Job gemacht mit viel Detailliebe und Herz», sagt Darko Soolfrank, Mitbegründer von Maag Music & Arts, auf Anfrage.

Früheres neu interpretiert

Mit der Küche verschwindet auch das Sonnendeck, das unter der Leitung von Oliver Saiger seit 2015 ständig weiterentwickelt wurde und sich riesiger Beliebtheit erfreute.

Das Sonnendeck wird in ähnlicher Form weiterbetrieben, lässt Soolfrank verlauten. Es sei eine Bar in Planung und Möglichkeiten zum gemütlichen Chillen sollen auch geboten werden.

«Vibe» und «Seele» sollen bleiben

Markus Duner sagt, «Wir haben immer versucht, uns mit einzubringen – sei es mit dem Depotkonzept, Mehrwegbechern oder der engen Zusammenarbeit mit dem ERZ (Entsorgung + Recycling Zürich). Wir hätten gerne weitergemacht und den Ort weiter kuratiert und gepflegt», erzählt Duner am Telefon. Er ist überzeugt, dass sie eine gute Bewerbung eingereicht haben. «Gereicht hats leider nicht», so der Gastronom.

Dass die Abfall- und Nachhaltigkeits-Thematik einen wichtigen Platz haben muss, ist den Neuen auf dem Platz bewusst. «Den «Vibe» und die «Seele» wollen wir sicher weiterleben lassen und auch auf das Abfallkonzept legen wir natürlich ein grosses Augenmerk. Das muss für einen Betrieb in der heutigen Zeit eine Selbstverständlichkeit sein», führt Soolfrank aus.

Akzente setzen, statt Stempel aufdrücken

Besonders bitter sei es für die Crew, weil man den Ort so geschätzt habe. «Wir haben immer versucht, den Oberen Letten so zu bewahren, wie er ist. Wir waren einfach da und haben versucht mit Veranstaltungen und so weiter, Akzente zu setzen und nicht uns in den Vordergrund zu drängen», erklärt Duner.

Ein radikaler Kahlschlag ist nicht im Sinne der neuen Betreiber: «Es ist eine Seele spürbar. Dies kann man nicht besser machen. Dies muss gleich weitergeführt werden», erzählt Soolfrank.

Ende einer Ära und neue Persepektiven

Für Duner aber ist klar, man müsse sich jetzt neu orientieren. So auch die Angestellten, die Jahr für Jahr ihren Beitrag am Fluss geleistet haben. Einige von ihnen arbeiten seit 15 Jahren im «Primitivo». Man versuche zusammen mit der Buonvicini AG, die beim Letten beteiligt ist und zu der das «Italia» oder das «Tschingg» gehören, eine gute Lösung zu finden. Duner und sein Team hoffen, dass man alle Mitarbeitenden gut unterbringen kann.

Soolfrank und sein Team teilen mit, dass ein Treffen mit den jetzt ehemaligen Betreibenden stattgefunden hat und auch ein Angebot im Raum stehe: «Wir werden von unserer Seite her anbieten, dass die Mitarbeitenden sehr willkommen sind und sich bei uns bewerben können», so Soolfrank.

Zeitplan der Stadt nicht optimal

Was den ehemaligen Betreibern auch jetzt noch bitter im Magen liegt, ist, dass man sie nach der erfolgreich absolvierten ersten Runde lange im Ungewissen liess, wie es denn weitergehe. Sie seien dadurch einer unbeschwerten letzten Saison beraubt worden.

Im Mai gab die Stadt bekannt, dass die Gastronomie am Oberen Letten ausgeschrieben werde. Bis zum 8. Juli konnten die Bewerbungen eingereicht werden, was nicht gerade viel Zeit ist, findet Duner. Der ersten Entscheidungsrunde mochte die Bewerbung noch standhalten, im Schlussspurt musste man sich aber geschlagen geben.

Zeitungskommentare und Reaktionen auf Social Media lassen darauf schliessen, dass es nicht alle Leser goutieren, dass die Stadt bei so wichtigen Ausschreibungen nicht in die Karten blicken lässt und über die Auswahlkriterien keinerlei Korrespondenz führen will.

Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 26. September 2022 12:55
aktualisiert: 26. September 2022 12:55