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"Waffen hat man nicht zur Selbstverteidigung" – Entsteht eine neue Szene?

Schiesserei in Wallisellen

«Waffen hat man nicht zur Selbstverteidigung» – Entsteht eine neue Szene?

· Online seit 10.04.2022, 18:18 Uhr
Nach dem schrecklichen Vorfall in Wallisellen erklärt Josef Lang, Vertreter der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee, warum die Waffengesetzgebung in der Schweiz verschärft werden soll und was Waffenmissbrauch in der Schweiz mit den USA zu tun hat.
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Es ist ein Vorfall, der schweizweit und international für Aufruhr und Schockierung sorgte: Die Schiesserei in Wallisellen am Mittwoch, die tödliche Folgen für den Schützen und seine Begleiterin hatte. In der Wohnung des 38-Jährigen fand die Polizei Waffen und Munition, ausserdem war der Mann der Sportschützengruppierung Civilian Training Unit (CTU) in Volketswil bekannt, wie der Tagesanzeiger berichtete.

Josef Lang, Mitgründer der Sozialistisch Grünen Alternative Zug, Mitglied der Grünen Partei Schweiz und Vertreter der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA), erklärt im Interview mit ZüriToday seine Sichtweise zur Waffenszene und nimmt Bezug auf den Vorfall in Wallisellen.

Zunehmende Waffenkäufe

«Der Fall wirft einige kritische Fragen auf», beginnt Lang. «Wie kann so jemand eine Waffensammlung haben? Wie kann so jemand mit einer Waffe unterwegs sein? Hat er einen Waffentragschein gehabt?» In der Schweiz dürften nur Personen eine Waffe haben, die diese beruflich brauchen, erklärt Lang. «Das heisst als Securitas, für die Jagd oder als Mitglied eines Sportvereins. In diesem Sinn muss die Waffengesetzgebung verschärft werden.»

Die Politik könne laut Lang nur mit einem Willen der Mehrheit etwas dagegen tun, dass Waffen nicht mehr so missbraucht werden. «Ob so eine Verschärfung eine Chance hat, entscheidet das Parlament.» Das Problem heute in der Schweiz sieht Lang auf einer doppelten Ebene. «Einerseits nehmen Privatverkäufe von Waffen massiv zu. Dies von Personen, die nicht in einem Schützenverein oder Jäger sind. Das macht das Ganze unkontrollierbar.»

Schweizerische Tradition ist am Erodieren

Die massive Zunahme von privaten Waffenverkäufen verbinde sich mit einer ideellen Erosion, sagt Lang. Das ist die zweite Ebene. «In der Schweiz ist es historisch tabu, dass man eine Waffe zur Selbstverteidigung hat. Das ist amerikanisch, nicht schweizerisch. Diese Idee, dass der Einsatz von Waffen der Staat befindet und nicht die einzelne Privatperson – ausserhalb des Sports und der Jagd – diese Idee ist am Erodieren und das ist die grösste Gefahr.» Diese Gefahr werde durch das Diktatur-Geschwätz und den Gewalt-Diskurs eines Teils der Covidgesetz-Gegner noch verschärft.

Die schweizerische Waffentradition baue letztlich darauf, das Gemeinwesen, im Auftrag dessen, notfalls zu verteidigen. Nebenbei treibe man Sport oder jage. «Wenn die traditionelle Waffenlobby, die immer sagt, sie wollen Traditionen verteidigen, wirklich aus Traditionalisten besteht, dann verteidigen sie jene schweizerische Tradition, dass man Waffen nicht zur Selbstverteidigung hat.»

Ist eine neue Waffenszene am Entstehen?

Vor den Schützenvereinen hat Josef Lang keine Angst. «Diese kontrollieren irgendwo den ganzen Gebrauch der Waffen.» Er verstehe jedoch nicht, dass die Schützenvereine politisch eine so seltsam unverantwortliche Rolle spielen.

Das Problem sei, dass nebst den Schützenvereinen eine Szene entsteht, die mehr mit der amerikanischen als mit der schweizerischen Tradition zu tun hat. «Das hat in der Schweiz keinen Platz und das muss man verbieten. Mit der Waffe das Recht in die eigene Hand zu nehmen ist völlig unschweizerisch.»

Dass Personen einen Waffenfimmel haben, hätte es schon immer gegeben, meint Lang, vor allem bei Männern. Solange dies kontrolliert sei, beispielsweise in einem Schützenverein, sei es harmlos. «Wenn das zum Wildwuchs wird, wird es gefährlich. Früher gab es eine soziale Kontrolle und heute hat sich die Gesellschaft stark individualisiert. So weiss Einer gar nicht, ob sein Nachbar Waffen besitzt oder wie viele davon er hat.» Dies erhöhe die Gefahr der Waffensammlung, sagt Lang.

veröffentlicht: 10. April 2022 18:18
aktualisiert: 10. April 2022 18:18
Quelle: ZüriToday

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