Zürich

«Politische Kultur verludert» – Gender-Tag gibt im Kantonsrat zu reden

· Online seit 16.05.2023, 06:59 Uhr
Nach einem Shitstorm hat die Schule Stäfa ihren Gender-Tag abgesagt. Nun äusserten sich die Parteien im Kantonsrat dazu.
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Eigentlich war für den gestrigen Montag in der Schule Stäfa ein Gender-Tag geplant – ein Tag, an dem sich die Schülerinnen und Schüler mit Geschlechterrollen und Sexualität auseinandersetzen sollten. Mit kritischen Stellungnahmen dazu auf Social Media hatten die SVP-Nationalräte Andreas Glarner und Roger Köppel, gefolgt von weiteren SVP- und FDP-Mitgliedern, im Vorfeld einen Shitstorm ausgelöst.

Unter anderem veröffentlichte Glarner auch die Handy-Nummer einer Schulsozialarbeiterin. In der Folge kam es zu Beschimpfungen und Drohungen. Auf Anraten der Polizei blies die Schule daraufhin den Gender-Tag ab. Der Fall Stäfa hatte nun am Montag im Kantonsrat ein Nachspiel, wie die «Limmatttaler Zeitung» berichtet.

«Man sah das Wort Gender und tickte aus»

Aus allen politischen Lagern gab es Fraktionserklärungen. Für die Sozialdemokraten sprach Rafael Mörgeli (SP, Stäfa) von einem Trauerspiel und fügte an: «Man sah das Wort Gender und tickte aus. Was hier geschehen ist, ist rechte Hetze, die den Gender-Tag gecancelt hat.» So seien die Jugendlichen, die sich laut Mörgeli gerne den Fragen um Geschlechter und Sexualität gestellt hätten, mundtot gemacht worden.

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Jasmin Pokerschnig (Grüne, Zürich) doppelte nach: Glarner, Köppel, aber auch einzelne Kantonsräte aus den Reihen von SVP und FDP hätten mit ihren Posts in Kauf genommen, dass es zu Gewaltdrohungen und Telefonterror gekommen sei – und schliesslich zur Absage dieses seit zehn Jahren durchgeführten Gender-Tags.

«Stäfa hat gezeigt, dass etwas schiefläuft»

Das liess Susanne Brunner (SVP, Zürich) nicht unkommentiert: Die Fraktion von SVP und EDU bedaure, dass im Zusammenhang mit dem Gender-Tag Lehrpersonen und Schulbehörden-Mitglieder bedroht worden seien, sagte sie. Und hielt fest: «Dass sich die Schule mit Geschlechterrollen und Gleichberechtigung auseinandersetzt, ist richtig und wichtig.»

Ein Fehler sei es aber gewesen, dass die Schule den Begriff Gender-Tag, das Symbol Genderstern und das Transgenderlogo verwendet habe. Denn damit habe die Schule eine explizite politische Aussage gemacht. «Stäfa hat gezeigt, dass etwas schiefläuft», so Brunner weiter. «Nicht Eliten sollten den Takt vorgeben. Die demokratischen Instrumente sind auch hier der richtige Weg.»

FDP-Fraktionschef André Müller (Uitikon) betonte, die FDP lehne das Veröffentlichen von Telefonnummern und Namen des am Gender-Tag involvierten Schulpersonals ab. Gleichzeitig kritisierte er: «Die Einladung war sicher nicht optimal formuliert. Statt eines Gender-Tags könnten wir ohne weiteres einen Tag der Vielfalt durchführen.»

«Politische Kultur verludert»

Auch Mitte-Fraktionschefin Yvonne Bürgin (Rüti) nahm Stellung. Sie kritisierte den Aargauer Nationalrat Glarner: «Ohne abzuklären, was überhaupt der Inhalt dieses Gender-Tags war, hat Glarner einen Shitstorm losgetreten. Einmal mehr wird ein gewählter Volksvertreter aus einem Nachbarkanton zum Täter und zum Brandstifter.»

Bürgin weiter: «Dass ein Shitstorm zur Absage eines Unterrichtstages führt, ist ein Skandal und ein bedauernswert hilfloser Versuch, Aufmerksamkeit zu erzeugen.» Dabei zähle es zu den Aufgaben der Schule, auch Geschlechterrollen und Sexualität zu thematisieren. Ihr Fazit: «Lassen wir nicht zu, dass die politische Kultur immer weiter verludert.»

Anders sah es Hans Egli (EDU, Steinmaur): Die ganze Debatte sei aufgebauscht. «Es findet hier eine gespielte Empörung statt», sagte Egli. Lisa Letnansky (AL, Zürich) wiederum fand: «Was Glarner und Co antrieb, ist nicht das Wort Gender, sondern Transphobie.»

(Matthias Scharrer/Limmattaler Zeitung)

veröffentlicht: 16. Mai 2023 06:59
aktualisiert: 16. Mai 2023 06:59
Quelle: Limmattaler Zeitung

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