Trans Frau im Interview

«Man kann noch lange nicht von Gleichberechtigung sprechen»

Laura Dünser, 14. Juni 2022, 08:30 Uhr
Mia Willener war früher Marco Willener. Dabei war Mia schon immer ein Teil von ihr, sagt sie rückblickend. Sie fühlt sich als trans Frau in der Gesellschaft wohl. Bis die Gleichbehandlung aller Geschlechte erreicht sei, müsse aber noch viel passieren.
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Mia, die diesjährige Pride steht unter dem Motto «trans– Vielfalt leben». Was bedeutet das für dich?
Für mich geht es darum, an der Pride unsere Verschiedenheit zu feiern. Dabei geht es nicht einmal nur um trans Menschen. Wir alle sind anders – auch unabhängig von unserem Geschlecht oder unserer Sexualität. Das darf man auch einmal feiern!

Gibt es auch politische oder gesellschaftliche Errungenschaften zu feiern?
Klar. Seit dem ersten Januar können trans Menschen in der Schweiz ihr Geschlecht und ihren Vornamen schneller und einfacher ändern. Das ist ein Meilenstein und entsprechend auch ein Grund zum Feiern.

Du lebst seit 2012 als Mia. Wie waren damals die Reaktionen aus deinem Umfeld?
Mein Umfeld hat eigentlich wenig spektakulär reagiert. Bei der Arbeit sagte ich jeder Person meiner Abteilung persönlich, dass ich von nun an Mia und nicht mehr Marco genannt werden möchte. Die Geschäftsleitung hat das anschliessend auch so an die anderen Teams weitergeleitet. So viel ich weiss, gab es da auch nie Fragen dazu. Das war dann vom einen auf den anderen Tag einfach so – ansonsten hat sich nichts verändert. In meiner Familie war es ähnlich.

Gerade bei der Arbeit erleben trans Menschen oft mehr Abneigung...
Es gibt tatsächlich trans Menschen, die beispielsweise im Verkauf arbeiten und nach ihrer Transition ins Lager verbannt werden, weg von den Kundinnen und Kunden. Es kommt auch oft vor, dass trans Menschen auf einmal grundlos ihren Job verlieren. Diese Szenarien sind leider nach wie vor Realität.

Glaubst du, die Akzeptanz in der Gesellschaft hat seit deinem Outing zugenommen?
Ich glaube, die Gesellschaft hat mittlerweile ein gewisses Grundverständnis. Die trans Community hat in den letzten Jahren ein grosses mediales Interesse verspürt und durch die Berichterstattung ist das Thema auch in einem Grossteil der Bevölkerung angekommen. Auch in der Politik und bei den Behörden – das braucht aber mehr Zeit. Dementsprechend kann man auch noch lange nicht von Gleichberechtigung sprechen. In der Gesellschaft glaube ich aber, dass wir schon wieder bei neuen Themen angekommen sind.

Wo fehlt die Gleichberechtigung denn noch?
Beispielsweise bei offiziellen Dokumenten. Im Gesundheitssystem bilden diese etwa eine zusätzliche Hürde. Oft muss man da einen amtlichen Namen angeben, der vielleicht nicht mit dem tatsächlich verwendeten Namen von trans Menschen übereinstimmt. Ausserdem sind trans Menschen nicht ausreichend gegen Diskriminierung geschützt. Seit 2020 können schwulenfeindliche Handlungen und Äusserungen strafrechtliche Folgen haben. Transfeindliche Äusserungen und Handlungen sind dabei ausgeschlossen. Da gibt es also noch viel zu tun. Es braucht noch viele politische Diskussionen und sicher noch 20 bis 30 Jahre Zeit, bis wir von Gleichstellung sprechen können.

Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 14. Juni 2022 08:17
aktualisiert: 14. Juni 2022 08:30