Schreinerin aus Leidenschaft

Lisa Lutz restauriert Möbel im alten SBB-Schalter in Herrliberg-Feldmeilen

Angela Rosser, 4. Oktober 2022, 09:10 Uhr
Lisa Lutz ist Schreinerin und Restaurateurin. Seit kurzem hat ihre Schreinerei einen neuen Standort: Der ehemalige SBB-Schalter im Bahnhof Herrliberg-Feldmeilen. Wo früher Billette ausgestellt wurden, wird heute gehämmert, gebohrt und gesägt.
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In Deutschland absolvierte Lisa Lutz eine Ausbildung zur Erzieherin, obschon es schon immer ihr Traum gewesen war, das Schreinerhandwerk zu erlernen. Warum sie den Beruf in einem zweiten Anlauf erlernt hat und was es mit ihrer Werkstatt in dem alten SBB-Schaltergebäude in Feldmeilen am Zürichsee auf sich hat, erzählt sie im Interview.

Warum wars am Ende doch der Schreinerberuf für dich und warum nicht gleich auf den ersten Streich?

Lisa Lutz: Ich wollte schon als junges Mädchen Schreinerin werden. Mein Vater sagte mir damals aber, dass man dafür gut in Mathe sein müsse und da dachte ich, «Nein, bin ich definitiv nicht.» (lacht). Mit 20 dachte ich mir dann aber trotzdem, «Doch, das machst du jetzt». Und habe dann im Zürcher Niederdorf eine Lehrstelle gefunden.

Wieso denn überhaupt Zürich?

Ich hatte mich in einen Schweizer verliebt und nach zwei Jahren Fernbeziehung bin ich zu ihm nach Zürich gezogen.

War die eigene Werkstatt schon immer ein Traum?

Ja, war es. Ich habe es mir aber lange nicht zugetraut und dachte, es brauche immens viel, um das zu stemmen. Wie kommt man an Kundschaft, wie macht man sich einen Namen, all sowas halt. Am Ende wars dann aber gar nicht so schwierig, wie anfangs gedacht.

War Feldmeilen schon immer der favorisierte Standort?

Wir wohnen hier und ich war schon vorher drei Jahre mit einer Werkstatt hier. Das Gebäude wurde aber abgerissen, daher musste ich raus. Das war am Anfang sehr schade. Im August bin ich dann in die alte SBB-Schalterhalle gezogen. Hier ist es superschön.

Eine Schreinerei in der Stadt hättest du dir nicht vorstellen können?

Doch auch, aber ich habe drei Kinder, daher wäre das nicht so praktisch. Ich bin auch viel flexibler, wenn zum Beispiel eine Kundin oder ein Kunde am Abend oder sonntags einen Termin ausmachen möchte.

Was fasziniert dich am Material Holz und dem Beruf?

Dass ich immer am Abend sehe, was ich gemacht habe. Es ist etwas, das bleibt und nicht einfach vergeht.

Ein ehemaliges SBB-Schalter-Häuschen ist schon etwas Spezielles, ist dir das wichtig?

Ja, dass etwas eine Geschichte hat, ist mir schon wichtig. Das kommt aber irgendwie auch zu mir. Das war mit der vorherigen Werkstatt auch so.

Seit wann werden hier denn schon keine Billette mehr verkauft?

Vor vier Jahren wurde der Schalter geschlossen und stand seither leer. Das Inserat habe ich im Internet gesehen, mich gemeldet und war dann eine der Ersten. Die Inserierenden hatten zwei Sachen im Sinn: Entweder jemand Handwerkliches oder etwas Ehrenamtliches, Nachhaltiges sollte da rein. Sowas vielleicht wie ein Repair-Café. Das ist etwas, was ich ja auch abdecke und mir sehr wichtig ist.

Die Nachhaltigkeit meinst du?

Ja, genau. Der Gedanke der Nachhaltigkeit und des Erhaltens ist für mich total wichtig. Dass ein Stuhl nicht weggeschmissen wird, das bereitet mir Freude. Oder dass ein Tisch nachher wieder schön ist und meine Kundinnen und Kunden daran wieder Freude haben und nicht zu Ikea rennen müssen, um sich einen neuen zu holen.

Wie hast du dich jetzt eingerichtet?

Es sind drei Räumlichkeiten. Vorne beim Eingang, wo sich früher die Wartenden aufgehalten haben, um sich ein Billett zu kaufen, betreibe ich einen kleinen Laden. Dort können Kundinnen Kunden besondere Möbelstücke erwerben. Er wird aber auch von uns als Pausenraum genutzt, von dem wir einen schönen Blick auf den See haben.

Dahinter, wo früher die Schalterbeamten sassen, ist jetzt ein Büro und daneben ein Raum, wo früher das Gepäck gelagert wurde. Dort gibt es auch noch eine alte Waage von früher und eine grosse Tür, was sich perfekt dazu eignet, die Möbelstücke rein und raus zu transportieren.

Den Gepäckraum teile ich mir mit einer Architektin und im Büro wird sich ein Fotograf einrichten.

Was musstest du alles verändern, um arbeiten zu können?

Eigentlich nicht viel. Die Räumlichkeiten bringen schon viel mit. Ich habe meine Werkbank reingestellt und konnte eigentlich fast schon loslegen. Ich höre gerne Schallplatten beim Arbeiten. Auch eine Kaffeemaschine habe ich geholt, dann war ich schnell eingerichtet.

Wie reagieren Menschen, die ihre Werkstatt betreten?

Viele sind verwundert, weil sie sich ein Billett haben kaufen wollen. Sie fragen sich dann so: «Hä? wieso ist denn hier eine Schreinerei»? Das ist noch lustig. Früher stand der Billettautomat in der Nähe und seit sie den aufs Gleis gepackt haben, kommt es teils zu Verwirrungen. Die Menschen freuen sich aber immer, dass der Raum endlich wieder genutzt wird und nicht mehr leersteht.

In einem Ranking hat es Meilen im Kanton Zürich auf den ersten Platz der besten Gemeinden geschafft. Was denkst du, hat da den Ausschlag gegeben?

Sicher zum einen der See und dann der Pfannenstiel – diese Kombination von Berg und See. Und man ist sehr schnell in der Stadt.

Mit welchen Wünschen kommen deine Kundinnen und Kunden zu dir?

Ich mache ja keine neuen Möbel, sondern restauriere liebgewonnene Stücke. Das können Stuhlbeine sein, die man überholen muss – oder ein Tisch, der neu geölt werden will. Aber auch Schminktische oder Sekretäre, bei denen die Platte nicht mehr festsitzt, flicke ich. Es ist mir ein Anliegen, die Lieblingsstücke meiner Kundschaft zu erhalten. Es macht mich glücklich, wenn ich sehe, dass die Menschen zufrieden sind und sich freuen, dass sie ihre Sachen wieder benutzen können. Es geht darum, Dinge, die für die Menschen einen Wert haben, zu erhalten und weiterleben zu lassen. Das Alter der Stücke ist da relativ. Es geht um den individuellen Wert für jede und jeden Einzelnen.

Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 3. Oktober 2022 08:28
aktualisiert: 4. Oktober 2022 09:10